Sie sollten beim Eintritt Monteverdi spielen, vor allem Monteverdi. Die girlandenhaften Madrigale dieser erst sakralen, dann üppiger ins Sphärische wuchernden Musik würde hochschwellen, übers Fresko im Kaisersaal hinweg, hinauf zum bemalten Gewölbe über dem Treppenhaus.Diese Musik würde den nach Vollkommenheit strebenden Bau- und Kunststil auf ihren Schwingen tragen. Und drei Musen, die Malerei, die Architectura, die Musica, hielten dann lustvoll zusammen Hof in Würzburgs weitläufiger Barock-Residenz. Nicht zuletzt würde ein großer venezianischer Tonmeister der frühen Epoche dem Farbgenius der späten Ehre erweisen. Und umgekehrt. Schließlich ist Jubiläumsstimmung.Wer von jetzt an die unterfränkische Residenz betritt, wird verzückt sein von dem am 5. März vor 300 Jahren geborenen Venezianer Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770). Seine und seiner beiden Söhne besten Gemälde, Skizzen, all das, was er auf Leinwände und Papier bannte, wurde nach Würzburg geholt. Aus New York und London, St. Petersburg, Brüssel und Madrid. Alles prunkvoll gerahmte, in Mappen verwahrte, thematisch geordnete Augenweiden zu dem, was von dem venezianischen Super-Maler schon immer hier war: die Fresken. Kurioser Beginn Wem aber soll man nun weismachen, daß jene Pracht eigentlich einem Hochstapler zu verdanken ist? Der mittelmäßige Mailänder Pinselschwinger Giuseppe Visconti hatte sich anno 1744 mit wundervollen Zeichnungen, aber von fremder Hand, den fürstbischöflichen Auftrag für Fresken im Festsaal erschlichen. Sein jämmerliches Tun kam bald ans Licht. Der "Hoffourier" Spiegelberger hat den Skandal sogar penibel überliefert: "Auf dem aufgeschlagenen Gerüst verschloß er alles und ließ niemand dahin, nicht einmal den Fürsten. Er mahlete aber so elend schlecht, daß seine ganze Arbeit als eine erbärmliche Nichtznutzigkeit nit verdecket bleiben konnte " Der Schwindel kam heraus, "das Vilou" wurde aus der Stadt gejagt, die Stümperei abgeklopft.Gott sei Dank sollte die Peinlichkeit sich zum Glücksfall wenden: für Fürstbischof Carl Philipp von Greiffenclau, den repräsentationssüchtigen Auftraggeber, geriet noch alles zum Besten; er wurde ein berühmter Mäzen. Und der nach dem Eklat zum Höchstpreis aus Venezia angeheuerte, schon bekannte Maler Tiepolo ging als Genie in die Kunstgeschichte ein. Malte er doch ausgerechnet in Würzburg "das Hauptwerk des 18. Jahrhunderts". Sagen die Experten.Ungetrübt strahlt das Werk heute trotz Wasserschäden und Kriegseinwirkungen mit unbeschreiblicher Schönheit zur Erde herab - als UNESCO-Weltkulturerbe ein geschütztes Denkmal erster Güte. Den komplizierten Malgrund hatte dem Maestro vom Canale Grande zuvor kein Geringerer geliefert, als der deutsche Baumeister Johann Balthasar Neumann (1667-1753). Jener hatte in wenigen Baujahren bis 1744 eine Barock-Residenz hingesetzt, angesichts der uns heutigen, von funktionalistischer und pragmatischer Architektur gemaßregelten Menschlein die Augen glänzen. Alles im Überschwang Mächtig gewaltig und selbstbewußt elegant, ausladend in der Form und üppig im Zierat, so gibt sich das Ensemble. Den Überschwang im Überschwang aber, die Krone absolutistischer Machtentfaltung, sollte erst die Kunst des italienischen Fresko-Artisten bringen. Bilder, in denen förmlich alles in Bewegung ist, voll sinnlichen Erlebens. Von religiösem Überschwang, der Übersinnliches faßbar machen möchte. Und mit vitalen, lebensprallen Figuren in ausgeleuchteten Landschaften und Räumen. Die große Geste war gewollt, das theatralische Moment beschworen. Eine naive "Einheitlichkeit der Welt" wurde mit Prunk, Pracht, Pathos ins Bild gesetzt.Allzuviel ist nicht bekannt über den Würzburger Aufenthalt des Mannes, der Pinsel, Farbe, Komposition solcherart virtuos beherrschte. Man weiß, daß er am 12. Dezember 1750 eintraf. Er hatte seine Söhne dabei, Giovanni Domenico und Lorenzo, zwei so tüchtige wie begabte Maler. Das Trio bekam gleich in der Residenz Logie und, wie es in den Spiegelbergerschen Haushaltsbüchern versichert wird, reichlich und gut zu essen. Ansonsten müssen die drei in ihrer Würzburger Zeit von nur drei Jahren wie besessen gearbeitet haben. Wie sonst hätten Maestro und Assistenten neben den Fresken in der Residenz auch noch zwei Altäre für die Hofkirche und überdies die Menge Aufträge reicher Würzburger Familien zustande gebracht? Üppige Exotik Die Chronik erzählt, wie der Fürstbischof heillos ins Schwärmen geriet, als Tiepolo mit den allegorischen Kaisersaal-Szenen aus dem Leben Friedrichs des I. Barbarossa, mit der Burgundischen Braut in Apolls Sonnenwagen, fertig war. Daraufhin mußte Tiepolo dem Herrscher das große Muldengewölbe über dem Treppenhaus ausmalen, mit lichter Helligkeit, eine beeindruckende "Fahrt" in einen Himmel auf Erden. Das Salär fiel gut aus, und der Ehrgeiz war angestachelt: Dieses Deckenfresko sollte das größte der Welt werden, viel größer als Michelangelos "Erschaffung der Welt" in der Sixtina. Der venezianische Maler verherrlichte darauf seinen Auftraggeber auf 32 mal 19 Metern. Außerdem ist in der Mitte des Werkes Baumeister Balthasar Neumann samt seinem Hund verewigt. Erlebt hat der greise Architekt sein vollendetes Ganzporträt in diesem "Himmel" zwar nicht mehr. Aber es wurde sein Parnaß.Zwölf Monate lang verrenkten und verspannten der Maler und seine Söhne sich Arme und Genick. Der Lohn dafür hieß zuerst: Amerika. Das erste Fresko nämlich zeigt den riesigen Erdteil der Neuen Welt; symbolisch reitete eine fast nackte Indianerin auf einem Krokodil-Monster; sie zeigt nach rechts, aufs Banner mit fürstbischöflichem Wappen.Ein paar flache Stufen führen, schaut man rechts, nach Afrika zu einer schwarzen Schönheit, reitend auf einem Kamel. Links liegt Asien, vorbei an Pyramiden, hin zu einer allegorischen Elefantenreiterin. Und überall Menschenleiber, Tiere, Pflanzen, exotische Bauwerke. Opulente Dramatik allweil. Tiepolo hatte rasch erkannt, daß er in der komplizierten Architektur kein völlig zusammenhängendes Fresko malen könne. Er entschloß sich zu vielen Sequenzen, verband sie den Blicken wie durch Brücken. Das überwältigende Ergebnis des damaligen Experiments raubt einem fast den Atem.Der Treppenlauf bringt einen nach oben, wieder und wieder bleiben die Augen hängen an den Ausschnitten. Kopfüber, genau im Mittelpunkt des Bildes, prangt ein Medaillon mit dem Konterfei Carl Philipps von Greiffenclaus', präzise über dem Kontinent Europa. Wieder ist meisterlich Ausgetüfteltes zu entdecken - die allegorischen Frauengestalten für Asien und Afrika weisen mit ausgestreckten Armen auf den Fürstbischof. Mehr Huldigung ist kaum zu ertragen, dem weltlich-geistlichen Herrn aber hat es wohlgefallen. Und mitnichten war ihm das Blasphemie. Lockendes Inszenario Etwas Ablaß ließ er dem Maler dann beim Erdteil Europa. Die Alte Welt mußte dem Fürsten nicht huldigen, die wurde von Tiepolo dafür selbstbewußt und glanzvoll bemalt mit Porträts von Kollegen der eigenen, der künstlerischen Zunft, so mit dem Bildnis des Stukkateurs Antonio Bossi und Baumeister Neumann, der auf einer Kanone zu sitzen kam. Auch ein Selbstbildnis ist da: links im Bild, neben Tiepolo steht vermutlich Sohn Giovanni Domenico.Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, wie unvergleichlich dieser Venezianer doch die Perspektive beherrschte. Und auch nicht aus dem Schmunzeln, denn die der damals hochbeliebten Commedia dell'arte entstammenden Szenen, etwa ein purzelnder Affe, werden mit jedem längeren Blick skurriler. Über all der Üppigkeit samt fürstbischöflichem Wappen und Konterfei strahlt Sonnengott Apoll, von anderen Göttern und Engeln umschwärmt. Sonnengleich sollte "Licht" von der Würzburger Residenz auf die Erde fallen Und das wunderbare Inszenario der barocken Geister funktioniert, auch noch nach zweieinhalb Jahrhunderten. Der Kunststrahl lockt. In irdischen Heerscharen ziehen die Leute dieser Tage in die himmlisch bemalte Residenz. Die Illusion von Vollkommenheit ist fast perfekt. Nur Monteverdi sollten sie noch spielen. +++