Berlin - Bis ein Clan-Boss aufs Fahrrad steigt, werden wohl noch einige Liter Wasser die Spree hinunterfließen, und trotzdem: Die Reputation des Fahrrads ist gestiegen. Und zwar beträchtlich. Vor allem die Bewohner der Berliner Innenstadtbezirke wissen die Wendigkeit des schmalen Mobilitätsklassikers zu schätzen, mit dem sich Staus umradeln und nebenbei die Beinmuskeln trainieren lassen. So ist es auch ein Dauerbrenner in städtischen Mobilitätsdebatten, in denen es vor allem um den Ausbau der Fahrradwege geht. Auch die grellgrüne Fahrradstaffel der Berliner Polizei rückt inzwischen regelmäßig aus, um ignorante Pedalen-Rüpel zu disziplinieren.

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Die Wochenendausgabe

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Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Bitterfeld

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

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Mit seiner zunehmenden Popularität hat sich das Fahrrad so auch zum Statussymbol entwickelt, mit dem sich Stil und Persönlichkeit ausdrücken lassen. Und tatsächlich scheint es, als wären manche Menschen für bestimmte Fahrradtypen prädestiniert: Zeige mir dein Bike, und ich sage dir, wer du bist!

1. Typ Vintage-Rennrad

Sie sind kreativ, interessieren sich für Mode und haben einen Hang zum Hedonismus. Deswegen fahren Sie den Youngtimer unter den Fahrrädern: ein italienisches Vintage-Rennrad mit Stahlrahmen.

Vor 20 Jahren noch war der Anblick der Fabrikate selten. Inzwischen sieht man die schlanken Sprinter nicht mehr nur in designaffinen Mitte-Vierteln, sondern in ganz Berlin. Wohl jeder Italiener, der in Mamas Garage so ein Rad unter der Plane entdeckt hat, dürfte es inzwischen nach Berlin gebracht und zu Cash gemacht haben. Aber Achtung: Hier sind Cinelli und Campagnolo die Codes. Denn dass neben dem Rahmen vor allem Lenker oder Gangschaltung wertvoll sein müssen, versteht sich von selbst. Lassen Sie sich nichts anderes erzählen. Gepflegte Modelle sind inzwischen kleine Geldanlagen. Bereits zu Beginn der 2000er-Jahre bot der kleine Laden Cicli Berlinetta restaurierte italienische Vintage-Räder an und tut das bis heute (jetzt in der Schönfließer Straße), denn das Geschäft lohnt sich. Einen Nachteil haben die schönen Stücke allerdings: Sie sind nicht praktisch. Mit dem recht schweren Rahmen können sie zum einen nicht mit den modernen Carbon-Modellen mithalten. Auch muss man sich mit den dünnen Reifen höllisch vor Glas und Split in Acht nehmen und die gebeugte Körperhaltung auf dem Rad lässt kaum Gepäck zu.  Doch den Kenner stört das nicht. Kommt man an Kreuzungen zum Stehen, nicken sich Vintage-Rennradbesitzer anerkennend zu, ganz wie die Fahrer seltener Automobile es untereinander tun.

2. Typ Mountainbike

Sie lieben die Geschwindigkeit, haben in Bitcoins investiert und genug Dosensuppen im Keller, dass Sie eine Eiszeit überleben könnten. Mode interessiert Sie nicht, nur Einsen und Nullen sind Ihnen angenehme Begleiter.

Als die Mountainbikes in den 80er- und 90er-Jahren in Mode kamen, trennte sich die Spreu vom Weizen. Während sich die Vintage-Feingeister auf Berliner Kopfsteinpflaster noch Achten in die Felgen fuhren, polterte der technikaffine Mountainbiker längst unbeschadet übers Gestein, abgefedert und stoßgedämpft, versteht sich. Aber, großes Aber: Elegant sah das nicht aus, und das tut es bis heute nicht. Denn optisch verhalten sich viele Mountainbike-Modelle wie die Axt im Walde. Große Schrift, dicke Felgen, genoppte Reifen und ein Ausmaß an Details, dass einem die Augen tränen. Oft verschmelzen die Fahrer mit ihren geländegängigen Bikes, Gadgets und Tools verbinden beide zu einer untrennbaren Einheit. Am Lenker gibt es den praktischen Halter für das Smartphone, aus dem Siri den Weg ansagt, für ausreichend Flüssigkeit sorgt die Trinkflasche, die standartmäßig am unteren Rahmen arretiert ist. Auch Satteltaschen sind kein No-Go. Helmtragend, mit Knie- und Armschützern ausgestattet, meint man fast, es gäbe kriegerische Absichten. Und so walzen die Mountainbiker panzerartig durch die Stadt ­– und demonstrieren den lahmen Sonntagsradlern, die hier nur so zum Spaß rumgurken, mittels riskanter Überholmanöver, wo der verdammte Hammer hängt!

3. Typ Luxus-Fahrrad

Sie sind ein Arbeitstier und haben sich mit viel persönlichem Einsatz ein angenehmes Vermögen erwirtschaftet. Ihre sortierten Lebensumstände lassen kleinere und größere Anschaffungen im Mobilitätssegment zu. Auch wenn Sie ein Freund des Autos sind, lösen toll designte zweirädrige Manufakturlinien jedweder Art bei Ihnen einen Kaufwunsch aus.

Markus Wächter
In der Kreuzberger Fahrradmanufaktur Schindelhauer wird zweirädriger Luxus produziert.

Luxusbikes sind fein ziselierte, top ausgestattete Gefährte und deswegen recht hoch eingepreist. Entsprechend selten werden die guten Stücke von ihren Besitzern benutzt. Das Fahrrad könnte ja schmutzig werden oder sogar Kratzer bekommen. Ganz zu schweigen von Diebstahl. Den Hassle will man nicht, auch wenn alles von der Hausratversicherung abgedeckt ist. Die Alltagsroutine ist zudem doch besser mit dem Automobil zu meistern, nicht selten ist man ja sowieso auf längeren Businesstrips unterwegs. Da hilft kein Bike. Dieses luxuriöse Fahrrad ist eben eher ein Sonntagsrad, für eine gepflegte Tour ins Grüne mit Partner oder Partnerin. Und so schieben die Luxusbike-Besitzer an den raren arbeitsfreien Tagen ihre um die 5000 Euro teuren Räder der Berliner Manufaktur Schindelhauer namens Antonia, Gustav oder Ludwig XIV aus der Tiefgarage und radeln fröhlich in die Morgensonne. So ein Abenteuer, das hat schon was!

4. Typ Hollandrad

Sie müssen einkaufen, das Kind befördern, möchten dabei aber nicht auf Ihr geblümtes Kleid verzichten und die Umwelt liegt Ihnen auch am Herzen? Das Hollandrad macht’s möglich!

Imago
Wer braucht hier im Prenzlauer Berg schon ein Auto? Das Hollandrad ist die Familienkutsche im Zweiradbereich.

Es ist der praktische Allrounder für jede Gelegenheit. Kein Wunder, wurde er ja von einer Fahrradnation kreiert. Richtig: den Holländern. In Berlin ist es das Bike der Mittelschicht. Ein rustikaler, aber formschöner Begleiter, der mit Stabilität und Vielseitigkeit punktet. Außerdem liegt er gut in der Kurve und der typische Vollkettenschutz verhindert Malheure im Beinbereich. Hollandräder kann man inzwischen auch überall gebraucht kaufen, sodass man den Verlust des gern geklauten Rads auch gut verschmerzen kann. Dieses Fahrrad ist ein Gebrauchsgegenstand, und so wird es auch behandelt. Vorne mit Gepäckkorb, hinten mit Kinderanhänger, geht es über Stock und Stein. Den ganzen Tag wird hin und her gefahren, bis die Felgen glühen. Ein Auto braucht doch kein Mensch! Und das Rad hält und hält. Hollandradfahrer sind so mit sich selbst beschäftigt, dass sie auch kaum den zarten Neid der Rennradfahrer spüren. Letztere würden es zwar nie zugeben, aber wenn sie die Hollandradler in ihrer Komfortwolke so beobachten – dann könnten sie sich schon vorstellen, sich mal irgendwann so ein Ding als Zweitrad zuzulegen. Aber psssssst.

5. Typ E-Bike

Sie haben gelesen, dass die italienische Firma Colnago gerade ein NFT-Bike gelauncht hat. Sie posten regelmäßig auf Instagram, sind ein Sneaker-Head und wissen, wer Virgil Abloh ist. Und deswegen haben Sie auch mitbekommen, dass die amerikanische Traditionsfirma Cannondale Anfang des Jahres ein E-Bike-Unikat für ebenjenen Louis-Vuitton-Kreativdirektor angefertigt hat.

Cannondale / Highsnobiety
Das „SystemSix“-Unikat von Cannondale, das für Virgil Abloh gefertigt wurde.

Das Modell heißt System Six und ist in der regulären Topausstattung für 12.500 Dollar zu haben. E-Bikes repräsentieren die neueste Generation des Fahrrads. Sie sind im Grunde eine hybride Form, die zwischen Fahrrad und Elektroroller mäandert. Die Modelle können sehr unterschiedlich geformt sein. Während Ablohs Rad mit reduzierter Silhouette, einem trapezförmigen Rahmen und dicken Reifen daherkommt, kann ein E-Bike auch wie ein ganz normales Damenfahrrad aussehen. E-Bike-Fahrer sind Menschen, die den Fortschritt mögen und gerne längere Strecken fahren. Da das Design der Räder stark variiert, kann im Grunde jeder von uns zum E-Biker werden, der nur ein bisschen Geld auf der hohen Kante hat. Verschwitzt im Büro ankommen ist damit jedenfalls passé. Und Muskeln holt man sich eh besser mit gezieltem Trainingsprogramm im Fitnessstudio. Ein Must-Have für Digitalchefs, Turnaround-Managerinnen, Start-up-Betreiber oder Virgil Abloh. Ob sich das E-Bike in dieser Form halten wird, ist ungewiss. Vielleicht werden irgendwann die Pedale wegfallen. Dann wird das Elektrofahrrad zum superhippen, schlanken Motorbike. Mit Elektromotor versteht sich.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.