Wulff-Prozess: Unterkühlte Rückendeckung

Hannover - Da steht Bettina Wulff nun. Am Zeugentisch, mit erhobenem Kopf, die Schultern gerade. Eine geradezu militärisch aufrechte Haltung, nur dass die Hände nicht an der Hosennaht liegen, sondern an einem engen schwarzen Rock, den Bettina Wulff mit einer leicht transparenten weißen Bluse kombiniert hat. Die wieder etwas längeren Haare sind zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der Mund, schmal zusammengepresst, zeigt ein zaghaftes Lächeln.

Sie sieht nicht hinüber zu dem Mann, der ein paar Meter entfernt sitzt und zu ihr hochschaut, mit diesem traurigen, unterwürfigen Blick, den er doch abgelegt zu haben schien. Heute ist da keine Spur von dem Strahlen, das Christian Wulff zeigte, als vor einer Woche Maria Furtwängler im Zeugenstuhl saß, keine Spur von dem selbstbewussten, herausfordernden Lächeln, mit dem der 54-Jährige die bisherigen Prozesstage durchgestanden hat. Unwillkürlich hat man wieder den 17. Februar 2012 vor Augen, als Christian Wulff mit gebeugtem Rücken und hängenden Schultern im Schloss Bellevue seine Rücktrittserklärung vom Blatt ablas, während seine Frau neben ihm aufrecht die Situation durchstand.

Es ist Tag 7 im Korruptionsprozess gegen den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff und seinen Freund, den Filmunternehmer David Groenewold. Erstmals sind am Donnerstag alle Zuschauerplätze im Saal des Landgerichts in Hannover besetzt. Schließlich trifft nach langer Zeit ein ehemaliges Traumpaar des Boulevards wieder in aller Öffentlichkeit zusammen. Ein gescheitertes Ehepaar, der Noch-Ehemann auf der Anklagebank, der Noch-Ehefrau quasi ausgeliefert. Als Zeugin kann sie den Daumen heben oder senken, kann mitbestimmen über das Schicksal des Gatten, der das nur noch auf dem Papier ist. Was für ein Stoff.

„Kein Hass, überhaupt nicht“

Aber Bettina Wulff stellt gleich zu Beginn klar, dass es keinen Rosenkrieg im Hause Wulff gibt. „Wir sind verheiratet, aber getrennt lebend“, sagt die 40-Jährige. „Unser Umgang miteinander ist sehr freundschaftlich, wir sehen uns regelmäßig, telefonieren viel.“ Also kein Hass, fragt der Richter nach. „Kein Hass, überhaupt nicht“, sagt sie. „Unser Verhältnis geht weit darüber hinaus, was eine gewöhnliche Vater-Mutter-Rolle für unseren Sohn betrifft.“

Bettina Wulff sagt das sehr geschäftsmäßig, es klingt vorformuliert. Ganz die PR-Beraterin eben, die die ehemalige First Lady ja jetzt ist. Und hier, vor dem Landgericht Hannover, weiß sie ganz genau, was sie zu sagen hat. Sie hätte ihre Aussage verweigern können, doch sie will reden. Eine Stunde lang fragt sie der Richter aus, es geht um die Freundschaft zwischen Christian Wulff und David Groenewold, um das von Groenewold teilweise gesponserte Wochenende während des Oktoberfestes 2008 in München, das im Mittelpunkt des Prozesses steht. Wulff wird Vorteilsannahme vorgeworfen, er soll sich im Gegenzug beim Siemenskonzern für die finanzielle Förderung eines Filmprojekts von Groenewold eingesetzt haben.

Bettina Wulff ist konzentriert und präzise, manchmal lässt sie wohldosiert Charme und Witz aufblitzen. Das Wesentliche aber ist, dass es keine inhaltlichen Widersprüche zwischen ihrer Aussage und Christian Wulffs umfangreicher Erklärung zu Prozessbeginn gibt. Sie belastet ihn nicht. Bettina Wulff steht zu ihrem Mann, bewahrt dabei aber eine spürbare Distanz, fast schon Kühle. Während ihrer gesamten Aussage nennt sie Christian Wulff nicht einmal beim Vornamen, sie sagt immer nur „mein Mann“. Kommt sie hingegen auf den mitangeklagten Groenewold zu sprechen, dann sagt sie „David“.

„David“ hatte an besagtem Wochenende in München eine Suite für die Wulffs reserviert, im Bayerischen Hof , einem Fünf-Sterne-Hotel im Zentrum Münchens. „Ein großer Wohnraum, ein großes Schlafzimmer, ein schönes Bad – ich war natürlich überrascht von so einem tollen Zimmer“, sagt Bettina Wulff vor Gericht. Die Juniorsuite für den niedersächsischen Ministerpräsidenten, seine Frau und den gemeinsamen Sohn kostete für zwei Nächte fast 1000 Euro. Wulff bezahlte bei der Abreise jedoch nur 577,90 Euro. Was er erst vier Jahre später erfahren haben will – die Differenz von rund 400 Euro hatte diskret sein Freund Groenewold übernommen.

Ob der Politiker damals davon gewusst hat, konnte Bettina Wulff vor Gericht nicht sagen. Ihr Mann sei zum Auschecken an die Rezeption gegangen und habe sich beim Zurückkommen aufs Zimmer lediglich über die Kosten für den Babysitter mokiert. 100 Euro für vier Stunden hätten sie beide für sehr teuer gehalten, sagt sie noch.

Die Kosten für den Babysitter sind aus Sicht der Staatsanwaltschaft ein weiteres wichtiges Detail. Laut der Anklage soll sie Groenewold beglichen haben. Die beiden Angeklagten beharren dagegen darauf, dass Wulff beim Auschecken an der Rezeption dies bemerkt und seinem Freund umgehend das Geld zurückgegeben habe. Bettina Wulff kann sich vor Gericht nicht daran erinnern. Ihr Mann habe ihr jedenfalls nichts davon erzählt, sagt sie.

Der Richter stutzt in diesem Moment. Der Mann kommt zurück ins Zimmer, mokiert sich über die Kosten des Babysitters, aber erzählt nicht, dass er den gemeinsamen Freund erst überreden musste, diese nicht zu übernehmen? Bettina Wulff lässt die Frage im Raum stehen. So war es eben, sagt sie nur. Hm, brummt der Richter.

Der Rest der Zeugenbefragung aber läuft glatt ab, es gibt keine Stolpersteine mehr. Die Idee zum gemeinsamen Oktoberfestbesuch sei im Januar 2008 entstanden, erzählt Bettina Wulff, bei einem Abendessen mit David Groenewold und der Tatort-Kommissarin Maria Furtwängler. Sie, Bettina Wulff, habe damals in der Wohnung in Hannover für alle gekocht. „David Groenewold hat dann gesagt, er würde uns gern einmal zum Oktoberfest einladen“, sagt sie. Sie habe gewusst, dass der Freund ein Tischkontingent auf den Wies’n hatte, was ihm ermöglichte, andere dorthin einzuladen. „Man kann ja gar nicht so einfach mal dahin fahren, das ist ja unfassbar voll dort.“ In den folgenden Monaten hätten sie aber nicht mehr daran gedacht, es seien wichtigere Dinge passiert, ihre Hochzeit, die Geburt des Sohnes.

Im September sei dann die Einladung gekommen. Das habe dann auch in die „unglaubliche Termindichte meines Mannes“ gepasst, sagt Bettina Wulff. Am Samstagabend seien sie gegen 20 Uhr zum Oktoberfest gefahren und bis elf, halb zwölf geblieben. „Nach vier Stunden mussten wir zurück sein, ich stillte damals ja noch.“ Was sie gegessen und getrunken haben im Käfer-Zelt und auf Groenewolds Rechnung, die Teil der Anklage ist, wisse sie nicht mehr so genau. „Ein halbes Glas Champagner zum Anstoßen, sonst Wasser und Apfelschorle“, sagt sie. Vielleicht für sie noch ein Hühnchen, aber eigentlich esse sie kein Fleisch, und sie habe auch die Brotzeit nicht gemocht, die da schon auf den Tischen stand.

Ein Kommen und Gehen sei in dem Zelt gewesen, sagt Bettina Wulff, wer alles an ihrem Tisch gesessen hat, wisse sie auch nicht mehr. Die „Familie Burda“ natürlich, Groenewold, eine Bild-Reporterin – mehr fallen ihr schon nicht mehr ein. „Bei der Ereignis- und Erlebnisdichte unseres Lebens kann ich mich nicht mehr an alles erinnern“, sagt sie. Auf keinen Fall aber hätten sie eine Flasche Champagner und Bier getrunken, wie ihnen unterstellt werde. „Ich habe damals noch gestillt, und mein Mann trinkt so gut wie keinen Alkohol.“

„Ein richtiger Freund“

Auch als sie das Verhältnis von Christian Wulff und David Groenewold beschreiben soll, ist sie ganz d’accord mit ihrem Mann. Die beiden verbinde eine tiefe und lange Freundschaft, sagt sie. Oft hätten sie sich nach der Arbeit getroffen, über Politik und sehr Persönliches gesprochen. Groenewold habe sicher zum allerengsten Kreis um ihren Mann gehört. „Er war ihm ein richtiger Freund.“ Da klingt es fast, als zitierte sie aus der Erklärung Wulffs am ersten Prozesstag. Und wie das so sei bei Freunden, habe man sich auch regelmäßig gegenseitig zum Essen eingeladen. Mal habe der eine gezahlt, mal der andere. Oder man hat sich gleich am Tisch die Zeche geteilt. „Das war ein ausgeglichenes Geben und Nehmen, wie es unter Freunden üblich ist“, sagt sie noch.

Es muss ein schöner Moment sein für Christian Wulff, den diese Aussage entlastet – direkt gefolgt von einem bitteren. Der Richter fragt Bettina Wulff, wie sie Groenewold erlebt habe. Und sie kommt aus dem Schwärmen kaum heraus. Es gebe nicht viele wie ihn, sagt sie, „die so spontan sind“, die alles stehen und liegen ließen, um einen Menschen zu treffen, der einem wichtig sei. „Er ist uns hinterher gereist, nach Capri und nach Sylt, nur um uns zu sehen, weil mein Mann so wenig Zeit für Treffen hatte“, sagt sie. Groenewold wolle immer, dass es allen um ihn herum gut gehe. Er stehe unter positivem Strom. „Seine fröhliche, extrovertierte Art“, sagt sie dann, „war eine gute Ergänzung zu meinem Mann.“ Ein Satz, kalt wie eine Klinge, er kommt spontan. Erst als der Saal lacht, merkt Bettina Wulff, was sie gerade gesagt hat und schiebt nach: „Das soll nicht heißen, dass mein Mann nicht auch fröhlich ist.“ Aber das macht es nur noch schlimmer. Wulff schaut zur Seite, lächelt gequält.

In ihrer im vergangenen Jahr erschienenen Autobiografie hat sie ein ähnlich hartes Urteil über ihren Mann gefällt: „Irgendwie fehlten da ein paar Ecken und Kanten, etwas Besonderes und Eigenes.“ Hatte sie gehofft, dieses Besondere in ihm entdecken zu können über die Zeit? Hatte er darauf gehofft, dass sie es in ihm sehen würde? Für diese Hoffnung vielleicht hatte Christian Wulff 2006 nach 20 Jahren seine Frau und die gemeinsame Tochter verlassen. Für eine neue Ehe, die nach noch nicht einmal vier Jahren zu Ende ging, als die Familie Wulff im Skoda Yeti vom Schloss Bellevue zurück nach Großburgwedel fuhr.

Es ist wahrscheinlich, dass der Prozess mit einem Freispruch für Wulff endet. Und dass es danach wieder aufwärts geht mit seiner Karriere. Es gab Signale, dass er sich einen gemeinsamen Neuanfang mit seiner Frau vorstellen könne. Nach dem Tag im Landgericht ist man sich aber sicher: Dieser Wunsch jedenfalls bleibt unerfüllt.