Wolfgang Hempel hat das Wunder von Bern 1954 als Kommentator live erlebt. Er schrie nicht, als die Deutschen siegten. Er war der Reporter der DDR: "Eure Freunde sind die Ungarn"

ERFURT, im Oktober. Man schreibt das Jahr 1954. Schauplatz ist ein Fußballstadion in der Schweiz. In diesem Stadion, am 4. Juli, sitzt ein Rundfunkreporter vor seinem Mikrofon. Das Spiel steht 2:2, und es ist nicht mehr lange zu spielen. "Schäfer flankt", sagt der Reporter, "Schäfer flankt. Da ist Rahn da, Rahn schießt, nein dribbelt, schießt - Tor. Tor." Es sind Worte, die den Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Weltmeisterschaftsendspiel über die Ungarn beschreiben. So sind sie damals aus dem Mund eines deutschen Reporters gekommen, aber irgendetwas scheint daran nicht zu stimmen. Es scheinen die falschen Worte zu sein, mindestens aber unbekannte. Sie sind nicht fünfzig Jahre lang in Fernseh-und Rundfunksendungen wiederholt worden, diese nicht. Und wahrscheinlich wären sie für immer verschwunden geblieben, diese Worte, wenn es nach dem Wunder von Bern nicht noch das Wunder der deutschen Einheit gegeben hätte. Es gab ja immer diese andere Reportage vom Siegtor, die berühmte, ins Schatzkästlein des westdeutschen Volkes eingegangene Beschreibung einer Wiederauferstehung. "Bozsik, immer wieder Bozsik", sagte zur gleichen Zeit ein anderer Reporter. "Der rechte Läufer der Ungarn hat den Ball verloren, diesmal an Schäfer. Schäfer nach innen geflankt, Kopfball - abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt." Die Stimme des Repor-ters explodiert. "Toooor. Toooor. Toooor. Toooor. Drei zu zwei führt Deutschland fünf Minuten vor dem Spielende." So hatte damals Herbert Zimmermann vom Westdeutschen Rundfunk den Sieg gefeiert. Wolfgang Hempel, der andere Reporter, war vom Rundfunk der DDR in die Schweiz geschickt worden. Zimmermann ist tot. Ein Film kommt in die Kinos und stößt vermutlich lang anhaltende Feierlichkeiten zur fünfzigsten Wiederkehr des Tages von Bern im nächsten Jahr an. Wolfgang Hempel ist 76 und seit fünf Jahren im Ruhestand, aber das Telefon klingelt jetzt wieder öfter. Aus dem gesprochenen deutschen Journalismus ist er gewissermaßen der einzige Zeitzeuge von Bern, von dem noch mehr da ist als eine Stimme im Archiv. Letztens trat er zusammen mit dem westdeutschen Sportreporter Rudi Michel im Fußball-Globus am Brandenburger Tor auf. Seit fast fünfzig Jahren sind die beiden Kumpel, trotz Eisernem Vorhang. "Markante Stimmen - ein Leben mit dem Fußballsport", hieß der Abend. Hempel musste von 1954 erzählen, Michel auch, der war ebenfalls in Bern, nur nicht vor dem Mikrofon. Seine Stunde kam erst später, 1966, als er das Endspiel England gegen Deutschland kommentierte. Über die Spiele aus England hat Wolfgang Hempel auch berichtet, nur eben aus dem Studio in Berlin, weil DDR-Journalisten damals keine Einreise nach England bekamen. Hempel hat ohnehin viel Fußball kommentiert, ungefähr fünfzig Jahre lang, DDR-Oberliga, FDGB-Pokal, Europapokalspiele, Europameisterschaften und Weltmeister-schaften, und wenn man ihm heute in seiner Erfurter Wohnung zuhört, ist es, als habe er die wichtigsten Situationen tausender Spiele in seinem Kopf gespeichert. Man kann ihn beispielsweise nach dem 22. Juni 1941 fragen, da war er vierzehn. Ja, da begann Deutschland den Krieg gegen die Sowjetunion, aber im Berliner Olympiastadion gab es das Endspiel um die "großdeutsche" Fußballmeisterschaft zwischen Schalke O4 und Rapid Wien. Wie war das also, Herr Hempel, damals in Berlin, 1941, mit dem Siegtor für die Österreicher? "Es war so", sagt er, "dass noch zehn Minuten zu spielen waren, und am linken Flügel hatten die einen gewissen Pesser. Dieser Linksaußen gibt eine Flanke rein, einer der Halbstürmer stoppt das Ding an der Strafraumgrenze, lässt ihn von der Brust runter fallen, dann ein Drop Kick, 4:3, und Schalke hatte verloren."Man kann auch fragen, wie Max Morlock im Berner Endspiel das An-schlusstor gegen die Ungarn schoss oder wie sich das Sparwasser-Tor im Spiel der DDR gegen die Bundesrepublik entwickelte, es ist alles da, alles drin in diesem Kopf des Wolfgang Hempel, der fast ein Leben lang vor dem Mikrofon stand und auf Fußballplätze und Eishockeyfelder schaute. Wahrscheinlich war er dazu geboren, mit dieser Stimme, dieser Rundfunkstimme, voll und tönend, die ohne jede Anstrengung laut und dramatisch werden kann.Vielleicht war es das, was die Rundfunkchefs 1954 veranlasste, diesen jungen Mann in die Schweiz zu schicken, aber niemand weiß es genau, Hempel jedenfalls nicht. "Ich fuhr, weil ich möglicherweise gerade nach dem Geschmack einiger leitender Leute im Funkhaus war. Bevor wir abflogen, Heinz-Florian Oertel und ich, gaben sie uns noch ein paar Verhaltensmaßregeln mit auf den Weg. Eure richtigen Freunde, sagten sie, sind die Ungarn. Die westdeutsche Mannschaft behandelt ihr wie jede andere Mannschaft aus dem Westen. Immer nüchtern und sachlich kommentieren, lautete der Auftrag, und daran haben wir uns gehalten."Auch im Endspiel ist Hempel nicht aus dem Häuschen geraten, der Auftrag sah das nicht vor, aber dies war es nicht allein, denn da waren ja noch die Ungarn. Selbstverständlich hatte er die auch schon spielen sehen, vor der Weltmeisterschaft, beim legendären 7:1 gegen England in Budapest. Im Endspiel dann war er nicht ergriffen vom deutschen Sieg, sondern nur erstaunt. War erstaunt, dass die deutsche Mannschaft das Spiel nach einem 0:2 noch drehen konnte und fühlte Trauer über die Niederlage der Ungarn, weil die damals die beste Mannschaft der Welt hatten.Es schien damals für Wolfgang Hempel keine große Sache gewesen zu sein, hinzugehen in dieses Stadion und Ungarn und Deutschland zu betrachten und zu schauen, was passiert. Da war kein Gefühl einer kitzligen Situation, keine Furcht vor einer Gratwanderung über die politischen Realitäten im geteilten Deutschland, bei der man oben bleiben kann oder auch abstürzen. Die DDR-Nationalmannschaft hatte ja an den Qualifikationsspielen für die WM nicht teilgenommen. "Es wäre für mich wahrscheinlich schwieriger gewesen, wenn Deutschland gegen die Sowjetunion gespielt hätte. Aber das war nicht der Fall, und so habe ich mir gesagt, du gehst da hin, kommentierst, was du siehst, und danach fährst du nach Hause."In Berlin waren sie zufrieden mit dem parteilosen Wolfgang Hempel. Er hatte, wie es festgelegt worden war, immer von der "westdeutschen" Mannschaft geredet und auch sonst nicht über die Stränge geschlagen. Viele ostdeutsche Fußballfans waren nicht in gleichem Maß zufrieden mit ihm. Jede Menge Briefe trafen im Funkhaus ein, und ein Großteil schrieb, dass er ein bisschen mehr für die deutsche Mannschaft hätte sprechen sollen, das seien doch auch Deutsche. Ein anonymer Brief kam aus Wittenberge, das weiß Hempel noch, der Herkunftsort war am Poststempel zu erkennen. "Ja und die hatten eine ganz besondere Vision. Die sahen mich auf dem Marktplatz von Wittenberge hängen, neben Ulbricht, Walter, weil ich den Sieg der Deutschen nicht genug bejubelt hatte."So gesehen war Wolfgang Hempel sogar zurückhaltender als Karl-Eduard von Schnitzler. Der spätere Kanalarbeiter sprach drei Tage nach dem Endspiel im Deutschlandsender den Kommentar des Tages. In seinem Sendemanuskript, in dem er fälschlich immer von Genf spricht, stehen erstaunliche Sätze: "Welchen Deutschen erfüllt es nicht mit ehrlicher Freude, dass es einer deutschen Mannschaft gelungen ist, in Genf den Sieg davonzutragen. Einen ehrlichen und verdienten Sieg, mit der hohen Moral und dem Einsatz echter Kämpfer errungen über eine Mannschaft, die technisch unzweifelhaft die beste der Welt ist. Wir Deutsche dürfen auf Herbergers Elf stolz sein." Ein paar Absätze später kriegt Schnitzler dann noch die Kurve. "Was heute Adenauer und Heuss mit den elf Siegern von Genf anstellen wollen, ist nichts anderes als das, was Hitler bei der Olympiade vorexerziert hat: der Missbrauch des Sports als Fassade für die Kriegsvorbereitung, der Versuch, sportliche Begeisterung in Chauvinismus zu verwandeln."Während die meisten Zeitungen der DDR nüchtern über das Spiel in Bern informierten, spielte Neues Deutschland als Hausblatt des Zentralkomitees der SED auch in diesem Zusammenhang seine Rolle. Ein sachlicher Spielbericht wurde durch einen Kommentar über den Triumph des westdeutschen Separatstaates begleitet. Rahns Tor lasse weder die Welt einstürzen, noch verbessere es die Situation des westdeutschen Imperialismus. Mit dem Weltmeistertitel ginge es lediglich darum "den Siegeszug der Amateure aus der Ungarischen Volksrepublik zu stoppen, weil diese Elf aus dem Lager des Friedens kommt, weil ihre Erfolge die Werktätigen und Sportler der kapitalistischen Welt aufhorchen ließen". Das ist eine Sprache, die Hempel nicht spricht, damals in der Schweiz nicht und später auch nicht. Er ist kein Eiferer, und es gab nicht viele Dinge, die für ihn schöner waren als wenn er sah, dass der Ball immer noch rund ist. Er hat in der Schweiz seriös seine Arbeit gemacht und kann damit bis heute gut leben. Vor Jahren hat er sich mal die ganze Reportage von Herbert Zimmermann angehört, mit dieser Euphorie und dem Siegestaumel. Wahrscheinlich ist er dazu nicht der Mann. Hempel ist in den restlichen 35 Jahren des sozialistischen deutschen Staates nie als Schreihals bei Erfolgen von DDR-Sportlern aufgefallen. Damals in Bern hat er ein Spiel von zwei Mannschaften kommentiert. So empfindet er es heute noch. Zimmermann habe im Prinzip nur ein Spiel der Deutschen reportiert. Als Deutschland Weltmeister war, gingen diese Worte über den Äther: "Das ist der Schlusspfiff. Schlusspfiff. Schlusspfiff im Berner Wankdorfstadion. Das Unvorstellbare ist passiert. Die westdeutsche Nationalmannschaft wird Fußball-Weltmeister 1954 im Endspiel gegen Ungarn. Die ganze Fußballwelt steht auf dem Kopf." Diese Worte kennt niemand mehr. Sie sind von Wolfgang Hempel. Richtig muss es heißen "Aus, aus, aus, das Spiel ist aus. Deutschland ist Weltmeister.""Die westdeutsche Mannschaft behandelt ihr wie jede andere Mannschaft aus dem Westen. " Wolfgang Hempels Auftrag.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Der Sportreporter Wolfgang Hempel ist 76 und lebt in Erfurt. Er kann jubeln, aber auch bei Erfolgen von DDR-Sportlern ist er nie als Schreihals aufgefallen.