Australien, das war eine Schnapsidee, sagt Inge, die mal ein Restaurant bei Karlsruhe führte. Im Fernsehen sei damals eine Reportage über "Inseln im Pazifik" gelaufen. So sei sie auf den Gedanken gekommen, ihre Sachen zu packen. Schon ein paar Monate später war sie weg, down under. Inzwischen ist Inge eine ältere Frau und wohnt in einer Felsenhöhle irgendwo in der Halbwüste. Sie scheint sich dort ganz wohl zu fühlen.Jetzt geht anscheinend alles von vorne los. Wieder legt das Fernsehen den Köder. Diesmal heißt er "Zug der Träume". Es ist Wolf von Lojewski, der sich als Fluchthelfer oder Zielsuchsystem für Fernwehkranke betätigt. Er war Studioleiter in London und Washington, leitete und moderierte fast elf Jahre lang das ZDF-"heute-journal". Bis heute gibt es hier zu Lande keinen besseren Anchorman.Von Lojewski hatte, so sagt er, schon lange von ein paar Wochen in Australien geträumt, aber irgendwie war dazu nie die Gelegenheit. Doch wenn herausragende öffentlich-rechtliche Fernsehjournalisten in die Jahre kommen, dann haben sie bei ihren Sendern ein paar Wünsche frei und können schon mal die Zeigefinger über den Globus flitzen lassen. Das ist ausnahmsweise keine Geldverschwendung, zumindest so lange man Leute wie Ruge, Bednarz oder von Lojewski verreisen lässt, sei es nun nach Sibirien, Feuerland oder eben auf den fünften Kontinent.Ein Kilometer langes MonsterEin Redakteur, erzählt der Reporter, habe ihm vorgeschlagen, doch mal über eine Fahrt mit diesem Zug zu berichten, mit dem man da neuerdings quer durch den ganzen Kontinent reisen könne, von Adelaide im Süden nach Darwin im Norden. Klar doch, aber "ich hätte auch einen Film über die Steuerreform in Australien gemacht oder über das Liebesleben der Koala-Bären", sagt von Lojewski.Rammelnde Pelztiere wären womöglich etwas telegener gewesen. Der "Ghan", so heißt das Monster von Eisenbahn, ist fast einen Kilometer lang und den aus Afghanistan stammenden Kameltreibern gewidmet, die den Australiern ihr Hinterland, das Outback, erschlossen haben. Afghanistan - das beschreibt auch in etwa den äußerst verlässlichen Charme der Streckenführung. Genauso gut könnte man fünfzig Mal im Kreis durch den Tagebau Jänschwalde gondeln.Also ließ der Reisende es dabei bewenden, mal aus dem Zugfenster in den Sonnenuntergang zu gucken, mal den Salonwagen der Kategorie "Goldenes Känguru" zu bestaunen und sich vom Lokführer erzählen zu lassen, dass sich ihm bei jeder Tour bis zu zwölf braune Kängurus vor die Puffer werfen.Nach zweitägiger Bahnfahrt nahm sich von Lojewski an der Endstation einen Gelän-dewagen. Darin fuhr er die Strecke - mit Umwegen, versteht sich - binnen drei Wochen wieder zurück. Dabei und nicht im Zug fand er seine kleinen Geschichten. Er traf Kamelzüchter und Cowboys, die hier "Ringer" heißen. Er sprach mit der Mutter des Jungen, der sich in der Wildnis verlaufen hatte und verdurstet war. Er besuchte ein Hotel, das gerade von Fledermäusen belagert wurde. Sein Kameramann Hartmut Seifert verliebte sich offensichtlich unterwegs, und zwar in die scharfen Kontraste zwischen blauen Himmeln und roten Böden. Australien, sagt ein Einwanderer aus Zypern, sei "das beste Land der Welt. Wenn du arbeitest, dann lebst du hier, wie ein König." Kurze Pause. "Wenn du nicht arbeitest, dann auch."Von Lojewski tut gar erst nicht so, als wollte er dem Kontinent noch ein Geheimnis entreißen. Er führt meist diese kleinen "How are you?"-Gespräche und fragt, wie ein Tourist eine Zufallsbekanntschaft fragen würde. Er ist so entspannt wie das Land. Angesichts von Buschfeuern und Todesfällen drückt er weder auf die Tube noch auf Tränendrüsen und erzählt immer angenehm beiläufig und mit freundlicher Ironie. Er wird selbst dann nicht plakativ, wenn er mit wenigen Worten und treffenden Bildern skizziert, wie ratlos die Aborigines in den Straßen von Alice Springs herumsitzen. Wolf von Lojewski ist wie immer: Man hört ihm einfach gern zu und darf sich seinen Teil denken.Tröstlich für alle Daheimgebliebenen ist es übrigens, wenn ein deutscher Auswanderer an der subtropischen Nordküste über die unerträglich schwülen Tage kurz vor der Regenzeit klagt. Die Leute, sagt er, würden dann ganz "verrückt und komisch". Doch, und jetzt kommt die ganz schlechte Nachricht für Neukölln, "verrückt und komisch" dauert in Australien nur ein paar Tage. Und danach sei die Stimmung dort einfach viel besser. Ob sie denn nicht irgendwann doch wieder heim wollten, fragt der Durchreisende die Exilanten. Es klang fast flehentlich. Einer guckt verständnislos. Nur im Notfall, sagt die andere.Zug der Träume; heute und am Dienstag, 24. Mai, 20.15 Uhr, ZDF.------------------------------"Wenn du arbeitest, dann lebst du hier, wie ein König. Wenn du nicht arbeitest, dann auch."Ein Einwanderer------------------------------Foto: Cowboys heißen in Australien Ringer. Ihr Leben ist meistens nicht ganz so romantisch wie auf diesem Bild.