Berlin - Der Morgen des 14. November 1961 (das Datum ist in der Chronik der DDR festgehalten) war frisch und klar, daran erinnere ich mich. Ich war neun Jahre alt, und ich werde diesen Tag nie vergessen. Ich war auf dem Weg zur Schule, und ich war ein begeisterter Schüler. Ich hielt kurz an der Ecke zum Strausberger Platz an, aber die breite Straße war leer, es kam kein Auto. Ich überquerte die Straße und dabei beschlich mich das Gefühl, irgendetwas hat sich verändert, aber ich wusste nicht, was. Auf der anderen Straßenseite angekommen, wusste ich, was sich geändert hatte: das Straßenschild, es war ein Stück weit länger geworden. Dort, wo am Vortag noch die gewohnte „Stalinallee“ gestanden hatte, stand nun „Karl-Marx-Allee“. Die Schilder waren über Nacht ausgetauscht worden. Ich ging zur Schule, an meine Gefühle und Gedanken erinnere ich mich nicht. Vor meiner Schule traf ich, wie gewohnt, viele meiner Mitschüler in der langen Reihe der Wartenden an. Wir waren doch alle begeisterte Schüler und kamen also immer zu früh. An diesem Tag große Aufregung, und die, die bis zum Vortag noch in der Stalinallee gewohnt hatten, direkt in der Nähe des Stalin-Denkmals dort, erzählten, sie hätten in der Nacht nicht schlafen können, in der Nacht sei das Stalin-Denkmal abgebaut worden.

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