Berlin - In unserer Nachbarschaft wohnen junge Eltern, die aus Prenzlauer Berg verdrängt wurden, venezolanische Ärzte und Ost-Rentner. Die Gruppen mischen sich nicht, außer in dem kleinen Laden am Ende der Straße, da kommen alle zusammen. Draußen klebt eine Regenbogenflagge, drinnen gibt es Zigaretten, Zeitschriften, Bockwurst, Kaffee; Pakete kann man auch abgeben. An der Wand hängt ein Bildschirm, auf dem Musikvideos laufen, manchmal läuft aber auch ein New Yorker Radiosender.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 29. Mai 2021 im Blatt: 
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Der Betreiber, Heiko, duzt alle, egal, ob sie zum ersten oder zum hundertsten Male kommen. Die Hochzeit mit seinem Freund annoncierte er stolz an der Ladentür. Neulich waren die Kinder mal wieder bei Heiko, um ihr Taschengeld auszugeben. Sie gingen zielstrebig zum Zeitschriftenregal, wählten je ein buntes Heft aus, dann gingen sie zur Kasse. Heiko guckte auf die Kinder, dann auf die Hefte, auf die Kinder, dann auf mich.  „Erstaunlich, wie früh sich die Geschlechterrollen herausbilden“, sagte er. Das Wort „Geschlechterrollen“ hing für einen Moment im Laden. Mein Sohn hatte ein Ninjago-Heft ausgewählt, meine Tochter eins mit Prinzessin Lillifee.

Ich wollte mich sofort rechtfertigen. Ich wollte Heiko erzählen, wie wir uns von Anfang an gegen Geschlechterklischees gewehrt haben, wir wollten unsere Kinder ohne Stereotype aufziehen, wie es sich für moderne Eltern gehört. Schon in der Schwangerschaft habe ich mir nicht sagen lassen, ob es ein Junge oder Mädchen wird, weil ich gelesen hatte, dass das schon die Vorstellungen vom Kind prägt.

Ich wollte mein Kind nicht in rosa oder blaue Strampler stecken. Zum ersten Geburtstag bekam mein Sohn keinen Laster, sondern ein Xylophon, zur Geburt seiner Schwester schenkten wir ihm eine Puppe. Wir ermutigten ihn, die Fingernägel zu lackieren und einen Rock zu tragen.

Das Mädchenhandy

Inzwischen spielt meine Tochter mit der Puppe ihres Bruders. Sie trägt am liebsten Rosa oder Lila. Er liebt Lego, Hosen, kurze Haare, unlackierte Fingernägel. Wenn im Radio ein Lied läuft und eine Frau singt, schimpft mein Sohn, er wolle jetzt aber „Mann-Musik“. Er mag: Led Zeppelin und Primal Scream. Wenn im Radio Lana del Rey läuft, springt meine Tochter auf und tanzt und mein Sohn hält sich die Ohren zu.

Ich mache mir Sorgen. Wenn sie heute Rosa mag und mit Puppen spielt, was heißt das für ihre spätere Entwicklung? Kann sie damit karrieretechnisch einpacken? Ich übertreibe? Über solche Sachen machen sich Eltern heute Gedanken. Bei Zeit Online las ich, wie eine Mutter sich müht, ihren Sohn zum Feministen zu erziehen. Ist es dafür bei meinem Sohn schon zu spät, mit seiner Vorliebe für Mann-Musik?

Wenn meine Kinder zusammensitzen, spielt sie Familie mit den Legofiguren. Er bastelt Autos, Flugzeuge, Kriegsgeräte. Als mein Mann neulich nicht da war, fragte mein Sohn, ob ich Papas Handy habe, damit er die Lego-App mit den Bauanleitungen nutzen kann. Ich sagte, ich könne die App auf mein Handy laden. Mein Sohn erwiderte: „Aber du hast doch ein Mädchenhandy, das kann nur Mädchensachen.“

Ja, ich habe ein Mädchenhandy, es hat sogar eine rosa Hülle. Es gab nichts anderes. Gilt das als Entschuldigung? Heiko, wir sind gescheitert, sagte ich. Allerdings nur in meinem Kopf. Heiko hatte „Ninjago“ und „Prinzessin Lillifee“ gescannt. Er nahm das Geld, das die Kinder hingelegt hatten, dann winkte er den Kindern zu und tanzte durch den Laden. Es lief New Kids on the Block, „Step by Step“. An Rechtfertigungen war er nicht interessiert.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.