Christian Drosten sagt es immer wieder: Wir müssen die Impflücke schließen und mehr Menschen zum Impfen bewegen, vor allem die über 60-Jährigen, ansonsten werden wir in diesem Jahr die endemische Situation nicht erreichen. Über 3 Millionen Menschen über 60 sind immer noch nicht geimpft. Man kann davon ausgehen, dass sich einige von Drostens Aufrufen nicht überzeugen lassen, auch wenn insbesondere die Booster-Impfung gut gegen die Omikron-Variante schützen soll. (Andere Studien kommen zu ernüchternden Ergebnissen.) Die Redaktion der Berliner Zeitung am Wochenende wollte wissen: Warum wollen sich so viele Deutsche nicht impfen? Alexander Zinn, ein Geimpfter, versteht die Skepsis und erklärt in diesem Essay, warum er die Kritik an den Ungeimpften und das Unverständnis für falsch hält. Dieser Text ist ein Debattenbeitrag. Er spiegelt nicht die Meinung der Redaktion wider. kuri

Das Ende ist nahe: Am 21. Dezember 1954 soll eine vernichtende Flut über die Welt hereinbrechen. Das jedenfalls ist die Botschaft, die Sektenführerin Dorothy Martin von Außerirdischen empfangen hat. Zum Glück jedoch werden Ufos eintreffen, um Martin und ihre „Seekers“ zu retten. Eine ganze Nacht warten die Sektenmitglieder auf die Aliens  – vergeblich. Das sorgt natürlich für Verwirrung: War die Prophezeiung falsch? Die „Seekers“ finden eine andere Erklärung: Ihr fester Glaube hat die Flut verhindert und die Rettung durch die Ufos unnötig gemacht.


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Die Geschichte der „Seekers“ hat den Sozialpsychologen Leon Festinger zur Theorie der „kognitiven Dissonanz“ inspiriert. Eine Theorie, die, wie mir scheint, von hoher Aktualität ist. Festinger interessierte sich dafür, wie Menschen auf Ereignisse reagieren, die ihre Überzeugungen infrage stellen, wie sie also mit solchen „kognitiven Dissonanzen“ umgehen. Geben sie ihre Überzeugungen auf? In vielen Fällen nicht. Vielmehr versuchen sie, ihre Erlebnisse so zu deuten, dass diese mit ihren Überzeugungen doch noch in Einklang gebracht werden können. Dabei kommt es zu den absonderlichsten geistigen Verrenkungen. Wie bei den „Seekers“, die an der Prophezeiung des Weltuntergangs festhielten, indem sie sich zu den Rettern der Welt stilisierten.

Warum erzähle ich diese Geschichte? Nun, in gewisser Weise sind wir momentan in einer ähnlichen Situation wie die „Seekers“ im Jahr 1954. Ja, richtig: Es geht um unseren Umgang mit Corona, mit den Impfungen und sogenannten „Impfverweigerern“. Für uns war die Impfung die große Prophezeiung. Was haben wir uns nicht alles erhofft: Die Impfung sollte uns vor Ansteckung bewahren, die „Herdenimmunität“ herstellen, schwere Krankheitsverläufe dauerhaft verhindern, kurz: die Pandemie beenden und die „Freiheit“ wiederbringen.

Dafür waren wir gewillt, Risiken in Kauf zu nehmen: die Impfung mit nur kurz erprobten Stoffen, die die sonst üblichen langjährigen Zulassungsverfahren nicht durchlaufen hatten. Über deren Neben- und Langzeitwirkungen deswegen nur unzureichende Erkenntnisse vorlagen. Die teilweise auf vollkommen neuartigen Wirkungsprinzipien beruhten. Der Einsatz war hoch: Wir waren bereit, uns zu „Versuchskaninchen“ machen zu lassen, wie Olaf Scholz es zugespitzt, aber zutreffend formulierte.

Die Verweigerungshaltung der Ungeimpften

Wie reagieren wir also, wenn sich nun, nach einem Jahr Impfkampagne, herausstellt, dass die Impstoffe nicht halten, was wir von ihnen erwartet haben? Dass wir auch als Geimpfte andere anstecken können. Dass eine Herdenimmunität durch die Impfungen nicht erreichbar sein wird. Dass wohl auch der Schutz vor schweren Verläufen nicht von Dauer ist. Dass dann allenfalls eine Booster-Impfung hilft und dies wiederum nur vorübergehend. Dass die alten Impfungen gegen die neuen Mutationen immer weniger wirken. Dass die Verdachtsmeldungen von schwerwiegenden Nebenwirkungen und Todesfällen um ein vielfaches höher liegen als bei anderen Impfstoffen.

Kurz: Dass die Impfung, das große Heilsversprechen, nicht vollkommen risikolos ist und uns wohl auch nicht von Corona befreien wird. Wie reagieren wir also? Revidieren wir im Lichte der neuen Erkenntnisse unsere Überzeugungen? Mir scheint, wir reagieren derzeit eher wie die „Seekers“. Auch sie hatten erhebliche Risiken auf sich genommen. Viele hatten im Hinblick auf den bevorstehenden Weltuntergang ihre Jobs gekündigt und ihre Häuser verkauft. Das musste doch einen Sinn gehabt haben. Und tatsächlich: Sie fanden eine Möglichkeit, all dem einen Sinn zu verleihen. Was war der Verlust von Job und Haus schon gegen die Rettung der Welt?

Die Art und Weise, wie wir derzeit unsere „kognitiven Dissonanzen“ im Hinblick auf die Impf-Versprechen reduzieren, erscheinen allerdings wesentlich problematischer als im historischen Beispiel der „Seekers“. Denn wir nutzen einen der unerfreulichsten psychologischen Mechanismen, um unserem Ärger Luft zu machen. Wir projizieren ihn auf Außenstehende, in diesem Fall auf die Ungeimpften, die wir zum Sündenbock dafür machen, dass unsere Hoffnungen enttäuscht wurden.

Tatsächlich eignen sich die Ungeimpften hervorragend für diese Rolle. Sie haben sich der gemeinsamen, wenn auch gescheiterten Aufgabe, Herdenimmunität herzustellen, einfach entzogen. Sie haben nicht all die Risiken und Mühen auf sich genommen, die mit der Impfung verbunden waren. Sie mussten ihre Zweifel nicht unterdrücken, die heimlichen Ängste vor Nebenwirkungen nicht besiegen. Sie haben sich einfach verweigert! Mehr noch: Sie haben ihre Zweifel auch noch artikuliert, ihre Skepsis auf Demonstrationen zum Ausdruck gebracht und damit zumindest einige von uns in ihrer Entscheidung für die Impfung verunsichert. Damit macht man sich keine Freunde, nicht in einer Situation, in der die Impfung als der einzige Ausweg erscheint.

Auch vermeintlich „Unvernünftige“ müssen behandelt werden

Es liegt also nahe und ist allzu menschlich, nun die Ungeimpften ins Visier zu nehmen. Doch ist das wirklich gerechtfertigt? Haben „Skeptiker“ und „Verweigerer“ den Erfolg der Impfkampagne vereitelt? Sind sie jetzt die „Treiber der Pandemie“? Ganz so einfach ist es wohl nicht, wie die jüngsten Skandale um manipulierte Statistiken in Bayern, Hamburg und Sachsen gezeigt haben. Dort wurden, wie die „Welt“ herausfand, „in großem Maße Personen mit unbekanntem Impfstatus den Ungeimpften zugeordnet“.

Tatsächlich kennen wir den Impfstatus vieler Getesteter nicht. Und es ist sehr gut möglich, dass wir, die Geimpften, für die meisten Ansteckungen selbst verantwortlich sind. Wir, die wir uns für immun und „ungefährlich“ gehalten haben, während wir den Ungeimpften einen negativen Test abverlangten. Aber sind die Ungeimpften nicht zumindest schuld am „Volllaufen“ der Intensivstationen? Das ist nicht auszuschließen.

Doch es gehört nun mal zum Solidarprinzip unserer Gesundheitsversorgung, auch vermeintlich „Unvernünftige“ zu behandeln. Ansonsten wären Skilaufen und Motorradfahren, Rauchen und Alkoholkonsum schon längst verboten. Sicher: Unser Gesundheitssystem ist überlastet. Doch das ist es schon seit vielen Jahren und nicht die Ungeimpften sind daran schuld, sondern eine Sparpolitik, der selbst in den Pandemiejahren tausende Betten, ja ganze Krankenhäuser zum Opfer gefallen sind.

Gerade der Umgang mit Seuchen war oft ein problematischer

Worin also besteht die „Tyrannei der Ungeimpften“, die der Vorsitzende des Weltärztebundes Frank Ulrich Montgomery anprangerte? Könnte es sein, dass es nicht die Ungeimpften, sondern vielmehr unsere eigenen Zweifel sind, die uns derzeit „tyrannisieren“? Unsere Zweifel daran, ob unser Krisen-Management das richtige ist? Ob andere weitsichtiger gewesen sein könnten als wir selbst? Ob Zurückhaltung, Abwarten für die nicht vulnerablen Bevölkerungsteile nicht sogar die bessere, jedenfalls nicht die schlechtere Strategie gewesen sein könnte?

Das jedenfalls sind die Fragen, die ich mir in den vergangenen Monaten gestellt habe. Und dafür gab es einen besonderen Grund. Denn seit meiner Impfung leide ich unter neurologischen Problemen. So eine Erfahrung verändert die Perspektive. Sie hat mich zum „Impfskeptiker“ werden lassen. Und sie hat mich zusätzlich sensibilisiert für all die Ausgrenzungsmechanismen, die wir gegen Ungeimpfte in Stellung bringen. Auch aus ganz „egoistischen“ Überlegungen: Werde ich, der ich mich nicht mehr „boostern“ lassen kann, bald zu den Ausgestoßenen dieser Gesellschaft gehören? Wird man mich womöglich dazu zwingen, mir nochmals einen Stoff injizieren zu lassen, der mein Nervensystem geschädigt hat?

Doch hier soll es nicht um mich gehen, sondern um unseren kollektiven Umgang mit dem, was Leon Festinger eine „kognitive Dissonanz“ genannt hat. Warum also nehmen wir nach dem Scheitern unserer Impf-Hoffnungen ausgerechnet die Ungeimpften ins Visier? Warum bezichtigen wir sie, „egoistisch“ zu sein, „unsolidarisch“ oder gar „tyrannisch“? Nun, Menschen reagieren auf gesellschaftliche Krisen oft mit der Suche nach einem Sündenbock. Unsere Geschichte ist eine einzige Ansammlung von Versuchen, Minderheiten für plötzliches Unheil verantwortlich zu machen. Bei Pestepidemien waren es die Juden, die man angeblicher „Brunnenvergiftungen“ bezichtigte, Homosexuelle machte man für Erdbeben oder den Untergang ganzer Weltreiche verantwortlich usw. Gerade der Umgang mit Seuchen war oft ein problematischer. Und doch hat es auch immer wieder Beispiele besonnener Reaktionen auf Krankheit und Tod gegeben.

Die Impfpflicht: Nicht nur ein Verstoß gegen Artikel 2 des Grundgesetzes

Erinnern wir uns an die Aids-Krise: Eine Krankheit, die nicht nur bei einigen wenigen, sondern bei fast allen Infizierten zum Tod führte. Eine Krankheit zudem, die anfangs vor allem schwule Männer betraf und die sich insbesondere durch promiskuitives Sexualverhalten verbreitete. Hier waren alle Voraussetzungen gegeben, um eine Minderheit zum Sündenbock zu machen, um eine gesundheitliche Krise durch Schuldzuweisungen und radikale Maßnahmen zu „lösen“. An entsprechenden Forderungen hat es damals nicht gemangelt, bis hin zur Internierung Infizierter in Lagern.

Im Lichte der heutigen Debatten hätte man auch einen „Lockdown“ für alle Schwulen fordern können oder ein neuerliches Verbot der gerade erst seit zehn Jahren straffreien Homosexualität. Und doch hat sich die Vernunft durchgesetzt, nicht zuletzt dank der damaligen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth, die sich für einen eigenverantwortlichen Gesundheitsschutz einsetzte und Verfechtern radikaler Lösungen mutig entgegentrat.

Im Vergleich zu Aids ist Covid eine deutlich „harmlosere“, weil für nur wenige Infizierte tödliche Krankheit. Und doch scheint es so, als gelänge es uns nicht, zu einem vernunftgeleiteten Management dieser Krise zu finden. Im Gegenteil: Derzeit fahren wir Geschütze auf, die wesentliche Grundrechte und Grundsätze unseres Rechtsstaates infrage stellen. Die 2G-Regel, also der Ausschluss Ungeimpfter aus großen Teilen des öffentlichen Lebens: ein klarer Verstoß gegen die Resolution des Europarates vom 27. Januar 2021, „dass niemand diskriminiert werden darf, weil er nicht geimpft worden ist“.

Die Impfpflicht: Nicht nur ein Verstoß gegen Artikel 2 des Grundgesetzes, der die „körperliche Unversehrtheit“ garantiert. Weil die Impfstoffe nicht regulär zugelassen sind, sondern weiterhin experimentellen Charakter haben, handelt es sich auch um eine Missachtung des 1947 als Reaktion auf die NS-Verbrechen verabschiedeten Nürnberger Kodexes. Dieser verbietet medizinische Experimente, denen die Versuchsperson nicht „freiwillig“ zugestimmt hat, das heißt unbeeinflusst von jedweder „Form der Überredung oder des Zwanges“.

Jeder Kritiker wird als Schwurbler bezeichnet

Es ist an der Zeit, dass wir wieder zur Vernunft kommen und den Panikmodus, in dem wir uns seit fast zwei Jahren befinden, beenden. Dass wir einen Moment innehalten und überlegen, ob die Suche nach einem Sündenbock tatsächlich der richtige Weg ist, um mit Krankheit und Tod umzugehen. Dass wir versuchen, eine Mediendynamik zu durchbrechen, die davon lebt, immer erschreckendere „Zahlen“ und immer abschreckendere „Schuldige“ zu präsentieren, denen man angeblich nur noch mit Verboten und Zwangsmaßnahmen beikommt. Kurz: Dass wir uns um eine realistische Einschätzung der Gefahr und ihrer Ursachen bemühen und nüchtern überlegen, welche Strategien tatsächlich „geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“ sind, um Covid zu bekämpfen, ohne unsere Gesellschaft weiter zu spalten.

Dies allerdings wird nur gelingen, wenn wir uns darauf besinnen, dass Skepsis, Zweifel und Widerspruch die Fundamente von Aufklärung, Wissenschaft und Fortschritt sind. Denn nur sie ermöglichen es, unsere Überzeugungen zu revidieren, wenn diese sich als nicht realitätstauglich erweisen. Wenn wir also nicht auf das Niveau der „Seekers“ herabsinken wollen, dann werden wir Andersdenkenden wieder zuhören müssen, statt sie als Idioten oder Lügner, Leugner oder Lobbyisten, Verschwörungsideologen oder Gesundheitsdiktatoren zu beschimpfen. Dabei geht es nicht darum, irgendwelche Spinner ernst zu nehmen, die daran glauben, Bill Gates wolle uns Chips implantieren.

Bedenklich ist es aber, dass wir uns mittlerweile angewöhnt haben, nahezu jeden Kritiker als „Spinner“, „Schwurbler“, „Wissenschaftsfeind“ oder „Rechten“ zu diskreditieren. Was wir dabei übersehen: „Wissenschaftsfeinde“ sind nicht diejenigen, die Zahlen, Studien und Maßnahmen hinterfragen, sondern diejenigen, die den offenen Diskurs darüber unterbinden wollen. Schuldzuweisung und Ausgrenzung mögen uns psychologisch entlasten. Die Corona-Krise, die inzwischen eher eine gesellschaftliche als eine gesundheitliche ist, werden wir damit nicht lösen.

Dr. Alexander Zinn, Soziologe und Historiker, forscht zu Ausgrenzung und Verfolgung sexueller Minderheiten im 20. Jahrhundert.

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