Berlin - An einem trüben Berliner Tag, zwischen dem Grau umliegender Gebäude, ist Navot Millers Atelier in Tempelhof eine Epiphanie von Farbe. Hier stehen die unfertigen Ölgemälde des 30-jährigen US-israelischen Wahlberliners. Meist sind es Porträts in leuchtend-comichaften Farben, in einer widersprüchlich wirkenden Mischung aus jüdischer und schwuler Bildsprache. Einige werden im August auf der St. Agnes Kunstmesse ausgestellt, die anderen auf Millers erster Einzelausstellung in Salzburg Mitte Juli. „Kunst war mein Backup-Plan“, sagt Miller, „eigentlich wollte ich Architektur studieren.“ Er hatte sich in Berlin mehrmals beworben, wurde dreimal abgelehnt. Den Traum, Architekt zu werden, habe er aber nicht aufgegeben. Das spiegelt sich auch in den Sujets seiner frühen Zeichnungen, in geometrischen Mustern und Strukturen wie Häusern, Bäumen und Laternenmasten. 

Miller wurde 1991 in der Kleinstadt Shadmot Mehola geboren, einer national-religiösen israelischen Siedlung in der Westbank, als Sohn einer US-amerikanischen Mutter und eines algerisch-französischen Vaters. „Als Kind wuchs ich in einer konservativ-orthodoxen Gemeinde auf, die strenge Regeln befolgte. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich als Homosexueller wirklich akzeptiert werden könnte“, erinnert er sich. Von klein auf sagte er sich, dass er, sobald er könne, woanders leben würde. In einem Kunst-Magazin, das neben autobiografischen Kurztexten auch bunte Zeichnungen enthält, widmet er sich seiner Heimatstadt. Er wählt infantile Sprache, ganz so als spräche hier ein inneres Kind: „In shadmot mehola ist das licht zu hell, weiß. In shadmot mehola sind alle heterosexuelle, in shadmot mehola leben alle, die nicht hetero sind, nicht in shadmot mehola.“

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