Berlin - Am Donnerstagabend merke ich, wie viel Glück ich habe im Leben. Wir sitzen zu fünft beisammen, trinken Radler, Wein und Tee. Und einer von uns erzählt, wie er ziemlich genau vor einem Jahr im Krankenhaus lag, wegen dieser Krankheit, deren Namen keiner mehr lesen will. Er, der nur ein paar Jahre älter ist, hat es knapp überlebt. Er sagt, er sei den Ärzten für immer dankbar. Seine Stimme ist fest dabei. Keine Ahnung, warum mir das auffällt, aber sie ist betont unsentimental. Er war auch in dieser Woche wieder im Krankenhaus, weil er Teil einer Studie über Menschen ist, die überlebt haben. Er sagt, er kenne einen Freund, der nicht so viel Glück hatte wie er. „Wenn der nach acht Stunden aufwacht, fühlt er sich fertiger als am Abend davor. Fatigue heißt das wohl.“

Trotzdem lachen wir viel am Donnerstagabend. Nach zwei Stunden winken wir in unsere Laptops. Natürlich war es ein Zoom-Treffen. Die meisten meiner Freunde habe ich seit einem Jahr nicht live gesehen. Ich hatte Glück, dass ich sie am Donnerstag sehen konnte und nicht selbst im Krankenhaus liege, oder eine Person, die ich vielleicht angesteckt habe. Denn vor einer Woche habe auch ich sie bekommen, diese Krankheit, von der alle reden.

Keine Panik in der Stimme

Das heißt, ich muss genau sein: Ich habe ein positives Testergebnis bekommen. Meine Arbeitsstelle hat einen Raum eingerichtet, wo jeder Mitarbeiter einen Schnelltest machen kann. Ich ging morgens hin, weil ich am Abend zuvor ungewöhnlich müde war. Nachdem ich die Flüssigkeit in das Testkit tröpfelte, wartete ich auf den ersten Strich. Der zeigt an, dass ein Test funktioniert. Doch dann sah ich zwei Striche: positiv.

Die Kollegin, die mir den Test ausgehändigt hatte, hat das bei Kollegen schon sehr oft getan. Doch bisher war nie ein positiver Fall darunter. Sie bekam sehr große Augen und sagte gleichzeitig, fast fürsorglich: „Am besten erst einmal ruhig bleiben und die Maske aufsetzen.“ Dann bat sie mich, alles, was ich angefasst hatte, in meine Tasche zu räumen (noch immer keine Panik) und anschließend nach Hause zu gehen. Ich: „Zu gehen? Sie meinen zu Fuß?“ Sie: „Ehrlich gesagt, ja.“

Manche Kollegen sind im Homeoffice, aber nicht alle wollen das

Während ich durch das morgendliche, sonnige Berlin lief, vorsichtshalber noch mit einer FFP2-Maske vor Nase und Mund, war ich schon nicht mehr in der Gegenwart. Ich ging jeden Tag im Kopf langsam zurück und stellte Listen auf: Eine Liste für Menschen, die ich angesteckt haben könnte und die ich anrufen musste, eine zweite für mögliche Momente, in denen ich mich angesteckt haben könnte.

Wir halten uns in der Redaktion an die Abstandsregeln. Niemand muss jemanden an die Maske erinnern, sie wird getragen. Im Gang, auf dem Weg zum Arbeitsplatz, im Café, im Fahrstuhl – in dem sowieso nie mehr als zwei Leute sind. Unsere Tische stehen in großem Abstand zueinander, unsere Sitzungen finden so statt, dass wir entweder in großen Runden mit Abstand im Kreis stehen – oder im Büro auf digitale Sitzungen schalten. Viele Kollegen sind im Homeoffice, aber nicht alle wollen das.

Das erste Mal kommt die Angst

Durch meinen positiven Test – er wird später durch einen PCR-Test bestätigt – hat sich das geändert. Und damit fangen auch die Gefühle an, die man wohl Schuldgefühle nennt. Ich wusste nicht genau, wo ich mich angesteckt habe, letztlich weiß ich das bis heute nicht. Es gibt einen Hinweis, aber der kommt erst Tage nach dem Test. Auf meinem Nachhauseweg quer durch die Stadt, Spittelmarkt, Humboldtforum, beim Lustgarten kam die Sonne plötzlich raus. An der Alten Nationalgalerie musste ich wie immer auf die Einschusslöcher aus dem Weltkrieg schauen. Am Telefon hatte ich abwechselnd die Personalabteilung und meine Kollegen am Hörer. Am Hackeschen Markt fiel mir auf, wie unglaublich müde ich war.

Und ich glaube, da kam auch zum ersten Mal Angst auf. Ich könnte Menschen, die mir etwas bedeuten, mit einer potenziell tödlichen Krankheit angesteckt haben. Eine Krankheit, deren Namen zwar keiner mehr hören kann, aber an der weltweit fast drei Millionen Menschen gestorben sind. In den drei Tagen vor dem Test war ich nur an einem Abend alleine zu Hause. Eine Freundin und ein Freund, jeweils die Besucher des Abends, könnten sich also angesteckt haben. Und natürlich meine Kollegen aus dem Büro, im Grunde: Alle. Wer weiß, was ich angefasst habe und welche Fehler man sonst noch so macht?

Ich will mich wegträumen

Als ich in Prenzlauer Berg angekommen war, stieg ich die Stufen hinauf, legte mich sofort ins Bett. Hatte mich der Spaziergang erschöpft? Oder der Stress, das Schuldgefühl, die Angst? Kurz darauf merkte ich zunächst, dass ich eine ganze Menge Aufgaben erfüllen musste: einen PCR-Test machen, mich beim Gesundheitsamt melden, eine Liste mit Kontakten erstellen, die Corona-Warn-App aktualisieren.

Vom Wochenende jedenfalls kann ich mich wegen des Fiebers nur an einzelne Folgen „Modern Family“ auf Netflix erinnern und an die ersten beiden Filme der „X-Men“-Reihe. Sie sind besser als ihr Ruf, voller Referenzen auf andere Bücher und Filme. Vielleicht übertreibe ich auch, vielleicht wollte ich mich einfach ein bisschen in eine Welt mit Superkräften träumen. Der zweite Film endet ungewöhnlich düster: Einer der Superhelden stirbt.

Bisher sind alle meine Kollegen negativ

Am Montag tauche ich langsam wieder aus dieser Welt auf. Ich habe in einer Fieberpause mein Testergebnis schriftlich dem Gesundheitsamt gemeldet. Ich habe eine Liste abgeschickt, die schon direkte Konsequenzen hatte: Alle meine Kollegen sind meinetwegen in Quarantäne, diese gesamte Ausgabe ist zum ersten Mal ohne direkten Kontakt aller Beteiligten entstanden. Außerdem haben das Virus und ich gemeinsam auch die Pläne ihres Wochenendes auf dem Gewissen. Einzig gutes Zeichen: Alle meine Freunde und Kollegen haben bisher nur negative Testergebnisse, Schnelltests und PCR. Nur ein Ergebnis braucht seltsam lang. 

Ich rufe die Nummer der Corona-Warn-App an. Ein junger Mann stellt sich vor und fragte, warum ich anrufe. „Ich wollte mein positives Testergebnis angeben.“ Er: „Dann ist ja gut, wir bekommen viele Fake-Anrufe.“ Ich frage mich, wer so etwas macht, Mitarbeiter vom Gesundheitssystem von der Arbeit abhalten? Kurz nachdem er mein Ergebnis eingetragen hatte, bekommen alle, die auf der Liste stehen, eine Warnung auf ihrer App. Manche schreiben mir das. 

Immer sei die Luft knapp

Am Dienstag klingelt meine Nachbarin. Es ist zwar der erste Tag ohne Fieber, aber ich sage ihr, welche Krankheit bei mir festgestellt wurde und sie verschwindet hinter ihrer Tür. Durch den Spalt ruft sie mir zu, dass sie ein Bohrer-Set benötige. Ich lege eines vor ihre Tür. Sie wünscht durch das Holz hindurch gute Besserung. Zum ersten Mal denke ich: Schwein gehabt.

Noch immer kein Ergebnis des Tests des letzten Kollegen. Es sei „unklar“, aber es bestehe der „Verdacht auf eine Infektion“. Inzwischen hat der Kollege selbst den Verdacht. Er hat Kopfschmerzen, ist müde, fühlt sich schlapp. Riechen kann er noch. Ein alter Freund aus Orlando meldet sich und erzählt von seinem Verlauf, er sei leicht gewesen. „Aber jetzt fühle ich mich, als würde ich in 4000 Metern Höhe leben.“ Immer sei die Luft knapp. Er weiß nicht, ob das je wieder weggeht. Er ist jünger als ich, verdammt.

Manche vertragen die Einsamkeit nicht

Abends ruft mich meine Hausärztin zurück. Es ist 20 Uhr, und für einen Moment stelle ich mir ihren Tag, der wahrscheinlich vor zwölf Stunden in der Praxis begann, vor. Sie kann mich beruhigen. Nicht das Schuldgefühl, aber die Angst geht zurück. Sie sagt, dass meine Symptome darauf hindeuten, dass ich es wahrscheinlich überstanden habe. Wegen der leichten Kopfschmerzen soll ich ruhig eine Paracetamol nehmen. Und weiter viel schlafen.

Am Mittwoch ruft mich das Gesundheitsamt zurück. Die Dame ist ausnehmend freundlich, wir reden fast eine Dreiviertelstunde: über die Liste, über Symptome, auch darüber, welche neuen Regeln jetzt gelten. Sie sagt, dass ich keine Post holen dürfe, dass auch der Müll von Freunden heruntergebracht werden muss. Am Ende interviewe ich sie kurz, sie möchte anonym bleiben. Sie ist 27, sitzt 20 Stunden pro Woche am Telefon des Gesundheitsamtes in Pankow und studiert Humanbiologie. Deshalb sei es auch spannend für sie, während der Pandemie etwas Sinnvolles zu tun. Nimmt sie die Arbeit manchmal im Kopf mit nach Hause? „Was mich berührt, das sind die Lügen“, sagt sie. „Wenn jemand sagt, er sei zu Hause und ich höre die U-Bahn im Hintergrund. Oder wenn jemand nicht sagt, woher er das Virus hat, obwohl ich heraushöre, er will es nur nicht sagen.“ Was sie auch anrühre: Wenn sie Menschen beruhigen muss, weil sie die Einsamkeit nicht ertragen.

Fuck Corona

Die Einsamkeit, ich habe sie in den vergangenen Tagen nicht kennengelernt, vor allem seitdem ich kein Fieber mehr habe. Fast täglich fragen Freunde nach, wie es mir gehe. Meine Eltern sowieso, ausgerechnet am Mittwoch wurden sie geimpft. Mittwochabend dann zwei Nachrichten: Von einer erfahre ich, dass jemand den Verdacht hat, mich angesteckt zu haben, und von der zweiten Meldung: Der Test des Kollegen ist positiv. Ich habe kaum geschlafen in der Nacht.  

Ich dachte an diesen Moment zurück, als das Virus noch allein bei mir war. Wann habe ich meinen Kollegen angesteckt? Es muss vergangene Woche gewesen sein. Er saß in einem Raum am Laptop, ich kam hinein und wir redeten zehn Minuten. Mehr nicht. Ich setzte mich dazu. Ich weiß gar nicht mehr, worum es ging, aber ich weiß, ich hatte beim Verlassen des Raums das Gefühl, dass ich genau weiß, was ich jetzt als nächstes tun muss. Und ich bin mir sicher, ich hatte eine Maske auf, als ich den Raum verließ. Fuck Corona. 

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.