Che Guevara, so erfuhr die Welt zu seinem 30. Todestag, hatte eine deutsche Geliebte, die ihn an den KGB und die Stasi verriet. Die tödlichen Schüsse auf Che und seine Geliebte Tamara Bunke fielen dann allerdings aus den Gewehren CIA-geführter bolivianischer Ranger. Der Aufbau-Verlag mußte diese Polit-Love-Story des Uruguayers José A. Friedl Zapata jetzt vom Markt nehmen. Die 86jährige Mutter Nadja Bunke klagte wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten an ihr und an ihrer Tochter Tamara. Die Verbreitung von Zapatas Werk wurde vom Berliner Landgericht durch einstweilige Verfügung untersagt.Schon die Grammatik des Titels ("Tania. Die Frau, die Che Guevara liebte") macht es schwer, zwischen Subjekt und Objekt zu unterscheiden ­ wer liebte wen? Das Buch liefert Spekulationen, aber keinen stichhaltigen Beweispunkt dafür, daß es zwischen Che und Tania (so Tamaras Kriegsname) mehr gegeben hat, als die gemeinsame Liebe zum Befreiungskampf.Kernpunkt des Streits sind die Behauptungen Zapatas über die "raffinierte" und "mit allen Wassern gewaschene Dreifachagentin": nicht nur des kubanischen Geheimdienstes DSI, sondern auch der Stasi und des KGB. Seinen Verlegern in Berlin versicherte Zapata, er habe an allen Schauplätzen in Deutschland, Kuba, Argentinien und Bolivien recherchiert und die letzten noch lebenden Augenzeugen interviewt sowie die Akten bei der Gauck-Behörde eingesehen. Nur die Mutter hat er nicht befragt.Ungeniert und oft auch fehlerhaft wiederholt Zapata, was andere über das Schicksal Tamara Bunkes längst zusammengetragen haben, über ihr kurzes, zerrissenes Leben zwischen zwei Kulturen und für eine vermeintlich weltumspannende Idee. Die Tochter deutscher Emigranten, geboren 1937 in Argentinien, die seit 1952 in Eisenhüttenstadt lebte, dann in Berlin Romanistik studierte, 1960 für Che Guevara (damals Direktor der Nationalbank Kubas) dolmetschte, ging 1961 als glühende Revolutionärin und voller Heimwehgefühle für Lateinamerika nach Kuba. 1967 starb sie in Bolivien, als einzige Frau jener Guerilla-Truppe, mit der Che Guevara den Befreiungskampf der Völker Lateinamerikas führen wollte.Zapatas Recherchen geben für seine Theorie nichts her. Zwei Stasi-Dokumente aus dem Jahr 1962 werden von ihm fälschlich als Fortsetzung einer IM-Tätigkeit der damals Fünfundzwanzigjährigen in Lateinamerika interpretiert, stützen aber (gut lesbar im Faksimile) die gegenteilige These: nämlich daß die Stasi nach Tamara Bunkes Abgang im Dunkeln tappte und den Kontakt verlor.Die abenteuerlichste Interpretation kreist um den Tag im Jahr 1967, als Tamara Bunke, damals als Agentin des kubanischen Geheimdienstes DSI in der bolivianischen Oberklasse angesiedelt, den argentinischen Maler Ciro Bustos und den französischen Salonrevolutionär Régis Debray zu Guevaras kämpfender Truppe in den Urwald führte. Ihren Jeep habe sie vorsätzlich mit verräterischen Papieren in der Stadt Camiri zurückgelassen, um sich selbst den Rückweg abzuschneiden und damit ihre Verbindungen zu Moskau und Berlin zu kappen: als habe sie lieber die Vernichtung riskieren wollen als Che zu verraten. Die These ist so unsinnig, als wollte man Ulrike Meinhof unterstellen, sie habe mit den Fehlern vor ihrer Verhaftung vorsätzlich Spuren zur RAF gelegt und ihren Selbstmord in Stammheim vorbereitet.Einer Charakterzeichnung der Guerillera Tania kommt Zapata auch nicht näher. Beinahe jeder Befragte beschreibt sie anders. Unter den "letzten noch lebenden Augenzeugen", die Zapata auftreibt, dominieren die Machos in La Paz, denen die Erinnerungen an eine geheimnisumwitterte, charmante, nervöse junge Frau kommen, die Zugang sogar zur Familie des Präsidenten fand.Eine andere Gruppe von Befragten sind die Militärs, die Jagd auf Che Guevaras Partisanentrupp gemacht haben, die meisten schon durchgenommen in früheren Che-Guevara-Publikationen. Für Zapata öffnen sie sich bis zum Selbstmitleid. Bei Mario Vargas Salinas, damals Kommando-Führer, heute General, sitzt der Autor am Gartentisch und läßt sich bei "einer Schale mit Leckereien, die das Dienstmädchen aufgetragen hat", den Geruch der Wasserleiche Tamara Bunkes beschreiben.In Berlin suchte Zapata den Schriftsteller Eberhardt Panitz auf, der Tamara Bunke 1961 als Dolmetscherin in Kuba erlebt hat und 1973 ein etwas verklärendes Buch über ihren Lebensweg schrieb. Von ihm hätte er erfahren können, wie penibel die Mutter Nadja Bunke über das Heldenbild ihrer Tochter wacht. Auch das Panitz-Buch "Der Weg zum Rio Grande" beim Verlag Neues Leben wurde auf ihren Einspruch hin durch einstweilige Verfügung zeitweilig gestoppt. Zapata unterstellt, daß Tamara schon als Kind in die illegale Arbeit eingeweiht und mit Vokabeln wie Subversion und Weltrevolution erzogen worden sei. Die Vermutung leitet er aus der Biographie ab. Der Vater Erich Bunke trat 1928 der Kommunistischen Partei bei. Er war Sportlehrer, als er Nadja Bider kennenlernte. Die Abiturientin des früheren Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Berlin, seit 1931 Karl-Marx-Schule genannt, stammte aus Odessa. Sie war als Zwölfjährige nach Deutschland gekommen. Beide schlossen sich nach der Machtergreifung Hitlers einer Widerstandsgruppe an, bekamen einen Sohn, aber sie heirateten nicht in diesem Deutschland, wie Zapata behauptet. Da hätte die Architekturstudentin und Deutschlehrerin an der sowjetischen Handelsvertretung ihre jüdische Herkunft preisgeben müssen. Als Nadja Bider 1935 eine Vorladung von der Gestapo erhielt, floh sie mit ihrem polnischen Paß nach Warschau. In Paris traf man sich wieder, um nach Buenos Aires zu fliehen, wo sie sich der damals verbotenen Kommunistischen Partei Argentiniens anschlossen.Zapata sieht bei solcher Vergangenheit genügend Motivation, daß die Bunkes nach ihrer Rückkehr in die DDR die Tochter der Stasi zuführten. Wo aber die Stasi ist, ist auch der KGB. Die Sowjetunion hätte damals in der Tat ein politisches Interesse haben können an einer Agentin, die unsichere Kantonisten in Kuba ausspäht und später Che Guevaras Truppe gegen die auf Moskau-Kurs gebrachte Kommunistische Partei Boliviens ausspielt. Nadja Bunke machte sich noch im Dezember 1997 auf nach Moskau, um beim russischen Geheimdienst und beim damaligen Chef der Amerika-Spionage, Generalleutnant Leonow, Erklärungen einzuholen, die eine solche Verbindung zu Tamar jedoch strikt ableugnen.Fortsetzung auf Seite 10