Zufall oder System? Wie Holtzbrinck-Medien ihre Unabhängigkeit aufs Spiel setzen

Recherchen zeigen, wie wirtschaftliche und redaktionelle Interessen in Verlagen aufeinanderprallen. Wie autonom ist der Journalismus? Zeit für eine Debatte.

Das Cover der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung vom 5./6. Februar 2022
Das Cover der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung vom 5./6. Februar 2022Berliner Verlag

Berlin-Die Unabhängigkeit der Presse ist eines der höchsten Güter, über die eine Demokratie verfügt. Transparenz und Unbestechlichkeit sind die Qualitätsgaranten des Journalismus. Dessen Währung ist die Glaubwürdigkeit. Diese Glaubwürdigkeit gerät auch deshalb in Gefahr, weil der Journalismus in den vergangenen Jahren ökonomisch stark unter Druck geraten ist. Sinkende Auflagen, die Corona-Krise, ein darbendes Anzeigengeschäft, höhere Rohstoffpreise und Personalkosten machen es immer schwieriger, Qualitätsjournalismus zu finanzieren, während zugleich Falschinformationen immer leichter die Öffentlichkeit erreichen und die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Fiktion erheblich erschweren. Gerade deshalb ist seriöser Journalismus so wichtig. Er muss sich den neuen Herausforderungen stellen und gleichzeitig Lösungen für die ökonomischen Probleme finden. Es gibt indes internationale Beispiele, wie das der New York Times, die beweisen, dass sich investigativer Journalismus in Zeiten des digitalen Wandels erfolgreich behaupten – und lohnen – kann, ohne dass die journalistische Qualität darunter leidet.

Und doch: Die Versuchungen werden immer größer, die alten journalistischen Qualitätsstandards zugunsten von Werbeerlösen und lukrativen Kooperationen zu relativieren. Auch in unserer Redaktion sind diese Versuchungen groß, wenn etwa die Marketing-Abteilung eine Kooperation plant, auf die Redaktionsleitung zukommt und fragt, ob eine Partnerschaft redaktionell begleitet werden könne. Solche Anfragen bedeuten immer ein Abwägen: Sich darauf einlassen, die Kooperation transparent machen? Oder nein sagen und einen Werbepartner vergrämen? Manchmal ist ein Nein die bessere Wahl. Doch können sich Qualitätsmedien allein durch Verkäufe und Abonnements wirtschaftlich kaum noch halten.

Auffällige Muster

Der Berliner Verlag erlebte eine Situation, aus der er gelernt hat: Im November 2019 berichtete die Berliner Zeitung über den Börsengang der ostdeutschen Firma Centogene. Die Redaktion hatte es in dem Bericht versäumt zu erwähnen, dass der Eigentümer des Verlags, Holger Friedrich, im Aufsichtsrat der Biotech-Firma saß und Anteile an der Rostocker Firma Centogene hielt. Der Presserat rügte die Redaktion der Berliner Zeitung. Viele konkurrierende Medien berichteten über den Vorfall. Seitdem sind sowohl der Verleger als auch die Redaktion der Berliner Zeitung und der Berliner Zeitung am Wochenende für mögliche Interessenkonflikte besonders sensibilisiert.

Umso überraschter waren wir über die Erkenntnis, dass eines der größten deutschen Medienhäuser mögliche Interessenkonflikte nicht transparent macht. Wir hatten den Hinweis bekommen, dass Dieter von Holtzbrinck über die Beteiligungsgesellschaft „Dieter von Holtzbrinck Ventures“ in Start-ups investiert, über die zugleich Holtzbrinck-Titel wie Tagesspiegel, Handelsblatt und Die Zeit berichten, ohne die Holtzbrinck-Investments und mögliche Interessenkonflikte offenzulegen. ‚Zufall oder System?‘ war die Frage, die wir beantworten wollten.

Gerade mit Blick auf unser Konkurrenzblatt Der Tagesspiegel hat sich gezeigt, dass die Berichterstattung auffälligen Mustern folgt. Meine Kollegen Maximilian Both und Jesko zu Dohna fanden heraus, dass vor allem in den Medien Tagesspiegel, Handelsblatt und Die Zeit regelmäßig und meist positiv über Start-ups berichtet wird, in die der Holtzbrinck-Verlag investiert ist, ohne dass der Interessenkonflikt in einer Hinweisnote erwähnt wird. Noch pikanter: Der neue Geschäftsführer des Tagesspiegels, Gabriel Grabner, ist über die Michael Grabner Media GmbH an der Holtzbrinck-Investmentfirma und an verschiedenen Start-ups beteiligt, in die auch Dieter von Holtzbrinck mittelbar investiert und über die der Tagesspiegel berichtet hat.

Neue Transparenz-Standards in der Berichterstattung

Die Leidtragenden dieses Systems sind vor allem die Leserinnen und Leser, die sich informieren wollen und zugleich keine Kenntnis darüber haben, dass mögliche Interessenkonflikte bestehen. Die anderen Leidtragenden: Die Journalistinnen und Journalisten der Holtzbrinck-Medien, die von den möglichen Interessenkonflikten meistens wohl ebenso wenig wissen wie die Leserinnen und Leser. Die Rechercheergebnisse, die Sie auf der hier verlinkten Seite lesen können, zeugen also vor allem von einem systemischen Versagen. Wir wollen eine Diskussion in Gang setzen, wie in unserer Branche zukünftig mehr Transparenz geschaffen werden kann.

Wir haben unsere Kollegen Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegels, und Giovanni Di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit, mit unseren Rechercheergebnissen konfrontiert, aber bis Redaktionsschluss keine Reaktion erhalten. Eine Vertreterin von DvH Medien schrieb: „Die Redaktionen der DvH Mediengruppe arbeiten unabhängig von allen Interessen Dritter, selbstverständlich auch von jenen der eigenen Verlage (d.h. u.a. der Geschäftsführer, Gremien und Gesellschafter, von denen es im Übrigen auch nie einen Versuch der Einflussnahme gegeben hat).“

Unsere Recherchen sind eine Einladung an alle Redaktionen, über neue Transparenz-Standards im Journalismus zu diskutieren, um Leserinnen und Leser, Journalistinnen und Journalisten – also uns alle – vor möglichen Interessenkonflikten zu schützen und seriöse, transparente Berichterstattung zu gewährleisten.

Transparenzhinweis: Die Berliner Zeitung am Wochenende und die Berliner Zeitung befinden sich in einem direkten Konkurrenzverhältnis zum Tagesspiegel, Handelsblatt und zur Wochenzeitung Die Zeit.

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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.