Wolfgang Steinitz war einer der bedeutendsten Gelehrten der DDR. Daran erinnert ein neues Buch. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse hat es für uns gelesen.------------------------------Für die älteren Ostdeutschen dürfte der Name Steinitz noch ein Begriff sein. Viele von ihnen haben mit seinem Lehrbuch, das 1945 zum ersten Mal erschien, Russisch gelernt. Erst recht machte die von ihm herausgegebene Sammlung "Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten", die 1954 und 1962 im Ost-Berliner Akademie-Verlag erschien, seinen Namen bekannt: "Der große Steinitz". Als Reprint wurde sie in den 70er Jahren auch im Westen Deutschlands ein Erfolg, die Folk-Renaissance in Ost wie West verdankt ihr das Rüstzeug, sie wurde zum schier unerschöpflichen Song-Baukasten der Folk-Bewegung. Der Mann dieses Namens und seine Geschichte aber dürfte den meisten unbekannt sein, dabei ist seine Biografie exemplarisch für das deutsche 20. Jahrhundert.1905 in einer bürgerlichen jüdischen Familie in Breslau geboren, studierte Wolfgang Steinitz Finno-Ugristik in Breslau und Berlin. Denn "diese Völker", so schrieb der 18-Jährige seinen Eltern, "sind großenteils noch unbekannt, man kann also herrliche ethnographische Forschungen machen. Ich bin nun ganz sicher, dass dies meine Lebensaufgabe ist." Er tritt der KPD bei, promoviert, wird 1933 aus "rassischen Gründen" als Universitätsassistent entlassen, emigriert in die Sowjetunion. Die meisten Mitglieder der Familie Steinitz gehen ins Exil, über 20 Verwandte enden im Konzentrationslager.Flucht nach StockholmSteinitz erhält in Leningrad eine Professur für finnisch-ugrische Sprachen und bricht 1935 zu einer Expedition nach Sibirien auf, um Sprache, Lieder und Bräuche der Ostjaken aufzuzeichnen. Für dieses schriftlose Volk entwirft er auf Basis der lateinischen Buchstaben ein Alphabet, was ihn unversehens in einen lebensgefährlichen Konflikt mit der Stalinschen Sprachen- und Nationalitätenpolitik bringt. Er verliert seine Anstellung und emigriert 1937 nach Stockholm. Diese zweite Flucht bewahrt ihn vor Schlimmerem: Spionagevorwurf und Lagerhaft oder Auslieferung an Deutschland, wo er von der Gestapo gesucht wird. Im Exil verfasst und publiziert er erstmals sein Russisch-"Volkslehrbuch", dass später auch Hunderttausenden ostdeutscher Kinder der ersten Nachkriegsgeneration im Gedächtnis bleiben wird.1946 kehrt Steinitz nach Deutschland zurück.Er will sich am Aufbau einer demokratischen Gesellschaft beteiligen und lässt sich vielfach in die Pflicht nehmen - ab Januar 1946 als Professor für Finnougristik an der Berliner Universität und später als Institutsdirektor, ab 1950 als Dekan der Philosophischen Fakultät, ab 1951 als Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften, als Direktor des Institutes für deutsche Volkskunde und als Herausgeber des Wörterbuchs der deutschen Gegenwartssprache, von 1954 bis 1963 als Vizepräsident der Akademie d er Wissenschaften, von 1954 bis 1958 als Mitglied des Zentralkomitees der SED.Auf den ersten Blick durchläuft Wolfgang Steinitz bis zu seinem frühen Tod 1967 also eine ideale DDR-Karriere. Doch der Wissenschaftler taugt nicht zum Dogmatiker, zum Stalinisten. Er steht für einen demokratischen Neubeginn im Osten Deutschlands - und durchlebt in unzähligen Konflikten die Zersetzung der kommunistischen Heilsversprechen. Er warnt vor der einseitigen Orientierung an der Sowjetwissenschaft und fordert, sich in den Beziehungen zu westdeutschen Kollegen von politischen Wunschvorstellungen zu lösen. Und er agiert menschlich integer: Öffentlich empört er sich über die Ausgrenzung und Missachtung parteiloser Kollegen, "bürgerlicher" Wissenschaftler, Andersdenkender im Wissenschaftsbetrieb, insbesondere in der Akademie.In den Fokus seiner Kritik gerät zunehmend der Parteiapparat selbst. Seine Forderung von 1955, aus der Akademie keinen Ja-Sager-Club zu machen, überträgt er auch auf die SED-Führung selbst. Als Walter Ulbricht ab 1956 Widersacher im Parteiapparat auszuschalten beginnt, gerät auch Steinitz ins Visier. Seit 1957 wird er von der Staatssicherheit überwacht, die ihm "staatsgefährdende Hetze" vorwirft. Doch er hat Glück, behält seine Ämter in der Universität und in der Akademie. Er fördert junge Wissenschaftler, begründet wichtige Langzeitprojekte und hat großen Einfluss auf die Neuorientierung von Germanistik, Slawistik, Volkskunde.Glück und CharakterWolfgang Steinitz' Beispiel belegt, dass die intellektuelle Geschichte der DDR, die Geschichte der Intellektuellen in der DDR gerade auch in den ersten zwei Jahrzehnten ihrer Existenz nicht so einlinig und einfältig war, wie sie von manchen heute gern gesehen wird. Diese Geschichte ist noch zu schreiben. In ihr müssten neben Ernst Bloch und Hans Mayer, neben Wolfgang Harich und Robert Havemann auch Jürgen Kuczynski, Werner Krauss, Wolfgang Heise, Walter Markov, Gerd Irrlitz eine Rolle spielen, um nur einige wichtige Persönlichkeiten zu nennen.Der von Klaus Steinitz und Wolfgang Kaschuba herausgegebene Band ist ein Beitrag zu dieser Geschichte, indem er ein Bild des liebenswürdigen Menschen und großartigen Wissenschaftlers zeichnet, dabei Biografie und jüdische Familiengeschichte, Wissenschafts- und Institutionengeschichte vereinend. "Ich hatte unwahrscheinliches Glück" - dieser Satz von Wolfgang Steinitz gibt den Titel des Bandes. Ja, man musste wohl Glück haben, um im bösen 20. Jahrhundert als exponierter Mensch zu überleben, aber man musste Mut und Charakter haben, um sich selber treu und menschenfreundlich bleiben zu können! Wolfgang Steinitz hat verdient, dass er nicht vergessen wird.Klaus Steinitz, Wolfgang Kaschuba (Hrsg.): Wolfgang Steinitz: Ich hatte unwahrscheinliches Glück. Ein Leben zwischen Wissenschaft und Politik. Karl-Dietz-Verlag, Berlin 2006.------------------------------Foto: Mit ihm lernte die DDR Russisch: Wolfgang Steinitz, Finnougrist.