Buchstabenwürfel wechseln mit einem Handstreich von "Alco" nach "Cola", verknotete Seidentücher entwirren sich auf magische Weise, Tauben entschlüpfen der Tageszeitung: banale Tricks, alles schon mal gesehen. Was sie zu einem kleinen Kunstwerk macht, ist der Zaubermeister selbst. Igor Jedlin - im Smoking. Seine hellbraunen Kräuselhaare schimmern rötlich, in den Augen nistet fröhliche Traurigkeit.Auf den wenigen Quadratmetern seines Zaubertheaters an der Roscherstraße präsentiert er vor maximal 93 Zuschauern seine Kunst. Instrumentalmusik im Stile der Traumschiffmelodien begleitet den Auftritt der Ein-Mann-Show. Auf der Bühne nimmt er sich nicht wichtig und spielt doch die Hauptrolle in seinem eigenen Stück: Er verzaubert für einen Augenblick und entführt Menschen für Momente in eine andere Dimension. "Man kann heute kaum noch verblüffen. Es kommt allein auf das wie an, nicht das was." Das ist Jedlins Erfolgsrezept, das Kinder und Erwachsene gleichermaßen begeistert.Mit vier Jahren entdeckte Jedlin in einem Wanderzirkus seine Leidenschaft für alles Magische. Dort sah er zum ersten Mal Menschen mit einer Glasröhre im Bauch, Zwerge mit zwei Zungen und Hörnern. Wieder zu Hause startete er die ersten Jonglierversuche mit zwei Kieselsteinen, balancierte Teller auf Stöcken, bis die Mutter energisch gegen den größer werdenden Scherbenhaufen protestierte."Eigentlich sollte ich Ingenieur werden oder Arzt", so wollte es der Vater. An der "Akademie für Zirkuskunst" hat Jedlin dann doch sein Zauberhandwerk gelernt. Auslandsreisen mit dem Moskauer Staatszirkus, dem er 13 Jahre verbunden war, führten ihn in den Westen, von dem er sagt: "Einmal kennengelernt, ist er wie eine Droge." 1978 bleibt er in Berlin. In der neuen Heimat beginnt die Suche nach einer neuen Identität.Jedlin ist Meister des schnellen Sprechens: Er plaudert über seine Zigarettenentwöhnung, leitet nahtlos über zum Erfinder der Herzklappe, zur Fingerfertigkeit, die Zauberer und Chirurgen verbindet, und landet bei den Krampfadern, die am besten erst entfernt werden, wenn das Rauchen aufgegeben wurde.Vor fünf Jahren ist er in sein eigenes Theater, eine ehemalige Autowerkstatt, gezogen - zusammen mit den beiden Tauben Nina und Sascha. "Das sind meine Kollegen, die wohnen bei mir in der Garderobe." Besonders aber strahlt er, wenn das Gespräch auf seine Frau kommt. Auf einer großen Schiffsgala haben sie sich kennengelernt, seither arbeiten und leben sie zusammen. Brigitte Jedlin organisiert die Vorstellungen, schenkt an der hauseigenen Bar den Igor-Jedlin-Sekt aus, tüftelt an den Programmen mit. Jedlin würde sie nie zu freundlich-lächelndem Beiwerk seiner Show degradieren. Es sei in seiner Berufssparte ein Bild entstanden, wo Frauen zersägt werden müssen. "Ich finde das dumm."Wer Jedlin, dem Kavalier alter Schule, zusieht und zuhört, merkt, was das Wort Wärme bedeuten kann. Und aller Magie zum Trotz sagt er schließlich: "Ich glaube nur das, was ich sehe." +++