Im Pasternak hängen Porzellanteller und gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden und Kristalllüster von der Decke, die Tischdecken sind weiß-braun-kariert, kurz, man fühlt sich gleich heimisch. Wolfgang Thierse, der nur etwa 150 Meter entfernt wohnt, hat das russische Restaurant in der Knaackstraße in Prenzlauer Berg als Treffpunkt vorgeschlagen. Er bestellt erst mal, „wie es sich gehört“, einen Latte Macchiato.

Das Pasternak ist älter als die meisten Restaurants hier in der Gegend. Haben Sie es deshalb als Treffpunkt ausgesucht?

Als ich überlegt habe, wo wir uns treffen könnten, ist es mir eingefallen. Ja, das ist schon ewig da, um die zwanzig Jahre. Kaum ein Restaurant oder Café hat sich so lange gehalten, das wechselt schnell hier. Darüber war übrigens die Meldestelle der Volkspolizei. Wenn man in der DDR Besuch bekam, musste man den ja anmelden im Hausbuch, und Westbesuch musste man beantragen, und dann warten, ob er genehmigt wird. Sind Sie aus Ossiland?

Nein, beide nicht. Aber auch nicht aus Schwaben.
Ach, die Sache mit den Schwaben. Das ist doch ausgesprochen lästig. Ich mache in einem langen Interview eine ironische Nebenbemerkung auf eine direkte Frage: Ob ich den vielen Schwaben und Latte-Macchiato-Müttern in meiner Nachbarschaft etwas abgewinnen könne. Und ich antworte ironisch. Ja, aber es geht mir doch zu weit, wenn ich Weckle statt Schrippen sagen soll. Plötzlich hieß es, ganz aus dem Zusammenhang, in den Medien: „Thierse – Breitseite gegen die Schwaben“. Und dann ging es los, 3 000 Mails, teilweise mit wüsten Beschimpfungen, Nazi, Rassist.

Anfang des Jahres haben Sie einen echten Entrüstungssturm losgetreten. Sie spielen aber auch selbst weiter mit. Vor dem Pokal-Endspiel Anfang Juni haben Sie gesagt, dass Sie für Stuttgart sind.
Ich bin kein verbiesterter Anti-Schwabe, das ist ja lachhaft. Ich verteidige nur das Berlinische. Es gab mal in den Achtzigerjahren eine Studie – ich werde jetzt ganz seriös – mit dem Ergebnis, dass man in Prenzlauer Berg das reinste Berlinisch spricht. Das geht langsam verloren. Und ich liebe Deutsch in den unterschiedlichsten Spielarten, wäre doch schade, wenn davon eine verschwindet. Darum die heitere Anspielung auf Schrippen und Weckle. Aber es gibt einen ernsten Hintergrund des Ganzen. In dieser Gegend sind neunzig Prozent der Menschen erst nach 1990 zugezogen. Und das heißt ja, dass andererseits neunzig Prozent auf mehr oder minder unfreundliche Weise verdrängt worden sind. Ich sage gern, ich muss eigentlich unter Artenschutz gestellt werden, weil ich seit vierzig Jahren hier wohne und allmählich der Letzte dieser Art bin.

Haben Sie hier noch alte Freunde und Bekannte, oder sind die alle weg?

Es gibt noch einige wenige, auch in dem Haus, in dem ich wohne. Es gab Zeiten, da hatten wir Ärger mit der Vermieterin, aber jetzt ist schon lange Frieden. Die Hausvermietung hatte als Anwalt den ehemaligen Chef der Republikaner in West-Berlin. Der wollte offensichtlich den Sozi Thierse ärgern und versuchte, mich mit fristlosen Kündigungen zu behelligen. Immer mit dem Verdacht, dass ich der Hort des Widerstandes der Bewohner sei, die einfach nicht ausziehen wollen. Wenn man die alle rausgekriegt und ein bisschen saniert hätte, dann hätte man für ein Mehrfaches vermieten können.

Wieso ist das nicht passiert?

Wir kannten unsere Rechte. Das Mietenüberleitungsgesetz habe ich in meiner früheren Eigenschaft als stellvertretender Fraktionsvorsitzender mit dem damaligen Baumininister Klaus Töpfer ausgehandelt. Wenn sich die Eigentumsverhältnisse ändern, wie in vielen anderen Häusern hier, hat man es natürlich viel schwerer als Mieter. Aber das war bei uns nicht so.

Seit wie vielen Jahren sind Sie jetzt in Ihrer Wohnung?

Seit dreißig Jahren. In dem Haus wohnten vorher schon Freunde, die haben erzählt, da wird was frei. Wir haben dann eine andere Wohnung, die uns zugewiesen worden war, zum Tausch angeboten. Und sind in eine gezogen, in der nach westdeutschen Maßstäben nichts war. Die Miete in meiner Wohnung ist relativ niedrig, weil alles darin mir gehört. Ich habe einen Mietvertrag über eine Wohnung mit Ofenheizung und ohne Bad. Es wurde dann eine Gas-Wasser-Etagenheizung eingebaut, die West-Verwandte bezahlten. Ich hatte kein Geld und hätte als stinknormaler DDR-Bürger, der kein Handwerker war, auch kein Material gekriegt.

Inzwischen haben Sie die wahrscheinlich erneuert?

Die ist immer noch dieselbe. Stabile Wertarbeit.

Fühlen Sie sich noch wohl am Kollwitzplatz?

Ich bin ein sesshafter Mensch, ich will nicht umziehen, umziehen ist ja wie abbrennen. Wenn man mehrere Tausend Bücher hat, zieht man nicht mehr um.

Wenn Sie hier durch die Straßen laufen, sehen Sie dann einen lebendigen Stadtteil oder ein abschreckendes Beispiel für Gentrifizierung?

Das ist ein lebendiger Ort, und ich ärgere mich wirklich nicht darüber, dass es hier viele junge Leute mit Kindern gibt, das ist doch gut. Auch, dass alles schöner aussieht. Ich weiß noch, wie es hier zu DDR-Zeiten war, auch das ist ein Vorteil, wenn man lange an einem Ort lebt. Man kann mit seinen Erinnerungen vergleichen und registriert jede Veränderung. Ich habe in den Neunzigerjahren schon gesagt, man könne doch über den Prenzlauer Berg nicht eine Käseglocke stülpen und daraus ein Museum des proletarisch-realsozialistischen Verfalls machen. Ich begrüße die Veränderungen, aber ich vergesse nicht deren unfreundliche Rückseite, dass sie nämlich mit menschlichen Schmerzen verbunden sind. Und über die muss man reden dürfen, ohne in den Verdacht zu geraten, ein Anti-Modernisierer oder ein Rassist zu sein.

Ganz in der Nähe ist ja auch Ihr Bürgerbüro. Wer kommt denn dahin, mit welchen Problemen?

In den Neunzigerjahren hatte ich viel mit Stasi-Geschichten zu tun, wo Leute kamen mit ihren gebrochenen Biografien. Dann hat das Thema Mieten eine Rolle gespielt. Ich habe viele Geschichten mitbekommen: Der Eigentümer hat gewechselt, der Arzt aus Stuttgart, der Rechtsanwalt aus München hat es übernommen, jetzt fliegen die Mieter raus wegen angeblichem oder tatsächlichem Eigenbedarf, weil für die mehr oder minder geratenen Söhne eine Wohnung gekauft wird. Das gibt’s immer noch – ein befreundeter Maler muss jetzt raus, ein Schweizer hat das Haus gekauft. Sie sehen, es sind nicht immer die Schwaben.

Da Sie noch mal die Schwaben erwähnen – bei welchem Thema hätten Sie gerne so eine große Resonanz gehabt wie bei diesem?

Das sind schon trübsinnige Gedanken, die einem dann kommen: Jetzt hat man 24 Jahre parlamentarische Arbeit geleistet und hat selten ein solches Echo erreicht wie durch so eine Nebenbemerkung. Da sind Maßstäbe verloren gegangen, Boulevardisierung und Hysterisierung der Kommunikation durch einen beträchtlichen Teil der Medien dominiert immer mehr. Aber insgesamt habe ich mich persönlich nicht zu beklagen, ich hab ja gelegentlich auch mit seriöser Politik Aufsehen erreicht.

Was war Ihnen da besonders wichtig?

Die Berlin-Bonn-Entscheidung zum Beispiel, an der ich beteiligt war, darauf bin ich ein bisschen stolz. Im Juni 1991 wurde die Debatte eröffnet mit einem Beitrag von Norbert Blüm für Bonn und einem von Thierse für Berlin. Es war eine dramatische Sitzung, sie dauerte den ganzen Tag und ging auch knapp aus. Oder die Kohl’sche CDU-Spendenaffäre, wo ich gezwungen war, eine drakonische Strafe zu erlassen, was die CDU mir bis heute nicht verziehen hat. Sie haben gegen mich durch alle Instanzen geklagt, und ich habe durch alle Instanzen gewonnen. Umso schlimmer für mich, die CDU hat es mir bei allen späteren Wahlen im Bundestag heimgezahlt. Oder das Holocaust-Denkmal, dessen Bauherr ich war: Ich bin stolz darauf, dass wir es pünktlich und im Kostenrahmen fertigbekommen haben, trotz aller Aufregungen. Wenn man sich den Widerstand gegen das Denkmal in Erinnerung ruft, ist es doch umso erstaunlicher, dass es jetzt weithin akzeptiert ist.

Es könnten doch noch mehr solche politischen Highlights für Sie kommen – warum hören Sie auf?

Ich werde im Oktober siebzig und war dann fast ein Vierteljahrhundert Abgeordneter des Bundestags, das ist eigentlich ein doppelter Grund, aufzuhören und Platz für Jüngere zu machen. Auch wenn ich mit Wehmut daran denke. Ich bin ja mit Leidenschaft Parlamentarier, ich saß schon als zehnjähriger Junge vor dem Radio und habe mir Bundestagsreden angehört.

Wie kam das, waren Ihre Eltern politisch so interessiert?

Mein Vater, der hat immer das Radio angemacht. Wir wohnten in Thüringen, in einem kleinen Ort an der Grenze zu Bayern, wir haben den Hessischen Rundfunk und Rias gehört. Ich kann heute noch die Reden aufzählen, die mich richtig fasziniert haben: von Carlo Schmid, Fritz Erler, Ernst Lemmer, Herbert Wehner, selbst Kiesinger fand ich einen erstaunlichen Redner. Ich hab immer mit Gänsehaut zugehört und gedacht, das müsste man auch können.

Heute können Sie es ja, Sie gelten als sehr guter Redner. War das bei Ihnen als junger Mann anders?

Das weiß ich doch nicht, denn in der DDR habe ich keine Reden halten können. Vielleicht hab ich einfach die rhetorische Begabung meines Vaters geerbt, der war Rechtsanwalt. Und meine Diskussionsleidenschaft habe ich noch immer.

Sie haben Ihre erste Rede also erst 1990 gehalten, als Sie als SPD-Mitglied der Volkskammer angehörten?

Ja, natürlich mit gehöriger Aufregung. Ich glaube, ich bin dann ein einigermaßen guter Redner, wenn ich die Leute vor mir sehe und ihnen ins Gesicht schauen kann. Ich werde sofort unsicher, wenn ich auf einem riesigen Platz herumschreien muss und niemanden wirklich sehe, oder wenn die Zuhörer im Dunkeln sitzen und ich angestrahlt werde. Dieses Grundgefühl, ich rede jetzt mit Menschen, versuche, sie von etwas zu überzeugen, das brauche ich nach wie vor.

Woran haben Sie sich anfangs orientiert? Haben Sie sich von anderen etwas abgeschaut?

Ich bin ja bis 1990 ein professioneller Leser gewesen. In den ersten Texten über mich stand, dass ich ein ganz anderes Deutsch rede als die westdeutschen Politiker, eine ganz andere Sprache habe. Auch heute höre ich das noch, und darüber freue ich mich eigentlich. Wenn man mir immer noch anhört, dass ich mein Leben lang gelesen habe, ist das ja nicht schlecht.

Sie haben, bevor Sie Politiker wurden, an der Akademie der Wissenschaften am Wörterbuch der ästhetischen Grundbegriffe gearbeitet. Als Sie vom Gelehrten plötzlich zum Politiker wurden, haben Sie da gleich gemerkt, da sind Sie richtig, das liegt Ihnen?

Ich war ja auch zu DDR-Zeiten ein politisch erheblich interessierter Mensch, ich sah nur keine Möglichkeit, Politik zu machen, denn ich wollte weder in die SED eintreten noch in eine Blockpartei. Unter anderen Umständen, wenn ich im Westen aufgewachsen wäre, wäre ich sicherlich sehr viel früher in die Politik geraten.

Als Sie für die SPD in der Volkskammer aktiv wurden, war da für Sie klar, dass Sie Berufspolitiker werden?

Noch nicht gleich. Der Rückweg ist mir allerdings bald versperrt worden, die Akademie der Wissenschaften, meine Arbeitsstelle, ist bald abgewickelt worden. Und ich merkte schon, dass ich ein paar Sachen kann, die in der Politik gebraucht werden.

Was konnten Sie, das gebraucht wurde?
Die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen, Reden zu halten, eine Sprache zu finden, Alternativen zu formulieren, Sachverhalte schnell zu begreifen,

Und was quälte Sie in der Politik?
Diese Sitzungen! Damals jeden Montag in Bonn Parteipräsidium, Parteivorstand, Fraktionsvorstand, drei, vier Sitzungen mit immer denselben Themen, dieses quälende Wiederholen, das in der Politik eine Rolle spielt. Ich habe lange gebraucht, mich daran zu gewöhnen.

Sie haben Politik einmal als klein, grau, hässlich, schweißtreibend und enttäuschungsbehaftet bezeichnet. So gesehen haben Sie erstaunlich lange durchgehalten. Was meinten Sie damit konkret?
Dass man sich an Entscheidungsprozessen beteiligt, aber nicht immer gewinnt. Sich nicht durchsetzt, keine Mehrheit bekommt. Weil man nicht gut genug argumentiert, nicht genügend Bündnisse geschlossen, die Sachlage falsch eingeschätzt hat. Mit Niederlagen fertigzuwerden, verlangt eine beträchtliche psychische Anstrengung, weil das ja fast alles öffentlich stattfindet. Da sind Siege strahlender und Niederlagen schmerzlicher. Das muss man verkraften. Man muss es lernen und trotzdem bei sich bleiben.

Das klingt ernüchternd
Ja, ich habe ein nüchternes Urteil. Aber ich halte mich an die Formel, die ich schon Anfang der Neunzigerjahre gefunden habe, weshalb ich dankbar bin, dass ich in die Politik geraten bin: Das ist der Weg vom problematisierenden Beobachter zum problematischen Akteur. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit in der DDR, als man zu Hause sitzen und meckern, aber nichts ausrichten konnte. In der Politik kann ich mir einbilden oder sogar erfahren, dass ich etwas ausrichte. Ich sitze nicht zu Hause und gucke wie das Kaninchen auf die Schlange. Es war für mich ein starkes Motiv zu merken, ich kann für die Ost-Deutschen sprechen, die keine Stimme haben, oder denen keiner zuhört. So habe ich mich immer verstanden: Ich habe eine Stimme, und mir hören sie zu. Das ist ein Glück. Bis heute sagen mir Leute: Gott sei Dank, dass es Sie gibt, Sie sprechen für uns. Wenn man das hört, verkraftet man auch Niederlagen leichter.

Wann ist man ein problematischer Akteur?
Wenn man zum Beispiel problematische Entscheidungen treffen muss. Wenn 52 Prozent der Argumente dafür und 48 Prozent dagegen sind. Und das kommt oft vor.

Das Leben in der DDR ist durch Bemerkungen Angela Merkels zu dem Defa-Film „Die Legende von Paul und Paula“ und zu ihrer Rolle in der FDJ jetzt wieder einmal zum Thema geworden. Wenn Sie in der katholischen Jugend aktiv waren, waren Sie wohl nicht in der FDJ?
Oh doch. Meine „politische Karriere“ begann im 5. Schuljahr, als ich von meiner Klasse in den Freundschaftsrat der Schule gewählt wurde. Das nannte man im Westen Schülervertretung. Plötzlich merkte meine Klassenlehrerin: Wolfgang, du bist ja gar nicht bei den Jungen Pionieren! Da kannst du das nicht machen. Das habe ich meinem Vater erzählt und ihn gefragt: Was soll ich tun? Und der hat gesagt: Du hast das Vertrauen deiner Schulkameraden, dann kannst du da auch eintreten, wenn es sein muss. Und so bin ich Junger Pionier geworden.

Und später auch FDJler …
Ja, und als Student bin ich sofort zum FDJ-Gruppensekretär gewählt worden, obwohl ich sehr aktives Mitglied der Katholischen Studentengemeinde war. Meine Kommilitonen hatten gleich das Gefühl: der reißt das Maul auf, das ist kein Leisetreter. Erst nach zwei Jahren bemerkten dann die Verantwortlichen, dass da gar keine ordentliche FDJ-Arbeit mit politisch-ideologischen Veranstaltungen stattfand. Ich hatte meine Aufgabe als Interessenvertreter, nicht als Agitator verstanden. Also sollte eine neue FDJ-Leitung gewählt werden. Da kamen meine Mitstudenten und sagten: Du musst da aber weiter mitmachen. Eine Kommilitonin, die später Karriere machte, rief: Aber du hast doch offen gesagt, dass du an FDJ-Arbeit kein Interesse hast! Ja, habe ich gesagt, aber ich habe Interesse an Interessenvertretung. Und so wurde ich zum Stellvertretenden Sekretär gewählt. So lief das immer bei mir. Die wussten immer ungefähr, was ich von dem politisch-ideologischen Zeug hielt.

Aber man hat Sie in Ruhe gelassen?
Ja, als ich Forschungsstudent war, ging das so weit, dass die Sekretärin der FDJ-Kreisleitung zu mir sagte: Wolfgang, du brauchst nicht mehr zu kommen. Du kennst das doch alles. Ich erzähle das, weil das eben auch zur Geschichte gehört. Allerdings war ich immer nur auf unterster Ebene tätig.

Wie sehen Sie die Rolle von Angela Merkel?
Die war halt eine brave DDR-Bürgerin, was ihr nicht vorzuwerfen ist, aber sie hat gern zugelassen, dass ein leicht anderer Eindruck entstanden ist.

Und wie finden Sie ihren nonchalanten Umgang heute, wenn sie sagt, wenn ich doch etwas mehr in der FDJ war, dann war das eben so?
Das sagt sie jetzt, wo es in den Wahlkampf zu passen scheint. Als sie zur CDU-Vorsitzenden gewählt wurde, hat sie eher Anstrengungen unternommen, ihre ostdeutschen Prägungen zu verstecken. Da war ich immer anders. Ich war ein kritischer DDR-Bürger, aber ich habe nach der Wende ausdrücklich zu meiner ostdeutschen Herkunft gestanden. Auch wenn man mit dem ganzen Laden DDR nicht einverstanden war, ist man durch ihn geprägt.

Aber das hat sich bei Merkel ja geändert …
Ja, jetzt spielt sie mit ihrer ostdeutschen Vergangenheit. So ist sie eben, ohne starke Überzeugungen, heute dies, morgen das. Das nennt man heute Pragmatismus und ist erfolgreich damit.

Tut sie der deutsch-deutschen Debatte damit einen Gefallen?
Das weiß ich nicht. Aber es wäre ja schön, wenn die Partei, deren Vorsitzende sie ist, so gnädig mit allen ostdeutschen Biografien umginge wie mit ihrer.

Tut sie das nicht?
Ich habe zwanzig Jahre dafür gekämpft, eine faire, differenzierte Bewertung von DDR-Biografien zu erreichen. Das System DDR ist gescheitert aus Gründen, die beschreibbar sind. Aber das Urteil über die Menschen, die darin gelebt haben, das muss behutsam und differenziert sein. Sie sind wahrlich nicht alle gescheitert. Deshalb sollten wir nicht beliebig lange das Stasi-Unterlagengesetz verlängern – mit der Überprüfung von Ex-DDR-Bürgern bei Einstellungen und Beförderungen. Bei keinem Wessi findet das statt. Über zwanzig Jahre nach dem Ende dieses Staates! Das ist das Werk von CDU und FDP! Also: Wenn schon gnädig mit DDR-Biografien umgehen, dann nicht nur mit der von Angela Merkel.

Ist es ein Zufall, dass mit Gauck und Merkel und Ihnen als erstem ostdeutschen Bundestagspräsidenten drei Ostdeutsche an die Spitze des Staates gelangt sind?
Ich glaube, Merkel und Gauck hatten nur in der Krise eine Chance. Merkel wäre nicht Generalsekretärin und Vorsitzende der CDU geworden ohne den Kohl’schen Spendenskandal. Freiwillig hätten ihr die Männer aus der West-CDU niemals Platz gemacht. Bei Gauck ist es ganz ähnlich. Erst nach dem Scheitern zweier West-Männer, Köhler und Wulff, gab es für ihn die Chance. Vorher wurde er ja abgelehnt von CDU und FDP. Vor allem: Auch und gerade die Ostdeutsche Merkel hatte den Ostdeutschen Gauck abgelehnt, vielleicht weil sie keinen anderen mit ostdeutscher Biografie haben wollte, die doch zugleich eine gänzlich andere ostdeutsche Biografie war.

Spielt die ost- oder westdeutsche Herkunft heute noch eine Rolle in der Politik?
Ich denke ja. Wobei die Zahl der Ostdeutschen in der Politik immer weiter abnimmt. Schauen Sie sich mal die Kandidatenlisten für die Bundestagswahl an, auch in Berlin. Das sind meistens Menschen mit westdeutscher Herkunft. Weil sie ein selbstverständlicheres Verhältnis zur Politik mitbringen, auch eher Ehrgeiz für eine politische Karriere entwickeln als Ostdeutsche.

Das wirkt noch heute nach?
Ja, darin steckt eine ostdeutsche Unsicherheits- und Enttäuschungserfahrung. Ich finde das schade, weil dem Politikbetrieb damit etwas verloren geht. Die Erfahrung von Entwertung, Verlust, Scheitern. Eine Umbruchs- und Aufbruchserfahrung, mit Siegern und Verlierern.

Sie ziehen in diesem Jahr nicht mehr in den eigenen Wahlkampf, vielleicht können Sie schon ein wenig von außen urteilen: Warum tut sich die SPD so schwer?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Wenn ich es pathetisch formuliere, leidet die SPD noch immer an ihrem für das Land so wichtigen Opfergang, genannt Agenda 2010. Das wirkt bis heute auf ganz beklemmende Weise nach. Ich habe es immer wieder erlebt: Man kann den Leuten erklären, warum dieses oder jenes nötig war. Sie haben es mit dem Kopf verstanden und sind trotzdem mit dem Bauch dagegen. Das erzeugt Widersprüche, und die werden von interessierter Seite genüsslich präsentiert. Siehe die Berufung von Klaus Wiesehügel, einem Kritiker der Agenda, in Steinbrücks Team. Sofort heißt es: Die verraten ihre Reformen.

Sie sprachen von verschiedenen Gründen …
Zweitens ist die SPD die einzige Partei, die von beiden Seiten attackiert wird, von Schwarz-Gelb und von der Linkspartei. Das ideologisch-emotionale Lebenselixier der Linkspartei ist unüberhörbar der Hass und die Attacke auf die SPD. Drittens: Wie soll man gegen eine Kanzlerin und ihre Partei, die wie Gummi ist, einen offensiven Wahlkampf führen. Die jedes offensive Thema der SPD aufnimmt und durch einen eigenen, schwächeren Vorschlag aufzuweichen versucht. Eine Opposition muss einen offensiven Wahlkampf führen, aber wenn es keinen richtigen Gegner mehr gibt, sondern nur einen, der nicht fassbar ist, der aus 150 Prozent Pragmatismus besteht, wo keinerlei politisch-ideelle Kontur mehr sichtbar ist – das ist ziemlich schwierig.

Das Problem von Peer Steinbrück ist doch aber nicht nur seine Gegnerin, warum läuft es so schlecht bei ihm?
Das ist dann der vierte Punkt. Da hat ein Kandidat einen Fehlstart. Und dann ist der deutsche Meinungsrudeljournalismus nicht bereit, ihm noch eine Chance zu geben. Er steckt im Loch, und jede Gelegenheit wird genutzt, ihn noch tiefer hineinzustoßen. Und zwar auch mit der immer gleichen Frage: Warum kommen Sie denn nicht heraus aus dem Loch? Es ist ja nicht so, dass die Medien die Stimmung nur widerspiegeln. Sie erzeugen die Stimmung, die sie dann widerzuspiegeln behaupten. Es herrscht ein Grundton der Häme.

Haben Sie die Wahl schon verloren gegeben?
Aber nein. Natürlich sieht es noch finster aus, aber noch ist nichts entschieden. Immer mehr Menschen wissen erst ganz kurz vor der Wahl, für welche Partei sie stimmen. Und trotz der schlechten Stimmung haben wir zuletzt alle Landtagswahlen gewonnen, sogar in Niedersachsen, woran keiner mehr geglaubt hat.

Was werden Sie mit Ihrer Zeit anfangen, wenn Sie nicht mehr im Bundestag sind?
Das weiß ich noch nicht. Ich bin neugierig, ob dann noch jemand etwas von mir wissen will. Und weil es immer wieder so viele Fragen an diese Zeit gibt: Ich werde noch einmal versuchen, mein Leben in der DDR anderen zu erklären, verständlich zu machen.

Sie schreiben ein Buch?
Mal sehen, ich habe Anfragen von mehreren Verlagen. Aber ich habe auch eine gewisse Abneigung gegen Politiker-Autobiografien. Ich entscheide mich erst im Herbst, wenn ich ganz frei bin. Ich muss erst noch viele Verpflichtungen zu Ende bringen, Mitgliedschaften, Schirmherrschaften. Ich habe keine Nebenverdienste, aber ganz viele ehrenamtliche Tätigkeiten.

Was würden Sie denn gern verständlich machen?
Ich möchte das beschreiben, was ich schon im September 1990 auf dem gemeinsamen Parteitag der kleinen Ost- und der großen West-SPD gesagt habe: „Ich sage Euch trotzig, es gab ein richtiges Leben im falschen System. Ich bin nicht hierher gekommen, um mich dafür zu entschuldigen, dass ich durch einen biografischen Zufall in der DDR gelebt habe. Und versucht habe, nach meinen Maßstäben von Anstand und Intelligenz zu leben. Ich habe mich immer geweigert, mich als Märtyrer oder Held zu stilisieren. Aber ich lasse mich auch nicht als Feigling, als Anpasser und Mitmacher beschimpfen.“ – Ach, eigentlich möchte ich nur meinen Kindern begreiflich machen, was und wie das war: das Leben in einer Diktatur, einer repressiven Mangelgesellschaft. Wo man wusste – wenn zehn Leute beisammen waren, war einer sicher ein Stasi-Spitzel. Wo man aber auch heitere Geschichten erzählen kann, wie man denen ein Schnippchen geschlagen hat, wie Alltagssolidarität aussah … Die DDR war halt doch mehr als ein Unrechtsstaat.

Interview: Petra Ahne und Holger Schmale