Wulf Olm hat Menschen fotografiert, bevor er sich den Tieren zuwandte. Weil er in einem Land groß wurde, in dem die Diktatur des Proletariats herrschte, fotografierte er vor allem Arbeiter und Diktatoren. Die Arbeiter waren nicht das Problem.Wulf Olm arbeitete jahrelang für die Junge Welt, das Organ der Freien Deutschen Jugend. Chef der Freien Deutschen Jugend war damals ein Mann namens Egon Krenz. Krenz war kein Jugendlicher mehr und das sah man. Er hatte ein Doppelkinn, eine fleischige Nase und einen Bauch, weswegen Wulf Olm ihn nur von vorn aufnehmen durfte. Wann immer der FDJ-Chef Wulf Olm auf einer Veranstaltung entdeckte, fuhr er sich mit einer königlichen Geste über sein Profil aus Nase, Kinn und Bauch. Wulf Olm nickte, lief um Krenz herum, bis er ihn von vorn sah und drückte auf den Auslöser. Später, als er selbst dem jugendlichen Alter entwachsen war, wechselte Wulf Olm als Pressefotograf zur Berliner Zeitung. Die Berliner Zeitung unterstand damals der SED-Bezirksleitung Berlin, deren Chef ein Mann namens Günter Schabowski war. Schabowski hatte einen Rundrücken und fiel bei Veranstaltungen, die ihn langweilten, in sich zusammen wie ein wütender Zwerg. Schabowski schien sich oft zu langweilen, weswegen Wulf Olm die Weisung erhielt, den SED-Bezirksleiter immer nur von oben zu fotografieren, um ihm mehr Dynamik zu verleihen. Wulf Olm ist ein kleiner Mann. Er schleppte zu Schabowski-Veranstaltungen neben seiner dicken Fototasche auch noch eine kleine Stehleiter mit.Irgendwann fiel die Mauer, und es gab eine kurze Phase, in der auch die DDR-Zeitungen großes Interesse an Fotos hatten, die den Bauch von Egon Krenz und die hängenden Schultern von Günter Schabowski zeigten. So funktioniert es ja immer.Wulf Olm verlor für ein paar Monate die Orientierung, weil die Welt, die er jahrelang fotografiert hatte, sich so widerstandslos aufzulösen schien. Dann aber straffte er sich und begann, die verschwindende Welt auf seinen Bildern festzuhalten. In jener Zeit lernten wir uns kennen.Die normalen LeuteSieben Jahre lang fuhren wir durch den Osten des Landes und porträtierten Menschen, denen die Wende wie eine Axt ins Leben gefahren war. Wir lebten kaum selbst, wir schlüpften von einer Reportage in die nächste, kamen an, gaben unsere Fotos und Texte in der Redaktion ab, schliefen uns aus und fuhren wieder los. Wir rauchten Unmengen von Zigaretten. Wulf Olm sagte, es waren die besten Jahre, ich weiß nicht, ob das stimmt. Auf jeden Fall war es unsere Wende. Wir häuteten uns, orientierten uns neu, nach sieben Jahren kamen wir an und mit uns die neue Zeit sowie ein neuer Chefredakteur mit neuen Plänen. Für einen Moment schien es so, als sei die Wende beschrieben und fotografiert, als sei nichts mehr zu tun. Dieser Moment trennte uns.Wir hörten auf zu rauchen. Ich zog wenig später nach New York, Wulf Olm kaufte sich ein Pferd.Das Pferd hieß Olle Courtley und wohnte auf dem Gelände der Trabrennbahn Karlshorst. Wulf Olm war in Karlshorst aufgewachsen, er kehrte gewissermaßen zurück und begann ein neues Leben. Ein Leben zwischen Tieren und Menschen.Olle Courtley war ein Traberhengst mit vielversprechenden Genen. Er wurde von einem Mann namens Erich Schmidtke trainiert, auch der wirkte einmal vielversprechend. Aber immer wenn es darauf ankam, versagten Olle Courtley und Erich Schmidtke die Nerven. Wulf Olm aber hielt an den beiden fest. Er liebte die Trabrennbahn Karlshorst, die ein Platz für Pferde und Menschen zu sein schien, die es nie ganz nach vorn schafften, vielleicht auch, weil sie das nicht gar wollten. "Zum Galopprennen kommen die Damen mit den großen Hüten und Leute wie Walter Scheel", sagte Erich Schmidtke, "zum Trabrennen dagegen kommen die normalen Leute. Und nach Karlshorst die janz normalen."Wulf Olm, der in einer Einzimmerneubauwohnung in Hohenschönhausen lebte, verbrachte seine Freizeit in Karlshorst bei den Pferden. Er kaufte eine Stute namens Nora Sumpter, ebenfalls mit vielversprechenden Genen und schwachen Nerven. Wenig später erwarb Wulf Olm noch ein Pferd, dessen Name schon ziemlich verzweifelt klang. Happy Fortuna. Auch diese Stute war kein Gewinner. Er investierte eine Menge Geld und Zeit in seine Pferde, die wenig gewannen, aber er wirkte glücklich. Wenn man Wulf Olm auf der Trabrennbahn besuchte, hätte man ihn für einen Stallburschen halten können. Wahrscheinlich waren das seine besten Jahre, auch wenn er es immer abstritt. Er erzählte gern die Geschichte eines großen Rennens, in dem Nora Sumpter am Ende ganz vorne lag, bis Erich Schmidtke auf der Zielgerade im Siegestaumel mitten durch eine Schneepfütze fuhr. Der Schnee spritzte Nora Sumpter an den Bauch, sie erschrak sich, sprang und wurde disqualifiziert. Vielleicht soll die Geschichte beweisen, dass letztlich die Menschen das Problem sind.Irgendwann fuhr Erich Schmidtke mit seinem alten Renault im Suff auf dem Gelände der Trabrennbahn in einen Lastwagen, quetschte sich seinen Schädel, wurde blind und starb wenig später. Daraufhin erlöste Wulf Olm auch seine Pferde vom Leistungsdruck. Er verkaufte sie an Reiterhöfe, wo sie heute ihren Lebensabend verbringen. Happy Fortuna, Nora Sumpter und Olle Courtley müssen nicht mehr rennen.Wulf Olm wandte sich nun völlig den Tieren zu.Als junger Mann galt Olm als einer der besten Sportfotografen des Landes, er gewann Fotopreise überall in Europa, einen sogar in Spanien, später war er einer der besten Reportagefotografen Ostdeutschlands, nun wurde er zum bekanntesten Tierfotografen Berlins. Es ist schwer zu sagen, ob das einen Rückzug bedeutete oder einen Aufstieg. Wulf Olm wirkte zwischen den Berliner Tieren zu Hause.An einem milchigen, feuchten Wintermorgen dieses Jahres besuchte ich mit ihm den Berliner Tierpark in Friedrichsfelde. Ich war gerade aus New York zurückgekehrt, Berlin-Lichtenberg wirkte unverändert, aber die Schwarzbären vorm Eingang lagen jetzt hinter Schallschutzglas, und die Tierparkkarte kostete elf Euro.Für einen Moment dachte ich, sie hätten den Tierpark nur für uns aufgemacht. Ich sah keine anderen Besucher. Es gab nur uns und die Tiere. Wulf Olm schien das ein wenig unangenehm zu sein, so als repräsentiere er den Tierpark, und vielleicht ist das kein falscher Eindruck. Er sagt zwar, dass er auch im Westberliner Zoo anerkannt ist. Dass er Ausstellungen im Zoo und im Tierpark hatte. Dass Berlin groß genug ist für zwei zoologische Gärten. Er ist ein Diplomat der Gesamtberliner Tiere geworden, denn die Tiere, sagt Wulf Olm, machen keinen Unterschied zwischen Ost und West.An diesem grauen Wintermorgen erinnerte der Tierpark in Berlin Friedrichsfelde ziemlich an die Trabrennbahn Karlshorst, kein Platz für Damen mit großen Hüten und Leute wie Walter Scheel. Hier liegt Olms Geschichte und wohl auch sein Herz. Als wir an den Dromedaren vorbeiliefen, sagte mir Wulf Olm, dass er als Karlshorster Junge geholfen habe, aus dem verfallenen Schlosspark einen Zoo zu bauen. Sie hatten Muttererde mit Schubkarren herangeschafft und verteilt."Wann war das?", fragte ich."Irgendwann in den 54er Jahren oder 55er och, vielleicht", sagte Wulf Olm.Er sagte oft Sachen, die man nicht sofort begreift oder gar nicht, was, glaube ich, damit zusammenhängt, dass er ein Fotograf ist. Fotografen eignen sich die Welt mit Bildern an, nicht mit Worten, und Tierfotografen funktionieren dann noch mal anders. Inzwischen hatten wir das Stachelschweingehege erreicht."Na meene kleene Edeltraud, Tach Inge", rief Wulf Olm den beiden Stachelschweinen zu, die über den feuchten Beton raschelten."Kennst du sogar die Namen von den Stachelschweinen?", fragte ich."Nö, nenn ick nur einfach so gerade, die beeden", sagte Wulf Olm und erklärte mir, dass die Katzenbären im Käfig nebenan dringend "uff Nachwuchs warten". Man sah keinen einzigen Katzenbären im Käfig, nur das Schild. Vielleicht waren sie bereits ausgestorben, dachte ich. Am Hyänengehege erzählte er mir, dass dort neulich mal ein Hund hineingesprungen sei."Und was ist passiert?""Na die ham ihn uffjefressen oda anjefressen oder wat. Der ,Kurier' hat dit natürlich gleich ausjeschlachtet wie Pauken und Trompeten. Dabei ham die Hyänen dit schwer jenuch.""Wieso?", fragte ich."Schlechtet Image", sagte er."Vielleicht weil sie Aasfresser sind", sagte ich."Aba dit hat Mutta Natur für se vorjesehen", sagte Wulf.Wir liefen an diesem Tag noch an manchem Hyänenkäfig vor bei, und jedes Mal setzte Wulf zu einer kleinen Verteidigungsrede an. Er wird immer misstrauisch, wenn jemand ausgegrenzt wird, und Hyänen scheint niemand zu lieben. Selbst im "König der Löwen", wo alle Tiere lieb sind, mit Ausnahme von Onkel Scar, sind die Hyänen die Fiesen. Beliebt sind Elefanten, Nashörner, Bären, Affen und, was die Raubtiere angeht, Leoparden. Fast jeder Leopard des Berliner Tierparks hat einen Paten. Am Käfig des Java Leoparden kann man lesen: "Die Patenschaft für diesen Leoparden übernimmt Jörg Gudzuhn, Neuenhagen". Gudzuhn ist Schauspieler am Deutschen Theater, ein großer Mann mit einem traurigen Gesicht und einer Vorliebe für kauzige Charaktere. Vielleicht erzählt das Tier etwas über die geheimen Sehnsüchte des Paten.Leoparden gelten als eine der wenigen Raubkatzen, die auch mal jemanden umbringen, wenn sie nicht hungrig sind. Die Patenschaft für die Elefantenkinderstube hat die Hohenschönhausener Wohnungsbaugesellschaft, Pate des Panzernashorns "Belur" ist die Mercedes Benz Niederlassung am Potsdamer Platz. Wulf Olm hat keine Patenschaft übernommen, womöglich wollte er nicht ungerecht sein.Bevor wir das Elefantenhaus verließen, führte mich Wulf am Mercedes-Benz-Panzernashorn vorbei in eine Ecke, wo in einem kleinen Terrarium der Kaiserschnurrbarttamarin lebt. Man kann ihn schnell übersehen hier zwischen Elefanten und Nashörnern, die in der Halle zu Hause sind. Der Kaiserschnurrbarttamarin ist ein Äffchen, und man fragt sich, wieso er nicht im Affenhaus wohnt."Dit iss der Schnurrbarttamarin", sagte Wulf Olm, als stelle er mir einen alten Bekannten vor, von dem er mir schon viel erzählt hat.Der Affe sah uns an. Er ist winzig und hat einen ziemlich großen Schnurrbart, der Schnurrbart ist fast halb so groß wie der gesamte Affe. Er erinnerte mich an jemanden und nach einem Moment fiel mir auch ein, an wen. An Wulf Olm.Ich dachte, dass er mich nicht zufällig hierher geführt hatte. Der kleine Affe im großen Dickhäuterhaus, richtig, dies war ein Zeichen. War nicht auch Wulf Olm ein Kaiserschnurrbarttamarin in einer Dickhäuterwelt?Irgendwann hoppelte der Kaiserschnurrbarttamarin weg, und ich sagte: "Er sieht ein bisschen aus wie Du, finde ich."Wulf Olm sah mich an, als habe ich den Verstand verloren."Quatsch", sagt er. "Nicht wie icke. Sieht aus wie der Kaiser, der Tamarin."Ich habe versucht, etwas in den Gesichtern der Tiere zu lesen, die Wulf Olm fotografierte. Aber da stand nichts. Die Tiere posieren nicht. Sie wollen nicht von oben fotografiert werden oder nur von vorn. Wulf Olm sagte, dass er manchmal einen Tag lang auf den Moment wartete, in dem sich die Majestät des Tieres voll entfaltet. Manchmal ging er ohne ein Bild nach Hause und kam am nächsten Tag wieder, ohne dass sich sein Modell beschweren würde. Die Tiere ließen ihn in Ruhe seine Arbeit machen. Vielleicht gibt es nicht mehr Geheimnisse.Der letzte BesuchEs war der letzte Besuch, den Wulf Olm seinem Tierpark machte. Ein paar Tage später spürte er, dass der Krebs, mit dem er seit anderthalb Jahren kämpfte, zurückgekehrt war. Er redete mit niemanden darüber, wahrscheinlich nicht mal mit sich selbst. Er beendete ein Buch mit seinen Tierfotografien, ging ins Krankenhaus, wurde noch einmal operiert und dann nach Hause entlassen. Er saß in seiner Einzimmerwohnung in Hohenschönhausen und sah wie über den Parkplätzen an der Falkenberger Chaussee der Winter zu Ende ging und das Frühjahr begann. Über der Liege hing ein Foto von Nora Sumpter, seinem Lieblingspferd, ein Setzkasten mit Zinnsoldaten und eine Kinderzeichnung seiner Tochter, die er erst richtig kennenlernte, als sie eine erwachsene Frau war. Sie besuchte ihn manchmal, auch sein Bruder kam und oft Gerd Engelsmann, ein Kollege, der ihm vielleicht näher war als alle anderen, ein Fotograf aus Ostberlin. Am regelmäßigsten kam seine Zeitung, die Berliner Zeitung, aber Wulf Olm las sie nicht mehr. Er verpasste nichts mehr.Etwa zu dem Zeitpunkt, als sein Tierfotobuch erschien, entdeckte die Welt ihre Liebe zu Knut, dem Eisbären. Auf dem Umschlag von Wulf Olms Bildband sind Elefantenkinder zu sehen, aber im Moment interessiert sich niemand für Elefantenkinder. Vanity Fair und Super Illu erschienen mit Eisbär Knut auf dem Cover. Als der größte Tierstar Berlins geboren wurde, war Wulf Olm schon zu schwach, seine Kamera zu halten.Am Donnerstag habe ich ihn gefragt, was er vom Rummel um Knut hält. Er hat nur abgewinkt, ganz leicht, der Star Knut schien ihn nicht zu interessieren. Vielleicht hätte er ja gar keine Lust gehabt, sich neben den anderen zu drängeln, dachte ich. Vielleicht hätte er mit seinem Foto gewartet, bis sich niemand mehr für Knut interessiert, und der Tag wird kommen. Er kommt immer und Wulf Olm wusste das. Er lag auf seiner Liege in der Ecke des kleinen Zimmers und bat mich, ihm aufzuhelfen. Er war federleicht."Am Montag komm ick vorübergehend ins Hospiz", sagte er, als er saß."Vorübergehend?", fragte ich."Iss besser so", sagte er.Sieben Stunden später ist Wulf Olm gestorben. Er wurde 64 Jahre alt.------------------------------Foto: Das Denkmal am Platz der Vereinten Nationen ist abgerissen, Lenins Kopf verschwindet auf einem Tieflader. Wulf Olm fotografierte diesen Moment am 13. November 1991 in Berlin-Friedrichshain.Foto: Der Fotograf und seine Bilder: Anfang 2006 stellte Wulf Olm seine schönsten Tierfotos im Berliner Tierpark aus.Foto: Leopard - Wulf Olms Impressionen aus dem Tierpark und dem Zoo erschienen im März als Fotobuch ("Tierisch") im Ch. Links Verlag.

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