Es hat Wolgograd ein drittes Mal getroffen. Am frühen Montagmorgen sprengte sich ein Selbstmordattentäter in einem voll besetzten Linienbus in die Luft. Der mit Metallteilen präparierte Sprengsatz tötete 14 und verletzte 41 Menschen, teilten die Ermittlungsbehörden mit. Innerhalb von 20 Stunden war es der zweite verheerende Anschlag auf die südrussische Stadt. Am Sonntag waren 17 Menschen im Bahnhofsgebäude der Millionenstadt durch einen Sprengstoffanschlag gestorben. Bereits im Oktober hatte eine Attentäterin sich selbst und sechs Insassen eines Linienbusses getötet.

Die Sicherheitsvorkehrungen auf Bahnhöfen und Flughäfen wurden bereits am Sonntag im ganzen Land verschärft. Im südrussischen Sotschi, wo in knapp sechs Wochen die Olympischen Winterspiele eröffnet werden sollen, will man dagegen keine zusätzliche Schritte unternehmen, wie der Chef des russischen Nationalen Olympischen Komitees, Alexander Schukow, am Montag erklärte.

Das Internationale Olympische Komitee sieht die Sicherheit der Spiele nicht gefährdet. Verantwortlich seien die lokalen Behörden, erklärte das IOC in einer Stellungnahme am Montag, „und wir haben keinen Zweifel daran, dass die russischen Behörden Sicherheit gewährleisten werden“.

Sotschi selbst ist den strengsten Sicherheitsvorkehrungen unterworfen. Die landesweiten Anschläge der vergangenen Jahre lassen allerdings Zweifel daran aufkommen, dass diese Garantie auch für andere russische Städte gilt. Den Attentaten in Wolgograd gingen im November 2009 ein Sprengstoffanschlag auf den Schnellzug Moskau-St.Petersburg voraus, 2010, im März, ein Selbstmordanschlag auf eine Moskauer Metro-Station und im Januar 2011 einer auf den Flughafen Domodedowo. Die Toten der kleineren und größeren Anschläge im Nordkaukasus zählen inzwischen nur noch die örtlichen Behörden.

Seit die Olympischen Winterspiele 2014 an Sotschi vergeben wurden, hat Terror die Vorbereitungen begleitet. Dass insbesondere der Süden Russlands davon betroffen sein würde, überrascht Beobachter nicht. Schon zum Zeitpunkt der Vergabe der Spiele an Sotschi, im Sommer 2007, erstreckte sich die Aufstandsbewegung im Nordkaukasus über die Grenzen Tschetscheniens hinaus, erklärt der Nordkaukasus-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, Uwe Halbach. Andere Teilrepubliken, die zuvor als ruhig galten, wie etwa Kabardino-Balkarien, wurden davon erfasst. „Es war schon 2007 sichtbar, dass das regionale Umfeld der Spiele von Aufstand geprägt ist“, sagt Halbach.

Das gilt vor allem für Dagestan. Die Nachbarrepublik Tschetscheniens gilt Beobachtern heute als das neue Terrorzentrum des Nordkaukasus. In der Gewaltstatistik hat Dagestan das von zwei Kriegen gezeichnete Tschetschenien in den vergangenen zwei Jahren deutlich überholt. Auch der Hintergrund und die Ziele der Aufstandsbewegung hätten sich verschoben, erläutert Halbach. Aus einem nationalen tschetschenischen Widerstand, der nach Unabhängigkeit strebte, sei ein islamistischer Widerstand, ein Dschihad, geworden, der Zulauf auch aus anderen Teilrepubliken des Nordkaukasus bekomme. Zunehmend beteiligten sich auch ethnische Russen an diesem Kampf.

Zwar sei der Konflikt im Nordkaukasus im Kern noch immer ein regionaler Konflikt, der sich aus den Erfahrungen zweier Kriege in Tschetschenien, der russischen Kolonialgeschichte und der damit verbundenen Gewalt speise, die Kampfeinheiten hätten sich aber zunehmend vernetzt mit anderen Dschihadfronten, erklärt Halbach. So könne man von einer Internationalisierung des Konflikts sprechen. Kämpfer aus Afghanistan beteiligten sich an Einsätzen im Nordkaukasus, umgekehrt kämen kaukasische Dschihadisten in anderen Konfliktregionen zum Einsatz, aktuell etwa in Syrien.

Das 2007 vom tschetschenischen Untergrundführer Doku Umarow begründete Kaukasus-Emirat sei vor allem virtuell präsent und nutze das Internet als ideologisches Schlachtfeld. Vor allem junge Kaukasier sympathisierten mit der islamischen Gesetzgebung, der Scharia, weil sie die weltliche Gerichtsbarkeit und Führung als zunehmend korrupt wahrnehmen würden. Radikalislamistische Parolen würden zwar nicht von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt, der Widerstand habe sich aber in den vergangenen Jahren deutlich verjüngt.

Dazu beigetragen habe, dass die russischen Gegenmaßnahmen nicht geeignet seien, die Region zu befrieden. Der Antiterrorkampf bewege sich außerhalb rechtsstaatlicher Grenzen, so Halbach.