NEUKÖLLN. Ganz unten am U-Bahnhof Hermannplatz, dort wo die U-Bahnlinie 7 den Außenbezirk Spandau mit dem ruhigen Neuköllner Süden in Rudow verbindet, hängen keine Werbeplakate an den gelb leuchtenden Fliesen. Daran haben sich die Fahrgäste längst gewöhnt. Seit Freitag ist das aber anders. Auf drei Plakaten ist ungewöhnliche Werbung zu sehen, diesmal nicht für teure Autos, schicke Handys und warme Winterkleidung, sondern für die Kinder Neuköllns. "Wenigstens einmal sollen sie sich Gehör verschaffen und Aufmerksamkeit kriegen", sagt die Künstlerin Manuela Mechtel.Himmelsbüro auf der StraßeDie Puppenspielerin und Autorin hat die fünf- bis zwölfjährigen Jungen und Mädchen im Neuköllner Norden nach ihren Wünschen gefragt. "Denn wer seine Wünsche nicht äußert, kann nicht erwarten, dass sie in Erfüllung gehen", hat sie den zumeist türkischen und arabischen Kindern am Anfang erzählt. Und ihnen versprochen, dass sie diese Wünsche den Erwachsenen zeigen wird. Schon im Frühjahr 2008 eröffnete Manuela Mechtel auf dem Reuterplatz ein Himmelsbüro, eine Art Wunsch-Abgabe-Station auf Zeit. Dort konnten die Kinder sagen und schreiben, was sie sich wünschen. Eine ähnliche Aktion gab es vor drei Jahren. Da organisierte Manuela Mechtel für die Kinder im Neuköllner Reuterkiez eine Poesiewerkstatt. Dort schrieben sie eigene Geschichten. So hat die Künstlerin schnell erfahren, welche Sorgen und Ängste, Hoffnungen und Wünsche diese Kinder haben. "Ich habe sie lieben und schätzen gelernt", sagte Manuela Mechtel. "Sie schreiben über Gott, über ihre Familie, über Sex, Liebe und Gewalt." Viele Kinder seien begabt, lernten schnell, seien selbstbewusst, würden jedoch allein gelassen und in der Schule nicht gefördert. Oft wachsen diese Kinder mehrsprachig auf, sie können deutsch und arabisch oder türkisch. "Das wird ihnen aber eher als Makel denn als Vorteil angerechnet. Ich finde es wirklich beschämend, dass allein ihre Herkunft über ihre Zukunft entscheiden wird", sagt Manuela Mechtel.Manche Kinder haben ihre Berufswünsche aufgeschrieben. Mädchen möchten als Ärztinnen und Anwältinnen arbeiten, manche Jungen träumen von einer Karriere als Fußballprofi. "Es ist anzunehmen, dass sie es nicht werden", sagt die Künstlerin. "Viele Kinder werden dieses Viertel nicht verlassen." Denn der Norden Neuköllns ist ein sozialer Brennpunkt. Mehr als 20 Prozent der Bewohner sind arbeitslos, 65 Prozent aller Kinder unter 15 Jahren leben in Hartz-IV-Haushalten und 70 Prozent der Schulabgänger haben keinen oder nur einen Hauptschulabschluss.Und trotzdem haben sie auch ganz gewöhnliche Wünsche, etwa Schlittschuhe oder einen eigenen Computer. "Für andere Kinder wären viele Wünsche einfach zu realisieren", sagt die Verkäuferin am Imbiss-Stand im U-Bahnhof. Sie sieht jetzt wie die vielen Fahrgäste auf die Plakatwände mit den Wünschen der Kinder. Vier Wochen sollen sie hängen bleiben, vielleicht auch länger.Manuela Mechtel hat ihr Versprechen gehalten, das sie den Kindern gegeben hat.------------------------------Spiderman und ZauberflügelNach ihren Wünschen hat Manuela Mechtel Kinder auf dem Reuterplatz in Neukölln befragt. Hier einige Antworten der Fünf- bis Zwölfjährigen:"Ich wünsche mir ein Paar Schlittschuhe und dass ich nach Serbien fahre. Das wünsche ich mir und fertig!""Ich wünsche mir, dass mein Vater in Deutschland lebt.""Ich wünsche mir, dass ich ein Spinnennetz habe und Spiderman- Flügel.""Ich wünsche mir, dass ich Gott sehen kann.""Ich wünsche mir einen Bagger, vielleicht auch zwei. Und eine Villa. Und Zauberflügel.""Ich wünsche mir, dass ich für meinen Wellensittich eine Freundin habe."------------------------------Foto (2) :Manuela Mechtel ist Puppenspielerin und Autorin und schreibt für Kinder Theaterstücke, Lieder und Geschichten. Sie lebt in Kreuzberg.Auf Plakaten im U-Bahnhof Hermannplatz können die Fahrgäste seit Freitag vier Wochen lang die Wünsche von Neuköllner Kindern lesen.

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