Manchmal geht es den Fernsehmachern wie den Zuschauern. "Ich kann die Parteizentralen mit den wehenden Fahnen schon nicht mehr sehen", sagt Peter Ellgaard, der bisherige Studioleiter des ZDF in Bonn. So brisant die Nachrichten aus Parlament und Regierung in den vergangenen Jahren auch gewesen sein mögen, die Bilder aus Bonn sind es schon lange nicht mehr: An- und abfahrende Limousinen, wartende Journalisten, die Henry-Moore-Plastik im Kanzlergarten und als Krönung die Fassaden von "Baracke" und "Adenauerhaus". "Bonn ist abgefilmt", resümiert Ellgaard.Da kommt der Umzug nach Berlin gerade recht. An Sonntag wird das ZDF sein Politmagazin "Bonn direkt", das in "Berlin direkt" umbenannt wurde, zum ersten Mal aus der Hauptstadt senden. Zwei Tage vorher, am Freitag, ersetzt die ARD ihren "Bericht aus Bonn" durch den "Bericht aus Berlin". Die Kameramänner sind endlich wieder herausgefordert, neue Blickwinkel und günstige Standorte finden. Auch Peter Ellgaard, der in diesen Tagen seinen Posten als Studioleiter des ZDF in Berlin angetreten hat, macht sich Gedanken. "Limousinen am Kanzleramt wird es nicht mehr geben. Die Zufahrt ist doch unterirdisch." Vielleicht werde der Reporter vor dem Zaun der Schröder-Amtsstuben sein Statement abliefern, einen "Aufsteller machen", wie es in der Fernsehsprache heißt. Auf jeden Fall sei Berlin "optisch hundertmal reizvoller als Bonn".Die ARD ist näher dranNoch aber ist das Kanzleramt nicht fertig, so daß dem Studioleiter Zeit bleibt, andere Probleme zu lösen. Das ZDF-Hauptstadtstudio liegt im Zollernhof Unter den Linden, dort, wo zu DDR-Zeiten der Zentralrat der FDJ residierte. Bis zum Reichstag sind es rund tausend Meter, die ein Journalist gerade noch laufen kann, ein Kameramann mit seiner schweren Technik aber nicht. "Vielleicht richten wir einen Shuttledienst ein", überlegt Ellgaard und verweist auf den Vorteil der ARD, die ihr Studio an der Wilhelmstraße gegenüber vom Reichstag gebaut hat und Transportprobleme nicht kennt.Peter Ellgaard hat sich von den Politikern und Kontaktleuten in Bonn schon verabschiedet. Man sieht sich in Berlin, heißt es. Von den 17 Mitarbeitern des Bonner ZDF-Studios kommen 14 mit in die Hauptstadt. "Das ist unser Pfund", sagt Ellgaard, wobei er nicht ganz sicher ist, "ob sich die Bonner Szene von Politikern und Journalisten eins zu eins nach Berlin übertragen läßt." Es könne sein, daß einige alte Verbindungen vorübergehend abreißen, allein deshalb, weil auch die Regierungsmannschaft und der Abgeordnetentroß sich neu organisieren müssen. Grundsätzlich werde sich an der "engen Verzahnung" von Politik und Medien nichts ändern, glaubt Ellgaard; die Gesprächsgrüppchen, die sich in Bonner Hinterstuben versammelt haben, werden sich auch in Berlin formieren. "Die werden sich neue Kneipen suchen, und dann geht es weiter."Die Kneipentreffen finden überwiegend ohne Peter Ellgaard statt "ich bin Sportler". Der 58jährige hält sich mit Radfahren und Laufen fit. 1990 hat er beim ersten Berlin-Marathon durch das Brandenburger Tor teilgenommen und 3 Stunden 40 Minuten benötigt, eine Zeit, mit der er, ganz Sportsmann, "nicht sehr zufrieden" ist. Heute fährt er von seiner Wohnung in Zehlendorf mit dem Fahrrad ins Büro, 15 Kilometer entlang der Avus über die Heerstraße nach Mitte.Im Gegensatz zu vielen anderen aus Bonn hat Peter Ellgaard in Berlin keine Orientierungsschwierigkeiten. Er wurde in Nikolassee geboren, hat an der Freien Universität studiert und nebenbei in einer Bar in der Uhlandstraße gejobt, bevor er im August 1965 als erster Volontär des ZDF beim Mainzer Sender anfing. Mit der Rückkehr nach Berlin "schließt sich für mich der Kreis", wie Ellgaard nüchtern feststellt. Als Berliner fehlt ihm jenes Hauptstadt-Pathos, das die Zugereisten in diesen Monaten so gern befällt.Weil das Studio Unter den Linden erst Ende des Jahres fertig sein wird, müssen die ZDF-Mitarbeiter mit Provisorien leben. Ihre Büros haben Peter Ellgaard und sein Stellvertreter Peter Hahne in der Dorotheenstraße/Ecke Schadowstraße bezogen, dort, wo früher das DDR-Studio des Senders untergebracht war. Zur Produktion der Sendung "Berlin direkt", die sich inhaltlich nicht wesentlich von "Bonn direkt" unterscheiden wird, fahren Ellgaard und Hahne zur ZDF-Vertretung in die Oberlandstraße, wo im Studio des Frühstücksfernsehens eine Ecke für den Moderator des Politmagazins freigeräumt wird. Nach der Eröffnung des Reichstages am kommenden Montag wird in Berlin zunächst wieder Ruhe einkehren. Bis zum Sommer finden hier keine Parlamentssitzungen mehr statt, weswegen auch die Redakteure von "Berlin direkt" zwischen Bonn und Berlin pendeln müssen. Der frühe Sendestart in Berlin hat mit dem Konkurrenzgebaren zwischen ARD und ZDF zu tun. Ursprünglich wollte die ARD am 22. Mai, dem Tag vor der Wahl des Bundespräsidenten, aus Berlin senden. Aus Prestigegründen verlegte das ZDF den Start auf 18. April vor. Das wiederum rief die ARD auf den Plan, die nicht zulassen konnte, daß sich das Zweite vor dem Ersten aus der Hauptstadt präsentiert und nun am 16. April startet. Peter Ellgaard hat für diesen Wettlauf nur das Prädikat "albern" übrig und freut sich unbeeindruckt von den Aufgeregtheiten auf seine Arbeit. "Ich habe einen Traumjob, für den Tausende Journalisten ihre Oma eintauschen würden", findet er. In Bonn dagegen werden die Traumjobs langsam rar.