Berlin -  Stellen Sie sich vor Sie arbeiten fast 8000 Kilometer entfernt von Ihrer Heimat und zu Hause gibt es einen Militärputsch. Plötzlich werden Sie vor die Wahl gestellt: Entweder Sie arbeiten für die neue Militärregierung oder Sie verlieren Ihren Job, die Wohnung und darüber hinaus auch den Kontakt zu Ihrer Familie. Was nach einem Albtraum klingt, ist für drei mutige Diplomaten in Berlin derzeit bittere Realität. Chaw Kalyar, Myat Zar Zar Khaing und Myo Htet San sind drei von acht Mitarbeitern an der Botschaft Myanmars. Sie wollten nicht für die Militärregierung arbeiten – jetzt sind sie nicht nur arbeits-, sondern auch bald wohnungslos. Ende Mai müssen sie raus, sie suchen dringend eine neue Bleibe.

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Begonnen hat es am 4. März. „Wir äußerten öffentlich unsere Zustimmung zum zivilen Ungehorsam, den Beamte in unserem Heimatland verkündeten“, sagt Chaw Kalyar der Berliner Zeitung am Wochenende. „Wir wurden sofort informiert, dass wir nicht mehr Mitarbeiter der Botschaft sind und unsere Diplomatenpässe wertlos seien.“ Zurückgehen in die Heimat ist gleichzeitig aber keine Option. „Uns ist klar, dass wir auf einer schwarzen Liste stehen und wahrscheinlich schon am Flughafen verhaftet werden.“ Einige ihrer Kollegen in der Heimat sind schon im Gefängnis und Chaw hat keinen Kontakt.

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Chaw Kalyar war Konsularbeamtin in Berlin. Seit 23 Jahren arbeitet sie für das Außenministerium Myanmars. 

Bis zum Frühjahr waren die drei Mitarbeiter mit ihrer Arbeit für die Botschaft Myanmars in Deutschland zufrieden. Doch mit der Wahl 2020 wurde es kompliziert: Das Militär erkennt den Wahlausgang bis heute nicht an: Schließlich hatte die Nationale Liga für Demokratie (NLD) gewonnen und das bedeutete einen deutlichen Verlust an Einfluss für die Generäle. Der Oberste Militär, Min Aung Hlaing, putschte und seit dem 1. Februar gilt im südostasiatischen Land der Ausnahmezustand. Die Regierungschefin und Trägerin des Friedensnobelpreises, Aung San Suu Kyi, und weitere prominente Mitglieder der NLD wurden umgehend verhaftet oder unter Hausarrest gestellt.

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Myo Htet San hat sich ebenfalls dem Widerstand gegen die Militärregierung angeschlossen. Der Familienvater lebt mit seinen Kindern in Berlin.

Die Civil Disobedience Movement (CDM) ist die größte Oppositionsbewegung des Landes. Die drei wollten nicht hinnehmen, dass die Fortschritte auf dem Weg zur Demokratie seit den Protesten 2007 und der langsamen Öffnung des Landes ab 2010 in einem Handstreich zu Nichte gemacht werden. Das Außenministerium in der Hauptstadt Naypyidaw hat sie deshalb auf Anweisung der Militärregierung entlassen, am 10. März wurden sie vor die Tür gesetzt, die Botschaft zahlte den drei Diplomaten bisher nicht nur das Gehalt, sondern auch die Miete. Obwohl sie weiterhin offiziell als Diplomaten in Deutschland akkreditiert sind, verlieren sie deshalb auch ihre Wohnung.

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Myat Zar Zar Khaing war als Attaché zuständig für die Finanzen der Botschaft. Sie arbeitet seit über 17 Jahren für das Außenministerium.

Beim Treffen wirken alle bescheiden, aber kämpferisch. „Wir wussten“, sagt Myat Zar Zar Khaing, „dass wir Probleme bekommen können.“ Dennoch haben sie so handeln müssen, weil sie mit der Militärregierung keine Zukunft für ihr Land sehen. Vor allem sind dankbar, dass das Auswärtige Amt ihnen zugesagt hatte, den Aufenthaltsstatus in Berlin vorerst nicht zu verändern. „Wir haben unser ganzes Leben unter Militärherrschaft gelebt“, sagt Chaw, „aber derzeit sehen wir ein kleines Licht der Hoffnung, dass es einmal anders sein kann.“ Wie sonst die Stimmung in der Botschaft war, wollen die Diplomaten nicht sagen, um die anderen Kollegen nicht zu gefährden.

Wer kann helfen? 

Wer Chaw Kalyar, Myat Zar Zar Khaing und Myo Htet San finanziell unterstützen kann oder bei der Wohnungssuche helfen möchte, kann sich per Email an das Hilfskomitee für die in Berlin gestrandeten Diplomaten wenden: patenschaftsprogramm@solidarity-myanmar.de

Sie betonen, dass ihre persönlichen Sorgen in Deutschland im Vergleich zu den der Oppositionellen in Myanmar klein wirken. Die Situation im Land bereitet allen drei große Sorge. Tatsächlich: Bei den landesweiten Protesten gegen die Militärregierung kam es zu tausenden Festnahmen und hunderten von Todesopfern. Die genaue Anzahl der Opfer ist nicht bekannt, seitdem die Militärregierung die sozialen Netzwerke wie Facebook, Whatsapp oder Twitter gesperrt hat, sind die Möglichkeiten zur Kommunikation eingeschränkt. Zurück in die Heimat zu reisen, wäre auch für die drei Diplomaten gefährlich: Die Haftbefehle gegen sie wegen zivilen Ungehorsams, sind bereits unterschrieben, es drohen ihnen mehrjährige Gefängnisstrafen.

In ein anderes Land ausreisen können sie mit ihren Pässen auch nicht. Diplomat San schildert, dass viele Burmesen aus allen Teilen Deutschlands angereist sind, um ihre Stimme für die Parlamentswahlen in der Botschaft abzugeben. Kalyar hofft darauf, dass es bald gelingt den Staat wieder der zivilen Kontrolle zu unterwerfen. Solange wollen die drei Diplomaten die Stellung halten. Ein Asylantrag zu stellen, kommt trotz des bestehenden Anspruchs für sie derzeit nicht in Frage, sie wollen ihr Land auch in Zukunft wieder als offizielle Diplomaten in Deutschland vertreten.

In dieser Situation auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, ist allen drei sichtlich unangenehm. Und doch sind sie der Initiative „German Solidarity with Myanmar Democracy “ dankbar, dass sie im Moment ein Patenschaftsprogramm vorbereitet, um ihre weiteren Lebenshaltungs- und Mietkosten sichern zu können.

Sorgen bereitet ihnen auch der Militärattaché des Landes in Berlin. Während der Militärdiktatur war es üblich, dass die Bürger Myanmars die im Ausland leben vom Militär ausspioniert wurden. Schon jetzt habe die Militärregierung die Banken des Landes angewiesen, genau zu registrieren, wer wann wie viel Geld abhebt. In Myanmar ist es gängig, dass junge Menschen, die im Ausland leben ihre Familien zu Hause finanziell unterstützen. Wer dann außerhalb Myanmars an der Militärregierung Kritik übt, muss damit rechnen, dass die Familie in der Heimat in Sippenhaft genommen wird. Im schlimmsten Fall droht eine Verurteilung wegen Hochverrats. Die Konsequenz: Lebenslange Haft.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.