Es gibt Wahrheiten, die alle Grenzen unseres Verstandes überschreiten und vielleicht nur noch von der Sprachniacht eines großen Künstlers gegriffen werden können. Drei Flaschen vergraben unter den Wurzeln eines Baumes Im französischen Vittel oder der Ledergrlff elnes Reisekoffers genügen schon, um einen solchen für die Menschheit wohl unersetzilchen Erfahrungsschatz zu bergen. So überlebte "Der Große Gesang vom augerotteten jüdischen Volk", während sein Verfasser vor 50 Jahren den Öfen von Auschwitz nicht zu entrinnen vermochte.Von den Nazis deportiert jlzchak Katzenelson hieß er, geboren in Weißrußland. Gründer einer jüdischen Schule in Lodz, Poet und Übersetzer von Heinrich Heine. 1940 waren er und seine Familie nach Warschau geflohen. Zwei Jahre später deportierten die Nazis seine Frau und die beiden jüngsten Söhne nach Treblinka während Katzenelson und sein Sohn Zvi am Ghetto-Aufstand teilnahmen.Die beiden waren von Freunden mit gefälschten hünduranischen Pässen herausgeschleust worden und landeten in einem Sonder-KZ in Vittel, wo die Nazis Geiseln für einen Austausch bereithielten. Dort verfaßte Katzenelson sein großartiges Poem, das Wolf Biermann jetzt in zweijahriger Arbeit aus dem iiddischeri Ins Deutsche übersetzte.In winzig kleiner Schrift hat Katzenelson die Verse aneinandergesetzt, die dann nach dem Krieg von Myriam Nowitsch ausgegraben und nach Paris zur Übertragung ins Hebräische gebracht wurden. Die Kofferversion schmuggelte Rutli Adler aus dem Lager, und mit ihr nahm Bierinarm dann in Israel Kontakt auf.Liest man heute diese abwechselnd von Empörung und Verzweiflung getragenen Zeilen, dann überträgt sich sogleich die fieberhafte, gehetzte Stimmung, mit der Katzenelson noch einmal alles Erlebte festhalten möchte. Denn er mußte jeden Moment damit rechnen, daß Ihn seine Bewacher in die Waggons sperrten, deren aufgerissene Mäuler in jenen Jahren scheinbar unersättlich menschliche Existenzen in sich verschlangen. "Sing diesem Europa noch den großen Abgesang von seinem allerletzten lid", heißt es gleich im ersten Vers und an dieses Europa, das damals eines seiner Völker verlor, ist denn auch der "Gesang von ganz tief innen" gerichtet.Direkt aus dem Inferno spricht diese vor Zorn glühende Stimme zu uns. Ein Zorn, der auch das Unvorstellbare nicht ungesagt läßt, wenn es da heißt: "Mama mit dein Kindchen aufm Schoß 1 Nun seid Ihr Dimger' Knochenmehi und Selfenstück." Katzenelson war denn auch einer der wenigen, die genau wußten, was mlt ihnen geschah, als er in Auschwitz ankam.So schildert "Das Lied" noch einmal das Leben Im Ghetto, erzählt von den mageren Kindern mit den großen Augen, deren Elend so groß Ist, daß sie längst das Weinen verlernt haben. Für uns ist heute nicht zuletzt von Bedeutung, wie überzeugend Katzeneison jene Verwüstungen der Seele beschreibt, die erlittene Gewalt in den Menschen anrichtet. Und natürlich gilt seine ganze Verachtung den Tätern und Handlangern, den grinsenden deutschen Soldaten und den Juden, die Tag für Tag ihr Kontingent an Landsleuten dem Feind ans Messer lieferten.Das Bild vom JudenHinter all diesen Klagen steht eben auch der Kampf gegen das Bild vom Juden, der kein besseres Schicksal verdient hat, weil er sich nicht zu wehren vermochte. Ein altes Thema, das ja schon im Buch Hiob verhandelt wird. Biermann weist jedoch In seinem Begleitiext ganz richtig darauf hin, daß Katzenelsons Hadern mit dem Gott der Juden nicht mit Hiobs Dilemma vergleichbar ist. Denn dessen Geschichte endete versöhnlich, wenn von ihm gesagt wird, "er starb alt und lebenssatt". Katzenelson schildert detailliert den Kampf der Ghettobewohner, die letztlich zur Waffe greifen.Es ist kaum bekannt, daß dieser von Zeitzeugen als freundlicher, stets lebenshungriger Mann beschriebene Dichter, auch jenes Lied "Dona, Dona, Oona" schrieb, mit dem sich die 68er Studentenschaft zum Klang der Gitarre von Joan Baez überall in der Welt gern im Kerzenllcht wiegte. Ein jüdisches Lied, das voll giftiger Ironie den Weg eines dummen Kälbchens zur Schlachtbank beschreibt.Wolf Biermann, der von sich behauptet, er hätte eigentlich 30 Jahre lang nichts anderes getan, als seine Kräfte zu üben, "um nun endlich dieses Werk lebendig ans deutsche Land zu ziehen", ist tatsächlich eine wundervolle Nachdichtung gelungen. Beständig baut er an einem sprachlichen Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart.Die verwandte SpracheImmerhin gehört das Jiddische Ja zu den schönsten Verwandten der deutschen Sprachfamiiie. Gesprochen von den askenasischen Juden. die vom Rheinland nach Osten siedelten, vermischte sich das Mittelhochdeutsche später mit den slawischeri Sprachen.,, Das Jiddische ist Wie ein Mädchen", sagt Biermann, "das auf der Flucht in jedem neuen Land mit dem fremden Sprachschatz Ins Bett mußte."So hat Biermann uns doch ein großartiges Werk jüdischer Kultur geborgen, das in seinem schrecklichen Zeugnis gleichfalls ein wichtiger Trost ist. Denn der Untergang dieser Kultur, und das heißt. die Auslöschung unzähliger Lebensgeschichten >st nut diesem Epos ein Stück weit dem Vergessen entzogen worden.Jizchak Katzenelson: Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk. Aus dem Jiddischen ~on Wolf Biermann. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 240 S., 48 Mark.