Lieber Herr Biermann, Ihr Studium ist hiermit beendet", sagte der Präsident der Humboldt-Universität und überreichte dem Mann vor ihm das Diplom in Philosophie - "Gesamtprädikat: gut". Heiteres Raunen im Saal. Es hatte schon etwas rührend Komisches: Präsident Christoph Markschies, mit der feierlichen Amtskette um den Hals - und ihm gegenüber der Liedermacher Wolf Biermann in seiner unvermeidlichen Lederjacke, einen Kopf kleiner als der Präsident und dazu noch etwas verlegen von einem Bein aufs andere tretend.Aber auch wenn es mitunter etwas komisch zuging - dieser Freitag war ein ernster und wichtiger Tag für die Humboldt-Universität. Erst im vergangenen Jahr hatte an gleicher Stelle Marcel Reich-Ranicki den Ehrendoktor in Empfang genommen. Die Universität Unter den Linden versuchte damit zumindest symbolisch die Schuld ihrer Nazi-Vorgängerin zu tilgen, die dem jüdischen Studenten 1938 das Studium verwehrt hatte. Gestern nun überreichte sie Wolf Biermann sein Diplom, das ihm 1963 aus politischen Gründen nicht ausgehändigt worden war, obwohl er alle Prüfungen erfolgreich bestanden hatte. "Es hat seit 45 Jahren Ihnen gehört. Wir haben es für Sie nur aufbewahrt", erklärte der Dekan Bernd Wegener. Im Auditorium saßen neben Wissenschaftlern und Politikern wie Wolfgang Thierse viele Freunde und Gefährten Biermanns, und wohl auch mancher seiner ehemaligen Gegner. Viele von ihnen hatten seine bittere Wahrheiten erst begriffen, als es zu spät war.Den Gedanken, dass sich die Universität öffentlich entschuldigen müsse, hatte vor fünf Jahren der Philosoph Volker Gerhardt. Doch nicht nur das Diplom, nein: "Die Ehrenpromotion, so schien mir, war das Mindeste, das die Humboldt-Universität ihm schuldig war", sagte er. Und so erhielt Biermann nun zugleich die Urkunde eines "doctor philosophiae honoris causa".Volker Gerhardt begrüßte den zu Ehrenden als "lieber, verehrter, bestaunter und bewunderter Wolf Biermann!". Ihm liege gar nicht, ihn zu siezen, denn er fühle sich als Vertrauter Biermanns. Habe er doch schon am 13. November 1976 mit Millionen anderer Fernsehzuschauer sein Konzert in Köln gesehen. Biermann habe ihn "und alle anderen angesprochen, als seien wir alle die Freunde der Freunde, die ihm seit Jahren in der Chausseestraße 131 zu Füßen gesessen hatten".Präsident Markschies griff in seiner Rede ganz hoch und zog gleich die 200-jährige Universitätsgeschichte heran. In all dieser Zeit seien "Renitenz oder gar Widerstand" rar gewesen. Biermann und Heinrich Heine nannte er die "zwei wunderbar renitenten, widerständigen Studenten dieser Universität". Biermann wurde in den Reden dieses Tages als "Inkarnation eines Intellektuellen" bezeichnet, als "Gesamtkunstwerk in einer Person", "gelehrter Dichter", "Poetologe", "kongenialer Übersetzer", "Wegbereiter der deutschen Einheit".Von all den Lobreden feierlich umnebelt, erlebte man dann endlich den erfrischenden Auftritt Biermanns. Der zeigte kurz seine Ergriffenheit. "Danke! Ohne einen Hauch von Ironie. Danke!" sagte er in Richtung des HU-Präsidenten.Danach ging's aber auch schon voll los. Die Gitarre wurde in bekannter Art gezupft, gestreichelt, malträtiert. Die vertrauten lauten, leisen, knurrigen, jaulenden Töne erklangen. Und Biermann erzählte die Geschichte seines Diploms. Neben seinem Mathe- und Philosophiestudium von 1959 bis 1963 leitete er das "alter-naive" Berliner Arbeiter- und Studenten-Theater (bat). Er schrieb und inszenierte ein Stück über die Mauer, das erklärte, aber nicht verklärte. Die Folge: Das Stück wurde verboten, die Theatertruppe auseinandergejagt. Von nun an schrieb Biermann vor allem Lieder, die als illegale Kopien kursierten. Die SED-Oberen wollten auf keinen Fall, dass der rebellische Student sein Studium abschließt. Dass es ihm dennoch gelang, war der List seines Lehrers Wolfgang Heise zu verdanken. Dieser sorgte dafür, dass Biermann aus der Schusslinie kam und später seine Prüfungen ablegen konnte. Als das ZK der SED davon erfuhr, verbot es, Biermann das Diplom auszuhändigen. Wolfgang Heise wurde später als Professor für Philosophiegeschichte geschasst. Nach Biermanns Ausbürgerung setzte er sich in einem Brief an den SED-Chefideologen Kurt Hager für Biermann ein. Wie dieser über seinen "allerbesten Lehrer" und Freund sprach, das gehörte zu den schönsten Momenten des Abends.Biermann sieht in dem 1925 geborenen Wolfgang Heise den "wahrscheinlich einzig richtigen Philosophen in der ganzen DDR". Er gehörte zu jenen, die an der Marxschen Utopie von einer befreiten Gesellschaft festhielten, aber zugleich mit den restriktiven Verhältnissen in der DDR nicht zurechtkamen. Er starb 1987, vor dem Ende der DDR. Biermann sang ein Lied auf ihn: "Mein Lehrer Wolfgang Heise:/ im Krieg der Illusionen/ ein Waisenkind der Weisheit/ und ist daran zerbrochen. . Hat heiß geliebt sein Vaterland./ Er war mein DDR-Voltaire,/ denn er durchschaute immer schon/ auch seine eig'ne Illusion."------------------------------Foto : Wolf Biermann im Audimax der HU, neben seiner Frau Pamela (links) und dem Präsidenten Christoph Markschies