BERLIN, 9. März. Als er vom Hintereingang in den Saal der Konrad-Adenauer-Stiftung schreitet, blitzen die Augen des Altbundeskanzlers auf, und ein kurzes Lächeln huscht über sein Gesicht. Diese Szenerie behagt ihm sichtlich: In der Aula, in die der CDU-Abgeordnete Helmut Kohl zur Pressekonferenz gerufen hat, ringen ungefähr drei Dutzend Kameraleute und rund 200 andere Journalisten um ein freies Plätzchen. Sein Marktwert in der Öffentlichkeit zumindest, so stellt Kohl beim Blick in dieses Gedränge befriedigt fest, hat keinen Schaden genommen.Dann gibt der Altbundeskanzler eine andere, zählbare Kostprobe seines Marktwertes. 5,9 Millionen Mark an Spenden an die CDU haben Freunde und Bewunderer seines politischen Lebens zusammengetragen, 700 000 hat er selbst gegeben. Die Spender, berichtet Kohl, "kommen aus allen Schichten der Bevölkerung". Die restlichen 400 000 Mark werde er auch noch aufbringen. Damit habe er den finanziellen Schaden, den er der CDU wegen illegal angenommener Spenden von 1993 bis 1998 persönlich zugefügt habe, wieder ausgeglichen. "Ich bin heute in der glücklichen Lage zu sagen: Der Betrag wird aufgebracht", sagt der Mann, der die CDU 25 Jahre geprägt und dann in ihre tiefste Krise gestürzt hat, mit stolzer Stimme.Schweigen über frühere Spender Helmut Kohl das ist die unausgesprochene Botschaft zeigt allen Kritikern, was ein Ehrenmann ist: knorrig und unbeugsam, wie alte deutsche Eiche eben. Sicher, sein jahrelanges illegales Finanzgebaren war ein "Fehler", sagt Kohl. Dafür steht er gerade. Er weiß, dass er die Krise der Partei noch verschlimmert hat, weil er sich weigert, die Namen der Spender zu nennen. Daran lässt sich freilich nichts ändern. Über die Namen derjenigen, die ihm die 2,1 Millionen Mark gegeben haben, wird er weiter schweigen. Er habe seine Gründe, wiederholt Kohl, obwohl er wisse, "dass diese Position von vielen nicht verstanden wird".Als die Journalisten auf diesem Punkt beharren, wird der Ex-Kanzler laut und patzig. "Ich habe meinen Amtseid geschworen und eingehalten", ruft er ins Auditorium. Die Frage der Spenden habe mit seinem Amtseid überhaupt nichts zu tun. Dann erzählt er aus der Zeit der deutschen Einheit, in der er dafür gesorgt habe, dass alle Deutschen eine freie Verfassung erhielten. Nein, beharrt Kohl, der "Kanzler der Einheit": "Ich habe keinen Nachholbedarf in Sachen Verfassung. " Stück für Stück entblättert Kohl sein Selbstbild. Es ist das Bild von einem starken Mann, der sich seiner Kraft gewiss ist und ihr vertraut, weil sie ihn nie im Stich gelassen hat. Mit dieser Kraft hat er, Helmut Kohl, sogar Deutschland vereinigt. Auch mit seinen fast 70 Jahren lässt er sich von keinem Sturm der Öffentlichkeit brechen. Selbst vor seiner Partei, für die er alles getan hat, zieht ein Mann wie Kohl nicht zu Kreuze, niemals. Eher wirft er ihr das Amt des Ehrenvorsitzenden hin. Er und käuflich? Wegen dieser paar illegalen Spenden? An dieser Unterstellung widert den Altbundeskanzler vor allem die Niveaulosigkeit an, die ihm, dem Mann von Prinzipien, damit unterstellt wird: "Es ist völlig abwegig, dass man die Politik der Bundesregierung mit 2,1 Millionen Mark in sechs Jahren kaufen könnte", ruft er und setzt hinzu: "Jedenfalls nicht bei Helmut Kohl. " Irgendwann, in der Einsamkeit seines Berliner Abgeordnetenbüros, ist dieser Helmut Kohl aber doch ins Nachdenken verfallen. Was nutzt es dem größten Staatenlenker, dass er sich im Recht wähnt, wenn plötzlich das Telefon stillsteht und niemand mehr Notiz von einem nehmen will? Ein Leben ohne Freunde und Heimat zwei zentrale Begriffe im Denken des Helmut Kohl wollte er dann doch nicht führen.Memoiren angekündigt So nähert er sich jetzt der CDU, seiner politischen Heimat, wieder in scheinbarer Demut. Ein bisschen Wärme von seiner Partei erbittet er, mal sehen, was daraus wird: "Natürlich hat das seinen Grund", sagt Kohl, "dass die CDU-Mitglieder schon jetzt, vier Wochen vor dem Parteitag", von seiner Spendenaktion erfahren.Die wichtigste Nachricht für die CDU hat nicht mit der Spendenaffäre zu tun. Es ist das Bekenntnis Kohls, dass er der künftigen CDU-Führung nicht mehr in die Politik hineinfunken will. Hat der Altkanzler womöglich eingesehen, wie sehr er seinen Nachfolger Wolfgang Schäuble und Generalsekretärin Angela Merkel gegen sich aufgebracht hatte, weil er nicht aufhören wollte, selbst die Fäden zu ziehen? Dass dieses Verhalten auch die Unerbittlichkeit erklärt, mit der Merkel den Bruch mit Kohl verlangte?Der alte Patriarch gibt sich bußfertig. Er will jetzt, anders als geplant, seine Memoiren schreiben. Gegen die designierte Vorsitzende Angela Merkel, die er vor Wochen im kleinen Kreis noch als undankbares "Mädchen" beschimpfte, hat er nichts mehr einzuwenden. Die CDU, sagt Kohl, müsse jetzt die neue Führung unterstützen: "Was ich auch tun werde. " BERLINER ZEITUNG/NICOLE MASKUS "Ich habe keinen Nachholbedarf in Sachen Verfassung. "IM WORTLAUT "Ich bin lediglich als Bote tätig" // 6,3 Millionen Mark will Helmut Kohl seiner Partei in Kürze zukommen lassen. Das kündigte er am Donnerstag an. Seine Erklärung im Wortlaut."Nach dem von den Wirtschaftsprüfern Ernst&Young erstellten Bericht ist der CDU durch die Sammlung undeklarierter Spenden in Höhe von 2,1 Millionen Mark durch mich in den Jahren 1993 bis 1998 eine Zahlungsverpflichtung möglicherweise in Höhe von 6,3 Millionen Mark entstanden. Diese undeklarierten Spenden wurden von mir in voller Höhe und ausschließlich für die Arbeit der CDU eingesetzt.Nach Paragraf 23 a Abs. eins Satz zwei des Parteiengesetzes hätten diese Spenden an das Präsidium des Deutschen Bundestages unverzüglich weitergeleitet werden müssen; außerdem verliert die CDU gemäß Paragraf 23 a Abs. eins Satz 1 Parteiengesetz den Anspruch auf staatliche Mittel in doppelter Höhe.Ich habe meinen Fehler öffentlich eingestanden und bedauert. Ich habe dafür die politische Verantwortung übernommen. Ich will mithelfen, die durch mein Fehlverhalten entstehenden finanziellen Belastungen für die CDU auszugleichen. Ich werde bei diesem Vorhaben von namhaften Persönlichkeiten finanziell unterstützt. Es sind dies deutsche Staatsbürger oder Bürger der EU, die ihre Spenden aus ihrem versteuerten Einkommen tätigen. Dieser Beitrag ist steuerlich nicht absetzbar. Meine Frau und ich werden dabei einen uns möglichen eigenen finanziellen Beitrag leisten.Diese Spenden werden auf einem Anderkonto des Rechtsanwalts Dr. Holthoff-Pförtner gesammelt, das bei der Commerzbank AG Essen, BLZ 360 400 39, Konto-Nr. 121 61 75, für diesen Zweck eingerichtet wur-de. Ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich lediglich als Bote der Spender gegenüber der CDU tätig war beziehungsweise sein werde. Sobald der vorbe-zeichnete Betrag in Höhe von 6,3 Millionen Mark eingegangen ist, erfolgt eine Weiterleitung an die CDU zu Händen ihres Bundesschatzmeisters, die die eingehenden Gelder dann zum Ausgleich der oben genannten Zahlungsverpflichtung beim Präsidenten des Deutschen Bundestages verwendet.Es ist ausdrücklicher Wunsch der Spender, durch diese Initiative auch mein politisches Wirken zu würdigen. " DIE NEUEN SPENDER // Erhard Bödecker, 21 000 Mark; Prof. Ernst Cramer, Vorstand Axel Springer Stiftung 100 000 Mark; Michael Düren, 10 000 Mark; Felicitas Egerland, Geschäftsführerin des Fuhrunternehmens, 10 000 Mark; Hans Wolfgang Fein, Elektrowerkzeughersteller 20 000 Mark; Uschi Glas, Schauspielerin, 10 000 Mark; Dr. Helmut Guthardt, ehemaliger Manager DG-Bank, Aufsichtsrat der Kirch-Gruppe, 200 000 Mark; Michael Holm, Schlagersänger 5 000 Mark; Karl-Heinz Jureit, Kaufmann und Kunsthändler, 10 000 Mark; Erich Kellerhals, Gesellschafter Media Markt 100 000; Mark Helga Kellerhals, Gesellschafterin Media Markt 100 000 Mark; Dieter F. Kindermann, Versicherungsmakler 50 000 Mark; Volker Klaucke, Olsberg 50 000 Mark; Hannelore und Helmut Kohl, 700 000 Mark; Jürgen Lang, 10 000 Mark; Prof. Dr. Hans Joachim Langmann, Darmstadt, früher BDI-Präsident und Chef des Pharmaunternehmens Merck, laut "Forbes einer der reichsten Deutschen mit 4,5 Milliarden, Mark, 200 000 Mark; Heiner Lauterbach, Schauspieler 10 000 Mark; Hans Müller, Großbäcker, 100 000 Mark; Dr. Jens Odewald, Tschibo-Aufsichts-ratschef, Ex-Kaufhofvorstandschef und von 1990 bis 93 im Treuhand-Verwaltungsrat, 325 000 Mark; Dr.Jutta Odewald, Berlin 325 000 Mark; Knut Reim, Verleger, 10 000 Mark; Lydia und Franz Josef Schmitt, Ex-RWE-Vorstandsmitglied, 25 000 Mark; George Lord Weidenfeld, London, britischer Verleger 30 000 Mark; Alfred Wetzel, Abtsteinach 10 000 Mark; Michael Wirtz, Stolberg Präsident IHK Aachen, Pharmaunternehmer 250 000 Mark; Willi Schalk, Düsseldorf, Geschäftsführer McCann-Erickson-Agentur 300 000 Mark; Helmut Maucher, Industriemanager, früher Präsident des Nestlé-Verwaltungsrats 500 000 Mark; Erich Schumann, Essen, Geschäftsführender Gesellschafter Verlagsgruppe WAZ 800 000 Mark; Dr. Leo Kirch, Ismaning, Medienunternehmer 1 000 000 Mark; Artur Brauner, Filmproduzent, 50 000 Mark; Karl Scheufele, Uhrenfabrikant ("Chopard") 500 000 Mark; Dieter Thomas Heck TV-Moderator, 10 000 Mark.