Berlin - Nur wenige Länder auf der Welt haben im Verhältnis zu ihrer kleinen Landfläche oder Bevölkerung so viel „Soft Power“ wie Irland. Denn nicht nur die Massenauswanderung in die Welt ist seit Jahrhunderten Teil der irischen Geschichte, auch die irische Bier- und Trinkkultur hat die Reise ins Ausland längst angetreten – irische Pubs unterschiedlicher Qualität und Authentizität sind in nahezu allen Großstädten der Welt zu finden. Und wenn man ein Pint Guinness trinkt, kann man verstehen, warum.

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Am 10./11. Juli 2021 im Blatt: 
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Die Markenzeichen der irischen Bier-Ikone sind ihre cremige Schaumkrone und ihre glatte, samtige Textur. Man sagt, Guinness schmecke in Irland anders, sogar besser. So stehen Iren, die im Ausland leben, vor der Herausforderung, ein gutes Pint in ihrem neuen Heimatland zu finden. Denn man muss vieles beachten, um das perfekte Pint (568 Milliliter, um genau zu sein) so einzuschenken, dass die Merkmale des Bieres auch wahrhaft erhalten bleiben.

Als Barkeeper muss man wissen, wie das geht, sagt der irische (anonyme) Betreiber der Instagram-Seite „Shite Guinness Berlin“, wo er seine „Suche nach dem perfekten Guinness in Berlin“ dokumentiert. Der gebürtige Galwayer hat eine Reihe von irischen Kneipen in Berlin erkundet und die Qualität ihres Guinness bewertet. Seine Ansprüche sind hoch: Wo er herkomme, sei es wirklich eine Challenge, ein schlechtes Pint zu finden, sagt er auf Nachfrage.

Guinness-Krug? Ein „No-go“!

„Man muss das Glas in einem Winkel von 45 Grad kippen, dann ein paar Minuten stehen lassen und dann auffüllen – das ist das Wichtigste für den Erfolg“, erklärt er. „Viele Barkeeper in Deutschland, vor allem diejenigen, die nicht so oft mit Guinness arbeiten, schenken es einfach wie normales Bier ein. Das ist gar nicht gut. Es ist eine Kunstform, dieses Bier einzugießen.“ Wichtig ist, dass das Pint kalt serviert wird – ein Konzept, das deutschen Barkeepern durchaus vertraut ist.

Tragisch wird ein Guinness-Pint vor allem dann, wenn die cremige Schaumkrone fehlt – ohne sie verliert das Bier an Kraft, ja, es schmeckt dünn. Im schlimmsten Fall entstehen Luftblasen im Schaum. Nun ist es aber ausgerechnet der Schaum, der den Geschmack des Bieres bewahrt – Guinness besteht zu 70 Prozent aus Stickstoff, und die Schaumkrone wirkt wie eine Barriere, die verhindert, dass das darunter liegende Bier oxidiert und den ganzen Geschmack des Getränks verdirbt. Man sollte den Schaum also nicht sofort hinunterschütten, sondern zusammen mit dem Rest des Pints für die Dauer des Trinkerlebnisses genüsslich mitschlürfen.

Man kann aber auch zu viel des Guten wollen. Die jüngste Rezension bei „Shite Guinness Berlin“ bewertet das Friedrichshainer Lokal Molly Malone’s (Torellstraße 1, 10243 Berlin) mit 3 von 10 Punkten für ein Pint mit überdimensionalem Schaumkopf. Das Schlüsselwort hier ist „Proportion“: Die niedrigste Bewertung, die der Guinness-Blogger einem Pint je ausgegeben hat, waren traurige 0,5 Punkte für das Angebot der Charlottenburger Kneipe The Harp (Giesebrechtstraße 15, 10629 Berlin), Berlins ältestem irischen Pub. Dort bekam der Tester einen Guinness-Krug serviert – ein absolutes „No-go“.

Hop House 13 Lager in Brownies

Wer verstehen will, was ein gutes Pint ausmacht, sollte sich selbst auf die Suche machen, so der Blogger. „Ich empfehle den Leuten rauszugehen und auch die schlechten Pints zu probieren, um auf den Geschmack zu kommen. Dann kann man sehen, was ein gutes Pint ausmacht – und man kann es noch besser genießen“, sagt er. Er glaubt auch, dass an den Orten, wo ihn das Guinness am wenigsten beeindruckt hat, die Mitarbeiter noch dazulernen können, wie man ein gutes Pint ausschenkt. Man muss den Leuten nur eine Chance geben. Und für die Besucher heißt es außerdem: mehr vom „the black stuff“ bestellen, wie Guinness oft in Irland genannt wird. „Ich will nicht zu hart sein – es ist immer gut, die Orte, die Guinness ausschenken, zu unterstützen,“ meint er.

Aber was tun, wenn es nicht möglich ist, ein Pint in einem vertrauten Stammlokal zu bestellen? Dieser Herausforderung mussten sich in den vergangenen 18 Monaten sehr viele Guinness-Liebhaber stellen. Auch die Autorin dieser Zeilen. Es ist wahr, was man sagt: Guinness aus der Dose oder Flasche ist einfach nicht vergleichbar mit einer Version frisch gezapft aus dem Fass. Der anonyme Guinness-Blogger nahm den „Lockdown light“ zum Anlass, einige der anderen Angebote aus der Geburtsstätte von Guinness, der Dubliner St. James’ Brauerei, wie deren „Hop House 13 Lager“ in der Flasche zu bewerten. Er erkundete auch die Möglichkeiten des Kochens mit Guinness. Jetzt wissen wir also: Auch diejenigen, die keine begeisterten Trinker sind, können das Bier in einen klassischen irischen Rindfleischeintopf kippen oder sogar in Brownies genießen. Lecker!

Der ultimative Tipp für Berliner Barkeeper

Jetzt sind die Kneipen aber wieder geöffnet, und den Empfehlungen von „Shite Guinness Berlin“ folgend haben wir das Angebot einiger Berliner Lokale ausprobieren wollen. Als Erstes war The Lír in Mitte dran (Flensburger Str. 7, 10557 Berlin). Ein Mittrinker in diesem gemütlichen Lokal meinte, dies sei das beste Pint, das er seit langem getrunken habe. Und ja, ich muss ihm zustimmen. Das Pint war perfekt gekühlt und hatte die ideale Menge und Konsistenz an Schaum. 5 von 5 Punkten! Die Friedrichshainer Home Bar (Neue Bahnhofstraße 23, 10245 Berlin), ein beliebtes Ziel für irische Wahlberliner, ist auch stark zu empfehlen. Der Klang des freundlichen Geplauders der anderen Kunden und des Barpersonals schafft ein heimeliges Gefühl, das zum Guinness passt.

Hat nun der Blogger einen ultimativen Tipp für die Berliner Barkeeper? „Man muss sich Zeit nehmen. Und man darf es beim Einschenken nicht überstürzen – das Guinness ist kein normales Bier“, rät er. Auch wir nehmen uns den Rat zu Herzen und sagen genüsslich und mit der nötigen Geduld: Sláinte. Prost!

Alle Rezension von „Shite Guinness Berlin“ finden sich bei Instagram unter dem Account https://www.instagram.com/shiteguinnessberlin

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.