Berlin - Berliner sind Individualisten. Wer’s uniform mag, der zieht woandershin. Aber wer auffallen will, der kommt in die Hauptstadt. Hier zeigt man ohne Scheu und oft auch ohne Scham, wer man ist: Arabische Boys cruisen in dicken Autos durch Neukölln, in Mitte flanieren Hipster in Trainingsanzügen und am Kudamm zeigt man ohnehin seit jeher, was man hat. Sich im Stadtbild zu präsentieren – das ist „sehr Berlin“.

In der Pandemie war die Lust aufs Flanieren, aufs Sehen und Gesehenwerden nach ein paar Monaten abgeflaut. Irgendwann wurde Spazierengehen fad. Jeder Winkel der Stadt war ausflaniert und man wurde zu einer Art modernem Schmuckeremit, der sich nur noch ab und an zeigte und aufs Äußere immer weniger Wert legte. Nach drei Monaten schlurfte auch der Autor in Jogginghose zum Supermarkt.

Ein Dilemma! Raus wollte man nicht mehr als nötig und drinnen kannte man bald jede Ecke besser, als einem lieb war. Datschen und Schrebergärten, die Hipster-Refugien der braven Mittelklasse, waren kein Thema mehr. Da wurde der eigene Balkon pandemiebedingt zum Hort des kleinen Glücks, zum Rückzugsort, frischen Sauerstoff und Licht gab’s gratis. Eine Ode an den Balkon, ein Hybrid aus drinnen und draußen. Diesen kleinen Ort der Kontemplation, auf dem man sich in den vergangenen Monaten häufig fragte: Was zum Teufel ist passiert mit dieser Welt?

Marcus Glahn
Unterschiedliche Blickwinkel, aber alle teilen sich die Liebe zu ihrem Balkon wie diese Damen hier.

Jetzt ist der Frühling da, die Temperaturen steigen und die Inzidenzahlen fallen. Wer durch Berlins Straßen stromert, sieht, wie erfinderisch der Großstädter der Pandemie sein eigenes kleines Glück abtrotzt: Balkone sind geschmückt mit Girlanden und Lichterketten, Jesusfiguren und anderem Kitsch, sind bepflanzt mit allem, was sich auf einem Balkon unterbringen lässt. Der Balkon signalisiert Lebensfreude und hat plötzlich nichts Spießiges mehr, von Geranien und Blumenampeln vielleicht mal abgesehen.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
Das große Glücksspezial: Berlin macht die Türen auf. Wie ist die Stimmung in der Stadt nach dem Lockdown?

Wie werde ich glücklich? Ein Selbstversuch bei einem Online-Kurs der Yale-Universität, der das Glück lehren will

Der Israel-Konflikt hat die Neuköllner Rütli-Schule erreicht. Unsere Reporterin hat die Schüler getroffen

Neues Gesetz zum autonomen Fahren: Ein Porträt eines deutschen Unternehmers, der die Technik dazu liefert

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Sogar Schnee gab's 2020

Auf dem Balkon ist man daheim und trotzdem draußen bei den Menschen. Wenn man’s darauf anlegt, wird man auch hier gesehen und gehört. Bloß nicht die Klappe halten. Als die Pandemie mit der ersten Welle gerade die Überforderung des Gesundheitssystems zeigte, als man plötzlich das Ausmaß der unsichtbaren Bedrohung spürte – da standen Berlinerinnen und Berliner auf ihren Balkonen und klatschten Beifall für ein Pflegepersonal, das sich am Leistungslimit befand, das auf Intensivstationen Übermenschliches leistete.

Marcus Glahn
Der Balkon ist fröhlich dekoriert, auch wenn sein Besitzer etwas skeptisch dreinblickt. 

Man war solidarisch mit jenen, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, während man daheim inständig auf das Ende der Pandemie hoffte. Dass mehr Geld für die Pflege eher angebracht gewesen wäre, war schnell klar. Aber es waren auch die Geste und der Ort, die zählten – wir bekundeten auf den Balkonen unsere Meinung und zeigten, dass niemand allein ist in der Pandemie. Wie es übrigens auch in anderen europäischen Städten gemacht wurde.

Doch ein paar Monate später war immer noch nichts wie früher. Es war Winter und das Grau des Himmels spiegelte sich im Seelenleben vieler Menschen dieser Stadt. Nie war da das in „normalen“ Zeiten immer etwas kitschig anmutende Adventssingen von den Balkonen der Kieze tröstlicher als im Corona-Jahr. Wieder war der Balkon der Austragungsort, plötzlich war er ein Ort der Besinnlichkeit. Sogar Schnee gab’s 2020.

„Mit oder ohne Balkon“ ist eine der häufigsten Fragen, die man gestellt bekommt, wenn man in Berlin Leute kennenlernt. Und denen bereits brav erklärt hat, wo man wohnt und auf wie vielen Quadratmetern man das tut. Der Balkon erlebt eine Renaissance in der Hauptstadt, nachträglich wird er mittlerweile angebracht. Als Anbaubalkon mit zwei oder als Vorstellbalkon mit vier Stützen. Kein Altbau ist mehr sicher vor unserem Wunsch, aus der Wohnung treten zu können, Luft zu schnappen und doch daheim zu sein.

Der Balkon ist ein kleiner Glücksfall in der großen Geschichte dieser Stadt. Ein paar Quadratmeter Glück inmitten Berlins. Man muss ja nicht gleich Geranien pflanzen.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.