Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig reiste 1985 mit einem Visum der DDR-Behörden in die Bundesrepublik Deutschland. Das Visum für die mehrmalige Aus- und Einreise galt bis zum 31. 12. 1999. Hilbig, der heute in Berlin-Prenzlauer Berg lebt, blieb damals im Westen. "Das Visum" sollte sein gerade erschienener Roman eigentlich heißen, was der Titelschutz für ein anderes Buch jedoch verhinderte. Im Titel "Das Provisorium" sind die Laute des "visums" noch erhalten.Als Hilbig damals in Nürnberg ankam, hatte er vornehmlich im Westen veröffentlicht. Seine erste Publikation von Gedichten 1978 dort erklärte man in der DDR zum Devisenvergehen und Hilbig kam für einige Wochen ins Gefängnis. Fünf Jahre später erschien zwar ein Auswahlband mit Lyrik und Prosa im Leipziger Reclam-Verlag (ein begehrtes Bändchen mit Illustrationen von Horst Hussel), aber in der literarischen Öffentlichkeit der DDR spielte Hilbig weiterhin keine Rolle. Zu wenig entsprach sein düsteres Bild von der Arbeitswelt die er selbst als Heizer, Monteur, Werkzeugmacher und Erdarbeiter erlebt hatte , den gewünschten Maximen von der Selbstverwirklichung durch Arbeit, vom sozialistischen Kollektiv, vom Arbeitsplatz als Kampfplatz für den Frieden. Weil aber Hilbig andererseits nicht durch politische Aktionen oder aus dem Westen herübergeraunte Interview-Aussagen auffiel, wurde er im Osten nur wenigen Eingeweihten bekannt.Auch in der Bundesrepublik galt er nie als Dissident, sondern immer nur als Dichter, als schwieriger zumal, als einer, dessen Lektüre anstrengt. Er ist kein politischer Autor. Hunderte Male wurde in Rezensionen und Laudationes der Name Kafka als Krücke benutzt, um Hilbigs Schreibweise zu benennen. Vor seinen Phantasmagorien, selbstquälerischen Erkundungen in der Psyche, albtraumhaften, bilderreichen Beschreibungen von Straßen, Wohnungen, Heizkesseln und den sinnlich übergenauen Formulierungen für körperliche Veränderungen und Umwelterscheinungen versagen die üblichen Wertungen. Dennoch bekam Wolfgang Hilbig Preise, Stipendien, immer ausführlichere Würdigungen in den Medien; er wurde, obzwar seine Auflagen nur langsam stiegen, zusehends ein erfolgreicher Autor.Mit seinen Themen blieb er immer in der DDR. Es gibt kürzere Prosastücke, mit denen er sich dem Westen schon mal näherte. Doch auch nach der deutschen Vereinigung waren die Anthologie "zwischen den Paradiesen" von 1992, der 1993er Erzählungsband "Grünes, grünes Grab" und der 1994 erschienene beklemmende Roman ",Ich " über einen für die Stasi arbeitenden Schriftsteller im Osten angesiedelt. Schreibend kehrte Hilbig in den Staat zurück, den er verlassen hatte und den es unterdessen nicht mehr gab. Seit 1994 folgte kein neuer Gedichtband, keine größere Prosaarbeit. Es erschien nur der Band "Abriss der Kritik" mit seinen Frankfurter Poetikvorlesungen, die man als Auseinandersetzung mit den Mechanismen des Literaturbetriebs lesen konnte, die aber zugleich die sensible Seele eines kritikfürchtenden Dichters bloßlegte.Jetzt, da das neue Buch vorliegt, ist verständlich, warum Wolfgang Hilbig so lange daran gearbeitet hat. Im "Provisorium" schreibt er von C. , einem Schriftsteller, der aus der DDR in den Westen gekommen ist, dort nicht wirklich bleiben will, aber ebenso wenig zurück möchte. In Leipzig wartet eine Frau auf ihn, der er die Rückkehr versprochen hat. In Nürnberg gibt es eine andere, die sich enttäuscht von ihm zurückgezogen hat, die er aber zum Leben braucht. Er reist zu Lesungen, kann aber nicht mehr schreiben. Er trinkt, versäuft "so viel Geld, wie es sich auch in Westdeutschland kaum ein Normalbürger leisten konnte". C. ist anerkannt, aber eine gescheiterte Existenz: Seinen Beruf übt er nur noch zum Schein aus. Er ist impotent und weiß, dass er seine Sexualität im Alkohol ertränkt hat.Es ist ein mutiges Buch, in mehrfacher Hinsicht. Zeit- und Ortsangaben, Details über die Vergangenheit C. s im Osten, über seine verschiedenen Arbeiten als Heizer, der heimlich schreibt, als Autor, der im Westen ein Auskommen hat legen nahe, dass es sich hier um einen autobiografischen Roman handelt. Zwar rückt Hilbig die Hauptfigur auf Distanz zu sich selbst, indem er ein falsches Namenskürzel verwendet und in der 3. Person schreibt, doch sind die Parallelen überdeutlich. Und nicht zum ersten Mal heißt ein Schriftsteller mit ähnlichem Lebenslauf wie der Autor bei Hilbig "C. ". Immer schon hatte er seine Figuren mit autobiographischen Details ausgestattet; so wie C. jetzt neigten sie oft zu Ausbrüchen von Selbsthass, gaben auch sie sich dem Alkohol hin, mühten auch sie sich beim Schreiben, etwa in den Erzählungen "Die Weiber", "Alte Abdeckerei" sowie in dem Roman "Eine Übertragung". Bisher konnte man dies mit einer gewissen Beruhigung als Botschaften aus der Überwachungsgesellschaft, ja als Rückblicke in eine überwundene Lebensphase lesen. Jetzt aber ist der Held im Westen angekommen, dem Ziel vieler Sehnsüchte, in der freien Welt, wo man nicht wegen eines Gedichts vom Geheimdienst observiert wird.C. ist Schriftsteller, führt keine Doppelexistenz in zwei Berufen mehr, doch sein Leben hat sich in einem Provisorium verfangen zwischen Ost und West, den beiden Frauen, zwischen seinem Erscheinungsbild als Autor und seinen Schreibhemmungen, zwischen Alkoholexzessen und Vernunft. Schmerzhaft genau schildert Hilbig den unsteten Seelenzustand des C. , lässt ihn offenen Auges das Falsche tun (etwa dem entscheidenden Zug beim Abfahren zusehen, die Freundin am Geburtstag nicht anzurufen oder sich der alten Mutter nicht zu erkennen geben), und treibt ihn zwischen Leipzig und Frankfurt am Main vor sich her, ohne dass dieser in der Lage wäre, sich für das Dableiben oder Fortgehen und für eine bestimmte Lebensform zu entscheiden. Der Roman erzählt den quälenden Weg eines Entwurzelten, die Handlung kreist auf verschiedenen Zeitebenen auf die letztliche Wahl für den Westen zu: als das kleinere Übel. C. erlebt ihn als dem Konsum ergebene Gesellschaft, die den Verstand der Leute "ersäuft in einer ungeheuren Flut farbenprächtiger zappelnder Bilder". Er würde "eine jahrzehntelange Psychotherapie brauchen, um eine westdeutsche Steuererklärung ausfüllen zu können", sagt sich C. resignierend. Hilbig, der sich nicht einfach den Netzwerken oder Schulen ostdeutscher Dichter zuordnen ließ, auch weil er als heute 58-Jähriger für die einen zu alt und für die anderen zu jung erschien, spricht auf einmal für viele, wenn er die Anpassungsschwierigkeiten des Ostlers im Westen thematisiert."Das Provisorium" schließt sich in vielem an die vorangegangenen Prosawerke Hilbigs an. Und doch ist es anders, weil dieser Roman phasenweise klarer, man könnte fast sagen: realistischer, ist als die bisherigen. Sogar der "Abriss der Kritik" erscheint wie eine Vorarbeit für diesen Roman. Die zwei Grundlinien der Vorlesungen --- (Fortsetzung von Seite 13 auf Seite 15) --- finden sich hier eingewoben: Eine Auseinandersetzung mit dem Literaturbetrieb, der Saisonware produziert, sich Götzen erschafft, um sie wieder zerstören zu können, und die Darlegung der Leiden des Autors. Hier steht nun C. mit seiner Schreibhemmung, die begann, "als er langsam zu einem veröffentlichten Schriftsteller mit einer gewissen Resonanz geworden war". Er sieht sich als "Angestellter des Literaturbetriebes", als "Produzent für die Ramschkiste". Der Literaturbetrieb, schreibt Hilbig, "war eine Krätze, die man keinesfalls wieder loskriegen konnte. . . " Bei Lesungen fühlt C. sich unbehaglich, unerträglich erscheinen ihm die üblichen anschließenden Gespräche mit den Veranstaltern. Litt er mit seinen ersten Schreibversuchen im Osten unter der Ablehnung, die ihm mit einer "Salve von ideologischen Vokabeln ins Gesicht" geschleudert wurde, erträgt C. seine Austauschbarkeit als Autor, die Beliebigkeit eines Buches auf dem Markt nur unter Schmerzen. Wolfgang Hilbigs Anklage an den Betrieb und insbesondere gegen die Kritik ist eindeutig: Er vermisst den Respekt vor der Literatur.Neu für Hilbigs Schreiben ist auch, dass er in diesem Roman wiederholt den Schutz der Metapher, der Verallgemeinerung oder Individualisierung verlässt und auf politische Ereignisse verweist: auf die Katastrophe von Tschernobyl etwa oder auf "den neuen sowjetischen Generalsekretär", dessen Sätze sich auf die Stimmung in der DDR auswirkten. Und seine Bücherkisten, die er mit "Holocaust & Gulag" beschriftet hat, lassen C. an der Unschuld des Erzählens zweifeln: "die Geschichten der Romanfiguren waren nichts mehr wert, nicht mehr einen Anschlag auf der Schreibmaschine waren sie wert" angesichts der Deportationen, der Gaskammern, der Leichenberge. Diese Gedankengänge erscheinen als Versuch, seiner Figur eine Würde zu geben, die ihr zwischen Selbstzweifeln, im Delirium und im Liebeskummer verloren zu gehen droht.Mutig möchte man das schonungslose Porträt des Schriftstellers C. nennen, mutig ist dieses Buch in seiner Sicht auf den unwirtlichen Westen und auf dessen Literaturbetrieb. Dieser für den Leser verstörende, bewegende Roman mag für den Autor von existenzieller Bedeutung sein, lässt er doch, sich selbst überwindend, C. zu dem Schluss kommen: "Eines Tages, das war ihm klar, musste er das Monster, das seinen Innenraum besetzt hielt, beschreiben und es der Öffentlichkeit ausliefern Und die Instanz dieser Öffentlichkeit war die Kritik, dem blutigen Rachen der Kritik musste er die Bestie zum Fraß vorwerfen. " In diesen Worten verbirgt sich das Programm des Buches, das auf den ersten Blick Selbstbespiegelung treibt, das aber viel mehr leistet: eine exemplarische Identitätsfindung zwischen Ost und West.Wolfgang Hilbig: Das Provisorium. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2000, 320 S. , 39,80 DM.Hilbigs Anklage an den Betrieb und insbesondere gegen die Kritik ist eindeutig: Er vermisst den Respekt vor der Literatur.