Wurstkrieg in Weimar

Verziehen alle Schmach um die verspätete Wiedereröffnung des Goethe-Nationalmuseums. Storniert der Streit um die skandalöse Präsentation von DDR-Kunst in der Bilderschau "Aufstieg und Fall der Moderne". Selbst die Uraufführung von Maurice Béjarts Tanzstück "Che, Quijote y bandoneon" geriet gestern in Weimar zum marginalen Ereignis. In der europäischen Kulturstadt raucht der Volkszorn: Wir lassen uns die Wurst nicht vom Brötchen nehmen! protestieren erbitterte Bürger. Und: Wenn die Wurst nicht bleibt, gehen wir für sie auf die Straße.In Weimar ist der Kampf um die Thüringer Bratwurst entbrannt. Gehört das Nationalprodukt zum klassischen Kulturprogramm? Der Kulturstadt-Chef Bernd Kauffmann will den dampfenden Rost von den Spielstätten fernhalten. Daß es dort zu den jährlichen Kunstfesten seit 1994 noch nie Bratwurst, sondern bestenfalls belegte Schnittchen gegeben hat, war bislang niemandem aufgestoßen. Nun wird es plötzlich von den Weimarern als Affront gegen die einheimische Identität empfunden. Bleiben im Kulturstadtjahr die Grundbedürfnisse des Thüringers ungestillt? Hatte Bernd Kauffmann nicht unlängst verkündet, er wolle kein Bratwurst-Festival, sondern europäische Kunst? Der Schöngeist tritt die Flucht nach vorn an. In einer "Erklärung der Kulturstadt GmbH zum Bratwurst-Krieg" läßt Kauffmann jetzt verlauten: "Es wird der Annahme widersprochen, der Thüringer verwandle sich schon nach wenigen Minuten Bratwurst-Entzug auf ausgegrenzten Gebieten in ein schrumpliges Trockenbrötchen." Keinesfalls wolle man die Bratwurst aus der Stadt verbannen, aber "im Zeitalter der Globalisierung und zunehmender internationaler Einflüsse", heißt es weiter, könne "die kontinuierliche Versorgung mit der gekrümmten Wurst (ursprünglich als Ersatz zur dort nicht ausreichend vorkommenden Kuba-Banane geschaffen) nicht mehr mit absoluter Sicherheit gewährleistet werden".Wie sieht man die kulturelle Versorgungslage europaweit? Die Frage "Wieviel Bratwurst braucht der Mensch?" war offenbar kein Thema für die bis Mittwoch tagenden Kulturminister der 15 EU-Staaten. Die von Michael Naumann zu einem informellen Treffen nach Weimar eingeladenen berieten über Möglichkeiten eines Engagements der Europäischen Gemeinschaft nach dem Ende des Kosovo-Kriegs. Für das Kulturförderprogramm 2000 einigten sie sich auf die Summe von 167 Millionen Euro. Heute will der BUND auf dem Weimarer Marktplatz mit einer Riesen-Sau für ökologische Tierhaltung werben. Wären die Minister noch geblieben, sie hätten lernen können, wie man sich weltweit verwurstet.