BERLIN. Die Arbeitsmarktreform Hartz IV hat auch in den Wohlfahrtsverbänden große Unruhe ausgelöst. Sie streiten nicht nur über die Reform - sondern auch über ihr Selbstverständnis.Am Anfang der Debatte stand ein Schreiben der führenden Köpfe von Diakonie, Arbeiterwohlfahrt und Deutschem Roten Kreuz an die Fraktionsvorsitzenden des Bundestags von Ende Mai. Darin forderten die Wohlfahrts-Chefs den Zugang zu Hartz IV und die passiven Leistungen zu beschränken. Eine solche Position hatte man von Wohlfahrtsverbänden nicht erwartet, die bislang stets als Anwalt der Hilfebedürftigen auftraten. In den Verbänden brodelt es seither. Die Vorsitzenden stehen nun selbst in der Kritik. Aber ihr Anstoß, nach dem sich die Wohlfahrtsverbände künftig auch um die Finanzierbarkeit des Sozialstaates Gedanken machen müssen, findet auch Unterstützer.Besonders innerhalb der Diakonie gibt es heftige Kritik gegen Präsident Jürgen Gohde, der in dem Brief ohne Absprache mit dem Verband vorgeprescht ist. "Darüber wird heftig diskutiert", verlautet es aus der Diakonie. Der Bundesverband um Präsident Gohde schweigt nun zu dem Thema, nachdem der Großteil der 23 Landesverbände sich in öffentlichen Stellungnahmen von der Position Gohdes distanziert hat. Die fünf diakonischen Werke in Niedersachsen forderten gar eine Sondersitzung des höchsten Gremiums, des diakonischen Rates, um den "bereits belegbaren Vertrauensverlust der Diakonie" zu begrenzen, was allerdings abgelehnt wurde. Nun bestimmt das Thema die Tagesordnung der nächsten regulären Sitzung am 21. Juni. "Es wird nun niemand Gohdes Kopf fordern, aber wir gehen davon aus, dass er sich berichtigt", sagt Rainer Krebs vom Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.Die Landesverbände werfen ihrem Präsidenten vor, sich gegen die Interessen der Bedürftigen zu wenden. "Es ist der Part der Anderen zu überlegen, wo man kürzen könnte", sagt Birgit Holthaus, Sprecherin der Diakonie Sachsen. Wenn selbst die Diakonie sich nicht mehr auf die Seite der Betroffenen stelle, sei das wie ein Dammbruch.Es gibt aber auch Unterstützung für Gohdes Position. "In der Sache fand ich die Äußerungen sehr angemessen und verständlich", sagt Hartwig Daewel, Leiter der Diakonie Mecklenburg. Es lohne sich, mit den kommunalen Spitzenvertretern einzelne Punkte genauer anzusehen. "Wir müssen beraten, wie das Gesamtpaket im sozialen Bereich zu finanzieren ist."Rainer Brückers, Bundesgeschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt und Mitunterzeichner der persönlichen Erklärung, ist froh um die "notwendige Diskussion", die auch in seinem Verband nun heftig geführt wird. "Einen offenen Aufstand aber wird es nicht geben", sagt Brückers. Die Wohlfahrtsverbände würden sich durch diese Auseinandersetzung auch nicht umwälzen, sondern vielmehr ihren ureigensten Aufgaben gerecht. "In unserem christlichen Auftrag liegt auch die gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Wenn wir glaubwürdig bleiben wollen, kommen wir um diese Fragen nicht herum."------------------------------Foto: In der Kritik: Diakonie-Präsident Jürgen Gohde.