Berlin - Die eigentliche Ironie an „La Belle et la Bête“ (um 1908): der Name des Malers, Henri Rousseau. Denn wer an Rousseau denkt, denkt ja zuerst an Jean-Jacques, den Philosophen, dessen „Zurück zur Natur“ in die Geistesgeschichte einging. Rousseau verstand Natur als Teil unserer selbst. Ob der Maler Henri wohl an Jean-Jacques dachte, als er das Gemälde malte, in Anlehnung an das Märchen „Die Schöne und das Biest“? Sicher ist: Beim Anblick des Bildes im Zentrum der Ausstellung „Sun Rise | Sun Set“, im gläsernen Oktagonraum des Schinkel Pavillons, wären beide Rousseaus erblasst.

Das Gemälde zeigt einen Geschlechtsakt im Unterholz. Wir sehen eine nackte Frau mit gespreizten Beinen, die von einem wolfsähnlichen Wildtier bestiegen wird. In der Linken hält sie einen Zauberspiegel. Laut Märchen reflektiert er ihre innersten Wünsche. Schaut man genauer, wirkt es, als guckte sie in einem Winkel auf den Spiegel, der ihr wiederum das Biest zeigt, das hier missionarisch hechelt. Ist der Spiegel Mittel der Transgression? Ein spezienübergreifendes Sex-Toy?

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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
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Oder sind es nicht eigentlich wir, die hier in den Spiegel schauen? Die in Rousseaus Gemälde die Natur als Sehnsuchtsort wiedererkennen – als Ort, wo Eros und Thanatos, Symbiotisches und Zerstörerisches zwischen Mensch und Natur versinnbildlicht werden? Genauso wie die kolonialen Phantasmen zwischen Wildheit und Fragilität zur Entstehungszeit des Gemäldes, die ja bis heute nachwirken?

Rousseaus Gemälde hängt in einer luftdichten Glasvitrine, vor Pamela Rosenkranz’ in giftgrünem Neon erleuchteten Werk „Infection“. Rosenkranz hat Kubikmeter kegelförmiger aufgetürmter Erde mit dem Calvin-Klein-Parfum „Obsession for Men“ versetzt, einem Duft, der Sexuallockstoffe von Katzen enthält und zur Anlockung von Raubkatzen eingesetzt wird. Angeblich werden auch Menschen, die mit der von Katzen übertragenen Infektionskrankheit Toxoplasmose infiziert sind, von diesem Duft angezogen. Welch prägnantes Bild für die wechselseitige Beziehung von Sexualität und Infektion, Mensch und Natur, Mensch und Tier und – natürlich – Mensch und Klima.

Selten werden im Kunstbetrieb Altes und Neues so eindrücklich konstelliert, werden Fährten gelegt zwischen scheinbar unverbundenen Epochen und Ausdrucksformen, die uns wie Spürhunde das Gemeinsame ausfindig machen lassen. Neben Sicht- und Riechbarem gibt es hier auch etwas zu hören: Im Hintergrund erklingt „ZURE“, ein Stück des Komponisten Ryūichi Sakamoto. Es ist der Sound eines Konzertflügels, der den Tsunami von 2011 in Japan überstand. Der Klang wirkt wie eine Warnung vor der Gewalt der Natur. Oder wie ein Ausblick auf eine Welt, wo Technisches zu Natürlichem wird, wo Natur nicht mehr nur die zeitlose Bühne bietet, auf der der Mensch Fortschritt inszeniert. 

Diese Ausstellung ist voll solcher kleiner Sensationen: etwa auch Pierre Huyghes Aquarium-Biotop, Rachel Roses futuristische Glasskulpturen oder Monira al Qadiris knallbunter Film über Oktopusse. Wie auch immer man zur Natur steht: Man sollte sich die Schau nicht entgehen lassen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.