Berlin - Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit und steht seit Jahrzehnten im Zeichen des Protestes. Was mir auffällt, ist, dass erstaunlich viele junge Leute und Jugendliche erstaunlich stumm sind. Ja, die meisten Jugendlichen gelten heute als unpolitisch, aber auch die Klimaschützer um Greta Thunberg sind derzeit nicht besonders laut. Dabei bemängelten sie doch in den Monaten vor der Corona-Krise immer wieder vehement – und zu Recht, wie ich finde –, dass ihre Generation keine gute Zukunft auf dem Planeten habe. Wo sind diese Stimmen jetzt?

Das mediane Alter der Coronatoten liegt in Berlin laut Landesamt für Gesundheit und Soziales bei 83 Jahren. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich weiß, dass vor allem ältere Menschen durch das Corona-Virus gefährdet sind. Und das will ich mit diesem Text gar nicht in Abrede stellen. Was ich grundsätzlich an der derzeitigen Politik unserer Regierung und der Großen Koalition generell kritisiere, ist, dass hier sehr alte Menschen Politik für alte Menschen machen. Jetzt werden Sie sagen, ja, das entspricht ja auch der Demografie in Deutschland. Haken dran. Und da haben Sie auch auf den ersten Blick Recht, denn der durchschnittliche Bewohner in diesem Land ist derzeit nach jüngsten Berechnungen knapp 45 Jahre alt. Und trotzdem sage ich, dass die Alten viel zu viel Macht in diesem Land haben. Und das wiederum ist schlecht für die Zukunft der jungen Menschen in diesem Land.

Die aktuelle Bundesregierung zum Beispiel ist mit einem Durchschnittsalter von 54,3 Jahren deutlich überaltert und hat nur wenig oder gar keine Kinder. Von 16 Ministerninnen und Minister haben aktuell nur neun überhaupt Nachwuchs. Im Bundesschnitt lag die Geburtenrate zuletzt bei 1,5 Kindern. Das Kabinett kommt nur auf 1,2 Kinder pro Posten.

Und viele der Ministerinnen und Minister sind zudem reine Aparatschiks – die zwar den Machtpoker in den Parteien von der Pike auf gelernt haben, aber wenig Erfahrung in der freien Wirtschaft haben. Viele von ihnen haben, wie zum Beispiel der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der mit 48 Jahren noch einer der jüngsten im Kabinett ist, noch nie in einem normalen Beruf gearbeitet.

Und all diese Faktoren wirken sich dramatisch auf die (Fehl-)Entscheidungen aus, die diese Politiker immer wieder treffen. Die von der SPD initiierte Grundrente – ein Beispiel für die rückwärtsgewandte Politik des Geldausgebens mit der Gießkanne – ist ein gutes Beispiel. Die SPD behauptet ja immer wieder, dass sie anteilig von immer mehr Rentnern unterstützt werde. Das ist aber nur so, weil ihnen in den jüngeren Kohorten die Wähler in Scharen und immer schneller davonlaufen.

Das Dogma der Schuldenbremse

Auch das Dogma der Schuldenbremse und die Milliarden schweren Corona-Hilfsprogramme und die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht sorgt nicht für Zukunftsgewinnung, sondern für düstere Zukunftsaussichten für meine Generation (ich bin 33 Jahre alt). Warum, weil vor der Coronakrise einfach Milliarden gespart wurden und das trotz Niedrigzinsen. Und das obwohl wir in diesem Land seit Jahren zum Beispiel bei Bildung und Infrastruktur einen riesigen Investitionsstau haben. Selbst der ehemalige italienische Ministerpräsident machte sich 2019 in einem Interview über die deutsche Schizophrenie lustig.

Und heute? Geben wir das gesparte Geld wieder mit der Gießkanne aus und nehmen zusätzlich einen weiteren riesigen Schuldenberg auf. 2019 hatten wir einen prozentualen Schuldenstand von knapp 60 Prozent. Bis Ende 2022 werden wir laut Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) auf einen Schuldenstand von mehr als 75 Prozent kommen. Das wären dann rund 2,7 Billionen Euro. Und das ist konservativ gerechnet. „Je nachdem, was in den kommenden Wochen und Monaten noch passiert, kann diese Zahl auch noch größer werden“, sagte IW-Direktor Michael Hüther.

Und wohin fließt das ganze Geld jetzt? Es wird wie mit dem Wasserschlauch in die gesamte Volkswirtschaft gepumpt. Es fließt in Unternehmen, die es lohnt zu retten, aber auch in schon vor der Krise marode Zombie-Unternehmen. Ein befreundeter Insolvenzanwalt erzählte mir kürzlich, dass die KfW sogar auch noch Geld an Unternehmen überwiesen habe, die sich bereits in einem Insolvenzverfahren befunden hätten. Die Hausbank schlug Alarm, die Fördersumme wurde trotzdem in die Insolvenzmasse ausgezahlt. Ganz zur Freude der Gläubiger.

Warum rettet man TUI und Condor?

Schaut man sich die prominentesten Unternehmen an, die von der Bundesregierung zum Teil gerettet wurden, fällt auf, dass es sich oft um rückwärtsgewandte Geschäftsmodelle – die Pauschalreiseanbieter TUI oder Condor sind so ein Fall – handelt, die auch vor dem drohenden Klimawandel langfristig nicht mehr gefördert werden sollten. Und was interessiert uns junge Leute, dass die Pensionen hochbezahlter Lufthansa-Piloten viele weitere Jahre stabil bleiben?

Das alles macht für mich insgesamt wenig Sinn. Stattdessen wäre gerade in der Coronakrise zumindest die einmalige Chance gewesen, unsere Volkswirtschaft in Richtung Zukunft zu steuern. Denn die Herausforderungen im noch langen 21. Jahrhundert sind gerade für die deutschen Geschäftsmodelle – Stichwort: Autoindustrie – besonders groß. Digitalisierung, Automatisierung und die Klimakrise werden unserer Generation und den Generationen nach uns in immer schnelleren Zyklen Innovationsleistungen abverlangen.

Den deutschen Bundesministern und Politikerinnen, die das zu verantworten haben, werden die Probleme, die sie geschaffen haben, nicht mehr erleben. Sie gehen in den nächsten fünf bis zehn Jahren in Rente und können sich auf eine üppige Pension freuen. Und die Jungen? Können sehen, wo sie bleiben.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.