BERLIN. Es war der 22. November 2005, als Yvonne Koch erfuhr, dass sich ihr Leben drastisch ändern würde. Den ganzen Tag schon hatte sie ein mieses Gefühl gehabt und auf den Anruf gewartet, der dann am Nachmittag kam. Der Betriebsrat informierte darüber, dass die Firmenleitung von Case New Holland (CNH) das Baumaschinenwerk Orenstein & Koppel in Berlin-Spandau schließen und nach Italien verlagern wolle. 500 Menschen sollten ihre Arbeit verlieren, darunter die heute 29-jährige Yvonne Koch.Sie hatte in dem Unternehmen Energieelektroniker gelernt und danach im Bereich Garantie und im Kundendienst gearbeitet. Zwölf Jahre waren das, eine Zeit die ausreichte, um so etwas wie ein Heimatgefühl herzustellen. Damit sollte es nun zu Ende sein.Yvonne Koch sitzt heute in ihrer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Spandau und hat viel Zeit. Vor dem Fenster führt die Bahnlinie vorbei, und wenn kein Zug kommt, ist es still in der Wohnung. Sie sitzt auf der großen, geblümten Couch, im Nachbarzimmer kratzt ihr Hund an der Tür, und in einer Vitrine liegen Dinge, die zugleich Reste und Erinnerungen an die Zeit in ihrer Firma sind. Zwölf Jahre wollte sie nicht einfach streichen oder wegwerfen, sondern gut sichtbar aufbewahren.Sie holt das Modell eines Baggers heraus, auf dem "O & K" steht, die Abkürzung für Orenstein & Koppel. An solchen Geräten hat sie früher die elektrischen Verdrahtungen geprüft. Das Modell ist ihr mal für gute Leistungen überreicht worden. Was nun unter CNH firmiert, hatte Jahrzehnte lang Orenstein & Koppel geheißen und war ein über hundert Jahre altes Berliner Traditionsunternehmen. Frau Koch hat andere Baumaschinenmodelle mit der "O & K"- Aufschrift, sie hat solche Aschenbecher, Kugelschreiber und Mützen. An der Tür hängt das rote Streik-T-Shirt mit vielen Unterschriften ihrer Kollegen. 107 Tage lang, vom 21. Februar bis zum 7. Juni 2006, hatte die Belegschaft vor den Firmentoren gestanden, um die Produktion in Berlin zu retten. Es war der längste Streik in der deutschen Metallindustrie, ihre Jobs haben die meisten Mitarbeiter doch verloren.Yvonne Kochs letzter Arbeitstag war der 30. November. Sie bekam eine Abfindung, wurde in einer so- genannten Transfergesellschaft aufgefangen und erhält dort für ein Jahr 85 Prozent ihres letzten Nettolohnes. Netto hatte sie zuletzt etwa 1 300 Euro verdient. "Ich habe noch ein kleines Zeitpolster bis zur richtigen Arbeitslosigkeit", sagt sie. "Aber so ein Jahr vergeht sehr schnell, und was dann wird, weiß ich jetzt auch noch nicht."Sie versucht, sich vorzubereiten. Frau Koch hat ein Bewerbungstraining hinter sich, einen Computerlehrgang, und demnächst fängt sie ihren zweiten Englischkurs an. Sie hat fünfzehn Bewerbungen geschrieben und ist nirgendwo genommen worden. Mittlerweile ist sie schon dankbar, wenn sie eine schriftliche Ablehnung erhält. Meistens kommt nicht einmal die. Yvonne Koch hasst es, an einem Tag zum Briefkasten zu gehen und am nächsten wieder und weder an dem einen noch an dem anderen Tag eine Antwort auf ihre Bewerbung zu finden. Sie fühlt dann, dass sie nichts weiter zu sein scheint als ein Stück Arbeitskraft, das manchmal gebraucht wird und oft halt nicht.So hatte sie sich das nicht gedacht, als sie ihre Lehre in der Firma begann, die damals noch Orenstein & Koppel hieß. Sie würde dort arbeiten, wie es Generationen vor ihr gemacht hatten, hatte Yvonne Koch gedacht. Sie kennt viele Kollegen, deren Väter, Onkel oder Großväter ebenfalls in dem Unternehmen ihr Arbeitsleben verbracht hatten.Die Globalisierung aber stoppte auch vor den Werkstoren in Spandau nicht. 1998 kaufte eine Firma namens New Holland die Firma. Das war eine Tochter des italienischen Fiat-Konzerns. Drei Jahre später übernahm New Holland die amerikanische Firma Case und nannte sich danach Case New Holland. Ein paar Jahre später verschwand nach dem Willen der neuen Besitzer, die ihre Zentrale in Lake Forest im US-Bundesstaat Illinois haben, der Markenname Orenstein & Koppel. Schließlich verschwand ein Großteil der Produktion nach Italien, und Yvonne Koch wurde nicht mehr gebraucht.Zwei Drittel von etwa 500 Beschäftigten haben ihre Arbeit verloren, 156 Mitarbeiter sind übrig geblieben. Durch den Streik wurde erreicht, dass die Planiermaschinenproduktion bis mindestens Ende Dezember 2008 in Spandau bleibt. Sie arbeiten außerdem in der Konstruktion, beim Vertrieb und in der technischen Erprobung.Für Yvonne Koch sind die Tage jetzt lang, die Zeit vergeht nicht. Morgens wacht sie manchmal sehr früh auf und sagt zu sich selbst, dass sie jetzt zur Arbeit gehen will. "Trotz Weiterbildung, ich habe nicht soviel zu tun", sagt sie. "Und ich kann nicht mal einschätzen, welche Chancen ich auf dem Arbeitsmarkt habe." Manchmal fürchtet sie, dass es nicht viele sind. Sie würde gern wieder als Sachbearbeiterin arbeiten, hat aber nie eine kaufmännische Lehre absolviert. Frau Koch versucht gerade, solch eine Ausbildung von ihrer Abfindung selbst zu finanzieren. Das würde sie 3 000 Euro kosten.Es wäre ein Ziel; etwas, woran sie sich festhalten könnte. Sie hat Zukunftsangst und weiß, dass auch ihr Hartz IV droht. Das wäre für sie das Schlimmste. Yvonne Kochs Gedanken kreisen immer nur um einen Punkt: Sie muss unbedingt wieder Arbeit finden.------------------------------Foto: Yvonne Koppel, 29, mit dem Modell eines Baggers