Berlin - Auf einem Foto aus dem Frühjahr 2019 sitzt Mona, gerade 20 geworden, in Badehose auf einem geschnitzten Holzmotorrad. Ihre Hände greifen die Lenker, ihr T-Shirt und die blonden Haare sind klitschnass. Hinter ihr sitzt eine junge Frau. Ihre Beine, Arme und die Zunge hat sie ausgestreckt, auch ihre Kleidung ist vom Regen getränkt. Ich habe Mona, meine Schwester, selten so herzhaft lachen sehen wie auf diesem Foto. Und auch die Frau hinter ihr lacht freundlich. Nur habe ich diese Frau noch nie in echt lachen sehen.

Die beiden wirken glücklich, wie sie herumblödeln, dem Regen trotzen. Ich habe das Bild zum ersten Mal auf Facebook gesehen und damals, 2019, rasch weggeklickt. Aus Unverständnis, aus Sorge, vielleicht aus Angst.

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Mona und Kate, so heißt die junge Frau auf dem hölzernen Rücksitz, sind ein Paar. Das war es nicht, was mir Sorgen bereitete, im Gegenteil. Ich freute mich riesig für meine Schwester, dass sie einen Menschen gefunden hatte, den sie liebt. Was mich überfordert, auch heute noch, ist die Art, wie die beiden ihre Beziehung führen. Denn der Moment auf dem Motorrad ist bis heute eine Ausnahme. Auf diesem Bild sind Mona und Kate beieinander. Doch eigentlich führten sie in den letzten drei Jahren eine Fernbeziehung zwischen einem Dorf am Kaiserstuhl und einer Kleinstadt auf den Philippinen. Dort wohnt Kate, die heute 25 Jahre alt ist, drei Jahre älter als Mona.

Eine Liebe trotz digitaler Distanz

Die beiden lernten sich über ihre Handys kennen, lange bevor sie zusammen auf dem Motorrad saßen. Sie verliebten sich durch ihre Handys und sie wurden ein Paar durch ihre Handys – ohne sich je gesehen, gerochen oder geküsst zu haben. Erst nach einem Jahr digitaler Liebe umarmten sie sich zum ersten Mal. Meistens aber sehen sich die beiden nur über ihre Bildschirme.

Dies hier soll keine Geschichte über mich sein, sondern über Mona, ihre Liebe und meine Zweifel daran, die mich so quälen und von denen ich mich frage: Warum?

Eigentlich reden Mona und ich über fast alles. Über ihr Studium, über unsere Eltern und Großeltern, über unseren Kater, über Steuererklärungen, über früher und über heute. Wir haben einen guten Draht zueinander, ich kann mich an keinen großen Streit zwischen uns erinnern.

Doch so gut wie jedes Mal, wenn ich sie in den vergangenen drei Jahren zu Hause besuchte, ging ich mit einem schlechten Gewissen. Entweder, weil meine Freundin mit dabei war und wir uns – im Gegenteil zu Mona und Kate – nah sein konnten, oder, weil ich Mona wieder nicht nach ihrer Freundin gefragt hatte. Obwohl ich sie fühlen konnte. Sie saß mit am Tisch – digital. Ab und zu tippte Mona unter der Tischplatte in ihr Handy. Manchmal hielt sie mir Kate im Videochat vor das Gesicht, damit ich Hallo sagen kann. Außer „Hey, how are you?“ brachte ich allerdings nicht viel raus.

Irgendwann, ich kann gar nicht genau sagen, wann, wurde ich wütend. Ich kam mir so stocksteif, so konservativ und verschlossen vor, dass ich mir nicht einfach mal das Handy geschnappt hatte, um Kate kennenzulernen. Sie war ja immer nur einen Anruf entfernt. Doch mir fiel es schwer, die Liebe der beiden zu greifen. Diese verfluchte Distanz! Für mich kann auch ein digitales Bild sie nicht aufheben. Ich muss den Menschen vor mir stehen haben, um ihn an mich heranzulassen und mich zu öffnen.

Homosexuelle Kontakte über YouTube-Videos

Ich habe nie an der Liebesform meiner Schwester gezweifelt, daran, dass sie homosexuell ist und somit anders liebt als ich. Doch warum fällt es mir so schwer, ihre Liebe auf Distanz zu verstehen?

Jetzt, drei Jahre nachdem die beiden ein Paar wurden, will ich es versuchen; ich will wissen, wie ihre Beziehung funktioniert, wie sie sich überhaupt kennenlernten und welche Pläne sie haben.

Ich schäme mich fast etwas, als ich Mona frage, ob wir endlich mal darüber reden können. Doch Mona reagiert gelassen. Sie freut sich, dass ich, ihr großer Bruder, endlich Interesse zeige. Wir treffen uns auf einen Spaziergang durch Freiburg, in der Nähe unseres Heimatdorfs, und quatschen mehr als drei Stunden. Am Ende haben wir beide feuchte Augen.

Am 14. Oktober 2017 ploppte bei Mona die Nachricht einer Unbekannten auf: „Hi.“ Ein Mädchen mit schwarzem Kurzhaarschnitt, vollen Lippen und einer Brille schreibt ihr auf „Amino“, einer Community-App, die ähnlich wie Facebook funktioniert und einen Ableger für LGBT*-Personen hat. Tausende Menschen aus der queeren Gemeinschaft chatten hier miteinander, egal von wo, egal mit wem.

Mona erzählt mir, dass sie damals schon zwei oder drei Jahre lang wusste, dass sie auf Frauen steht. Der einzige Kontakt mit anderen homosexuellen Frauen bestand aber bis zu diesem Sommer fast nur aus YouTube-Videos, zum Beispiel von „Rose and Rosie“, einem lesbischen Paar aus England, das über Babys, Sex und Paar-Routinen tratscht. Mama, Papa und mir hatte Mona es damals noch nicht erzählt, auch nicht ihren Freundinnen.

„Lucky and #notavailable“

Als ich später tatsächlich zum ersten Mal mit Kate telefoniere, sagt sie, sie hätte niemals damit gerechnet, dass Mona zurückschreibt. Doch sie schrieb zurück. Einen Screenshot ihres ersten Kontakts hat Kate auf Instagram gepostet, mit dem Kommentar: „Good thing I did the first move!“

Sie schrieben erst locker über alles Mögliche: Wie es läuft, was sie so machen, wo sie herkommen. Kate ging aufs College, sie wollte Lehrerin werden. Mona erzählte ihr von ihren Plänen, nach Neuseeland und Australien zu reisen. Sie schrieben fast jeden Tag, zwei Monate nach ihrem ersten Kontakt telefonierten sie zum ersten Mal, bald jeden Tag. Nicht lange, und Kate gestand, dass sie sich in Mona verliebt habe. Mona aber wollte nicht wieder eine Fernbeziehung. Eine ähnliche Konstellation war ein halbes Jahr zuvor gescheitert.

Am 19. März 2018 sitzt Mona in der Nacht in einem Hostel in Wanaka, einem kleinen Ort an einem See auf der Südinsel von Neuseeland. Sie ist bereits einen Monat mit ihrer besten Freundin Lea auf Reisen, die ebenfalls lesbisch und eine ziemlich gute Gesprächspartnerin ist. Die anderen Backpacker schlafen vermutlich schon, als Mona wieder mal mit Kate telefoniert.

Nachdem Mona das erste Mal wirklich von zu Hause weg ist, die Luft der Weite atmet und Zeit zum Nachdenken hat, sagt sie Kate, dass sie sich auch in sie verliebt habe. Ihrer Freundin Lea zeigt Mona am nächsten Tag einen Facebook-Post von Kate: „Lucky! #notavailable“

Die Sorgen der Eltern

Zwei Monate später klingelt mein Handy. Mona ruft aus Australien an. Sie erzählt mir, dass sie lesbisch ist. Es schockt mich nicht. Doch dann sagt Mona, dass sie eine Freundin auf den Philippinen hat. Ihr großer Moment, wie passend, am Handy. Und ich? Ich Depp muss lachen, sage, dass ich es witzig finde und cool. Wahrscheinlich, denke ich jetzt, wollte ich es so von mir fernhalten, um mich nicht mit meinem Unverständnis auseinandersetzen zu müssen.

Unsere Eltern hätten einigermaßen cool reagiert, sagt Mona. Mama beklagt sich allerdings bis heute, nur halb im Spaß, dass Mona „extra um die halbe Welt fliegen musste, um uns das zu sagen“.

Als Mona im Sommer 2018 wieder nach Hause kommt, fällt mir auf, dass sie plötzlich ihr Handy immer und überall dabei hat. Am Esstisch, im Bad, beim Wandern. Mona verbringt, diese Daten spuckt ihr Handy aus, ein Drittel ihres Tages am Handy, bis zu acht Stunden. Im Durchschnitt alle 13 Minuten entsperrt sie es.

Ihre meistgenutzte App ist der Facebook-Messenger, weil man den auf den Philippinen kostenlos nutzen kann: Man braucht nur eine Sim-Karte, verbraucht aber keine mobilen Daten für den Chat. Bilder empfangen kostet hingegen, Videotelefonieren auch. 1000 Pesos muss Kate im Monat dafür ausgeben, umgerechnet 17 Euro. Mona überweist ihr das Geld jeden Monat, damit sie es sich nicht bei Freunden leiht. In Kates Haushalt mit Vater, Stiefmutter, Geschwistern und Halbgeschwistern ist das Geld oft knapp.

Mona legt die Arbeitszeiten ihres Freiwilligen Sozialen Jahres wegen der Zeitverschiebung so, dass sie mittags mit Kate telefonieren kann, bei der es dann Abend ist. Nachts, wenn auf den Philippinen der nächste Tag beginnt, sprechen sie weiter. Meine Eltern hören Monas Stimme bis tief in die Nacht. Freundinnen trifft sie in dieser Zeit kaum. Sie scheint sich, zumindest ist das mein Gefühl, ihre eigene digitale Welt zu schaffen.

Unsere Mutter versucht als Erste, Kontakt zu Kate aufzunehmen. Sie winkt ab und zu in die Handykamera, erzählt von ihrem Alltag. Kate nennt sie bald Mama. Bis heute geht meine Mutter am coolsten von uns allen mit Monas Fernbeziehung um.

Unserem Papa geht es in etwa so wie mir – nur, dass er noch weniger darüber redet. Er hatte, das erzählt er mir, lange die Sorge, dass Kate Mona nur ausnutzt, um nach Europa zu kommen.

Meine Schwester wirkt zufrieden

Solche Gedanken waren damals auch mir nicht fremd. So richtig wahrhaben wollte ich das Ganze nicht. Manchmal dachte ich, dass Mona sich in einer Fernbeziehung erst mal ausprobieren will, Kate ist ja schön weit weg. Manchmal habe ich auch Angst, dass Mona sich immer mehr zurückzieht.

Bald sagt Mona, dass sie auf die Philippinen verreisen will, alleine. Dass sie das wirklich ernst meint, merke ich erst, als es so weit ist. Beim Essen mit unseren Eltern, am Abend vor ihrem Abflug, muss ich weinen und drücke sie so lange wie noch nie. An diesem Abend bin ich aber auch stolz auf Mona. Mona, die noch ein Jahr zuvor schon weiche Knie bekam, wenn sie alleine nach Freiburg fahren musste.

Am Nachmittag des 7. Februar 2019 steigt Mona in ein Flugzeug, das sie von Zürich nach Doha bringt und von Doha nach Angeles City auf den Philippinen. Sie übernachtet in einem Guesthouse und fliegt am nächsten Morgen weiter nach Naga City. Ihr Herz, erinnert sie sich, klopft ihr bis zum Hals, als sie durch ein kleines Fenster am Flughafen zum ersten Mal Kate sieht.

Auch von ihrer ersten Umarmung gibt es ein Foto. Mona mit schwerem Koffer, Kate, die Mona bis zum Kinn geht. Ihr erster Satz: „You’re so tall.“

Mit Kates Onkel fahren sie in das kleine Dorf, die ganze Familie wartet auf dem Hof. Als sie im Zimmer ein paar kurze Minuten für sich haben, fragt Mona, ob sie sich mal richtig umarmen können.

Mona schickt uns täglich Bilder, von Rollerausflügen, Fahrradtouren, von Kates College-Abschiedsfeier, von einer Osterprozession, bei der mich Mona an Dirk Nowitzki erinnert – die große Blonde in der Menschenmasse. Sie schreibt uns, sie werde unfassbar gut aufgenommen. Sie lernt Familie, Freunde, ja eigentlich das ganze Dorf kennen, das Meer, die Wälder und die Straßen. Drei ganze Monate lang.

Als sie mir bei unserem Spaziergang von ihrem Abschied erzählt, meine ich, das alles endlich zu verstehen. Mit Gefühlen bekommt man mich eben immer. Den ganzen Tag hätten sie versucht, ihre Tränen irgendwie zu unterdrücken. Sie dachten damals noch, am Flughafen von Manila, dass sie sich erst in dreieinhalb Jahren wiedersehen würden, wenn Monas Studium zu Ende ist. Heute, zwei Jahre nach dem Abschied, glänzen Monas Augen wieder. Und meine jetzt auch.

Inzwischen haben sich ihre Pläne geändert. Wenn alles klappt, Corona irgendwie, irgendwann mal im Griff ist, dann will Kate in Monas Sommer-Semesterferien für zwei Monate an den Kaiserstuhl kommen. Ihre erste Reise außerhalb der Philippinen. Mona legt jeden Monat Geld auf die Seite, wohnt noch zu Hause, damit sie kein Geld für eine Wohnung ausgeben muss, verzichtet auf so vieles. Ihren Führerschein stellt sie hintenan, sie fährt nicht in den Urlaub, nur ab und zu geht sie mal mit Freundinnen ein paar Bier trinken.

Und doch wirkt sie zufrieden. Sie sagt, sie habe einen Menschen gefunden, mit dem sie über alles reden könne, bislang nur eben über das Telefon statt von Angesicht zu Angesicht. Ihre Beziehung lebt von der Hoffnung, irgendwann zusammenzuleben, hier in Deutschland. Und sie lebt von stundenlangen Gesprächen, die wohl intensiver sind als bei manch anderem Paar.

Es fällt mir jetzt leichter zu verstehen, warum die beiden sich diese Sehnsucht antun. Es macht mich aber auch traurig, weil ich weiß, dass es wohl noch eine Weile dauern wird, bis Kate ganz hierhin ziehen kann. Ich bewundere Mona für diese Ausdauer. Mich würde es zerreißen.

Ein paar Tage nach unserem Spaziergang klingelt mein Handy. Im Facebook-Messenger sehe ich erst Mona und dann Kate. In der Stunde vorher hätte ich eigentlich einen Text schreiben sollen, bin aber in der Wohnung auf und ab gelaufen. Kate ist auch nervös, sagt sie zumindest. Doch sie fängt einfach an zu reden. Wir quatschen anderthalb Stunden, über den Taifun, der gerade über ihr zusammenbricht, über Mona, über ihren Laden, mit dem sie versucht, etwas Geld für Visa und Flug zu sparen. Da wird mir klar, wie ernst die beiden es meinen mit ihrem Traum – und mit sich. Warum nur habe ich dieses Gespräch so lange vor mir hergeschoben? Weil der Schatten mir zu groß war, um darüber zu springen? Weil ich selbst genug im Kopf hatte? Jetzt ist alles egal, ich verstehe es – endlich.

Als Kate sich umdreht, sehe ich, dass hinter ihr ein Teddybär liegt. Es ist der gleiche, der auch neben Monas Bett liegt. Sie erzählen mir, dass sie ihn drücken, wenn sie sich vermissen. Dann denken sie sich 10.700 Kilometer in die Ferne. In die Arme der anderen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.