Berlin - Jetzt müssen wir also unsere linken Helden canceln! Nach vermeintlich rechten Professoren und rechten Künstlern trifft es nun Herzstücke linker Kulturproduktion – Woody Allen, dem eine HBO-Doku den Missbrauch an seiner Tochter nachweisen will, und Michel Foucault, gegen den der Konservative Guy Sorman Vorwürfe des Kindesmissbrauchs vorbrachte.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 12./13. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Interview mit Jörg und Maria Koch: Wie sie mit dem Magazin und Modelabel 032c die Berliner Coolness in die Welt tragen

Hurra oder Hilfe? Die Touristen stürmen zurück nach Berlin

Unser Autor Jan Karon will nicht mehr links und „woke“ sein. Warum das?

Die großen Food-Seiten: Einer der besten Lahmacun-Läden in Wedding und ein Backshop für Cool Kids in Kreuzberg. Und: Ein Porträt über das hippe Hotel Henri am Kudamm

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Unabhängig von der Frage, ob beide schuldig sind – und dazu kommen wir noch –, müssen wir uns also fragen, ob wir angesichts der Vorwürfe noch Foucault lesen oder Allen schauen wollen. Vorsorglich canceln? Oder gilt auch auf kultureller Ebene der Grundsatz: in dubio pro reo?

Die Frage der Schuld

Das Problem der beiden Fälle besteht darin, dass wir wohl nie im juristischen Sinne Klarheit über die Frage der Schuld bekommen werden. Im Fall von Woody Allen und seiner Tochter Dylan Farrow überlagern inzwischen Geschichten den faktischen Kern. Das führt dazu, dass auch in journalistischen Texten Fake Facts wiederholt werden, wozu die Behauptung gehört, Mia Farrow habe den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs im Rahmen eines Sorgerechtsstreits gegen Allen vorgebracht.

Tatsächlich wollte Allen das Sorgerecht für seine Tochter erstreiten, nachdem Farrow die Anschuldigungen publik machte. Es stimmt, dass Allen nie offiziell wegen Kindesmissbrauchs angeklagt wurde, aber zu den Eigentümlichkeiten des Falls gehört die Erklärung des Staatsanwaltes, es gebe Gründe, ein Verfahren gegen Allen zu eröffnen – was nie geschah. Zu den Fakten gehört auch, dass Allen sich vor den Anschuldigungen, die gegen ihn kommuniziert wurden, einer Therapie wegen seiner Fixierung auf seine Tochter unterzog.

Ergänzungen ändern die Wahrheit

Aber was machen wir aus den Fakten? „It doesn’t matter what’s true, it matters what people believe“, sagt Mia Farrow im Rahmen der HBO-Dokumentation, und es ist, als riefe sie den Slogan des postfaktischen Zeitalters aus. Auch dieser Text kann nicht klären, was wirklich geschah; er kann aber einen eigentümlichen Aspekt der Fälle herausstreichen, der auf das, was wir das postfaktische Zeitalter nennen, verweist.

Auch die Vorwürfe Guy Sormans gegen Michel Foucault kreisen um das Thema Kindesmissbrauch. Es geht um Ungeheuerliches. Foucault soll während eines Arbeitsaufenthaltes in Tunesien Jungen für Sex mit ihm bezahlt haben, schlimmer noch: Die Vergewaltigungen sollen sich auf dem Friedhof eines Dorfes namens Sidi Bou Saïd ereignet haben. Die Geschichte hat eine weitere, unterschwellige Dimension: Foucaults Handeln erscheint als die Fortsetzung von Kolonialismus in der Verquickung von Gewalt an tunesischen Kindern und der Zahlung von Geld. Sowohl der Vorwurf des Kolonialismus als auch die Rückbindung des Missbrauchs in eine kapitalistische Verwertungslogik sind Dinge, die Linken besonders aufstoßen müssen.

Gemäß der Recherche des Journalisten René Aguigah bestätigte ein Zeitzeuge, dass es sexuelle Kontakte zwischen Foucault und jungen Männern gab, diese seien aber 17 oder 18 Jahre alt gewesen. Die Verabredungen hätten sich an einem an den Friedhof angrenzenden Waldstück zugetragen. Sollte das stimmen, könnten Guy Sormans Anschuldigungen ein gutes Beispiel für Halbwahrheiten sein: Sie hätten einen faktischen Kern, aber die erdichteten Ergänzungen verändern den Inhalt der Geschichte vollständig.

Wollen wir die Anschuldigungen zulassen?

Interessanterweise lässt sich in beiden Missbrauchsfällen eine gegenläufige Tendenz erkennen: Bei linken Bekannten konnte ich beobachten, wie sie erschüttert auf die Vorwürfe gegen Foucault reagierten und diese für glaubhaft hielten, obwohl die Anschuldigungen mehr als nebulös wirken und mit jahrzehntelanger Verspätung vorgetragen werden. Passen die Anschuldigungen gegen Foucault womöglich in ein Bild, wonach homosexuelle Männer verkappte Pädophile sind? Passen sie nicht zum Bild eines Mannes, der die antike Sexualität untersuchte, über Knabenliebe schrieb und dessen Werk um Sexualität und Strafe kreist?

Im Falle Farrows gilt das Gegenteil: Obwohl das Gutachten, das Allens Anwälte zu seiner Entlastung vorlegten, als mangelhaft eingestuft und vom Richter verworfen wurde, wird es bis heute zitiert. Mia Farrow habe ihre Tochter gecoacht, davon ist auch Sohn Moses überzeugt und stellt die Aussagen seiner Schwester infrage. Er wird als Zeuge akzeptiert, obwohl er bei der mutmaßlichen Tat nicht zugegen war und keine Fakten zum Fall beisteuern kann. Bei Allen gilt in dubio pro reo. Mit anderen Worten: Wollen wir zulassen, dass sich die Anschuldigungen in unser Bild von der jeweiligen Person fügen?

Glaubhaft muss es sein

Ein wesentliches Element der so häufig kritisierten Cancel Culture soll die Vehemenz sein, mit der Menschen aufgrund eines Verdachtes abgekanzelt werden. Es heißt, es gehe längst nicht mehr um Beweise oder das Hinterfragen der eigenen Einstellungen. Es gehe vielmehr um moralischen Totalitarismus. Was aber, wenn Cancel Culture eine eigentlich zwangsläufige Reaktion auf das angespannte Verhältnis zwischen Fakten und Fiktion ist?

In ihrem Buch „Halbwahrheiten“ beschreibt die Autorin Nicola Gess ebendiese Halbwahrheiten als wesentliches Moment postfaktischer Rhetorik. Ein Teil ihres Textes beschäftigt sich mit der Frage, wie die Unterscheidung wahr/falsch durch die Unterscheidung glaubhaft/unglaubhaft ersetzt wurde. Genau darum geht es auch im Farrow-Zitat oben. Die Geschichte um Missbrauch hat sich in eine Erzählung über Glaubhaftigkeit verwandelt, in der das Kind per se unglaubwürdig ist, und das umso mehr, als es „gecoacht“ sein soll. Dasselbe gilt für die Mutter, die angeblich rachsüchtig ist, weil ihr Mann eine Affäre mit ihrer Adoptivtochter hat (ein Umstand immerhin, der jede Frau schockieren dürfte).

Betrachtet man beide Missbrauchsgeschichten, so sticht jeweils ein Element ins Auge, das sich aus bestimmten Gründen als unglaubwürdig erweist, sich nicht oder zu gut in die Geschichte fügt. Es ist das Element, von dem wir in einem fiktionalen Text sagen würden, es sei etwas „too much“, eben übercodiert.

Als das unglaubwürdige Element in der Geschichte Farrows erscheint, dass der Babysitter strengstens angewiesen wurde, das Kind nicht mit Allen allein zu lassen, dass dies aufgrund eines Tricks Allens aber doch geschah, woraufhin sich sogleich eine missbräuchliche Szene auf dem Dachboden ereignete. Das Motiv des strengen Verbotes, dessen Übertretung bestraft wird oder schlimmste Konsequenzen hat, kennt man aus dem Märchen (Blaubart!). Das heißt nicht, dass der Missbrauch nicht stattgefunden hat, aber es wirkt zumindest so, als hätte sich ein Element der Geschichte mit überschüssiger Bedeutung aufgeladen. Der ominöse Dachboden erscheint als der verborgene Ort par excellence und hat als „Oberstübchen“ eine metaphorische Bedeutung, die auf das Gehirn als Sitz der Fantasie verweist (also entweder die naive Fantasie des Kindes oder die „schmutzige“ Fantasie des Vaters).

Wer würde sich so etwas ausdenken?

Bei der Foucault-Geschichte springt ebenfalls ein märchen- oder albtraumhaftes Element ins Auge, jenes, wonach Foucault die Kinder auf einem Friedhof missbrauchte. Das erscheint umso merkwürdiger, weil ein Friedhof natürlich ein öffentlicher Ort ist. Und kann man sich etwas Unmoralischeres, auch Morbideres vorstellen als eine Vergewaltigung auf dem Friedhof? Auch hier gibt es eine metaphorische Übercodierung, in Form des Begriffs „petit mort“ im Französischen, der den Orgasmus als „kleinen Tod“ bezeichnet.

Diese übercodierten Elemente sagen nichts darüber aus, wie groß der Wahrheitsgehalt der Geschichte insgesamt ist. Sie zeigen aber, dass sich bei dem vermeintlich neutralen Bericht Elemente einer Narration einschleichen. Es sind diese narrativen Elemente, die die öffentliche Fantasie befeuern, die ungläubiges Staunen hervorrufen; man kann diese Elemente als besonders unglaubwürdig einstufen – und damit als Beweis für die Falschheit der Anschuldigung. Man kann sie aber auch als unglaubwürdig einstufen und gerade deshalb für wahr halten – wer würde sich so etwas denn ausdenken? Am Ende werden wir, die Öffentlichkeit, darauf zurückgeworfen, was wir bereit sind zu glauben, was wir glauben wollen.

Halbwahrheiten basieren auf Glaubwürdigkeit, die wiederum auf einer „Bestätigung bisheriger Überzeugung“ beruht, so Nicola Gess. Halbwahrheiten befeuern die Cancel Culture, was wir online immer wieder verfolgen können, wenn aus dem Kontext gerissene Zitate oder Videoausschnitte als Beleg für eine moralische Verfehlung dienen sollen, sie schließlich ein folgenreiches Eigenleben entwickeln und auf dem Weg schon einmal eine Person „zerstören“. Zugleich sind sie beide Reaktionen auf das Entgleiten des Wahrheitsbegriffs und seine Ablösung durch die Glaubwürdigkeitsvermutung, die – schöne Ironie – als Folge postmoderner Theoriebildungen verstanden wird, an denen Foucault selbst nicht unbeteiligt ist.

Dylan Farrow scheint auf Foucaults Theorie der Macht unmittelbar zu antworten, wenn sie in einem Artikel erklärt, dass es die Macht sei, einfache Dinge kompliziert darzustellen, die Männern wie Woody Allen in der Geschichte geschützt habe. Fakt ist, dass unsere Unsicherheit bezüglich der Fakten in eine fatale Indifferenz zu kippen droht.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.