Seit einer Stunde wird die Straße immer schlechter. Dann ist es nur noch ein Feldweg, eine Sandspur, die nach Bradca führt. Das Dorf liegt in einer Senke, umgeben von den Ausläufern der Vorkarpaten. Ganz am Ende des Ortes führt ein Pfad zu einem Zaun. Dort steht, hinter hohen Bäumen versteckt, das Kinderheim. Es ist ein sonniger Herbstvormittag. Die knorrigen Eichen und Buchen haben bunte Blätter bekommen. Im Park hinter dem einstöckigen Haus grasen Pferde. Die Luft ist kalt und klar. In dem Raum, in dem Isabella mit etwa 50 anderen Kindern zusammengepfercht ist, riecht es nach Urin, Schweiß und Kot. Die Kinder brüllen, weinen, lachen und stöhnen. Drei ältere Jungen laufen immerzu von einer Ecke des Raums zur anderen. Sie werfen sich gegen die Wand, schlagen um sich.Isabella sitzt mit verschränkten Beinen auf dem kalten Betonboden. Ihre Augen sind stumpf und leer. Ihr dürrer Oberkörper wippt mechanisch vor und zurück. Immer im selben Rhythmus. Erst nach Stunden hält sie inne, erwacht kurz aus der Versenkung. Dabei verzieht sich ihr Gesicht, so als bereite ihr der Kontakt mit der Welt einen furchtbaren Schmerz. Sie atmet tief ein und stößt einen Schrei aus. Laut und traurig. Einen Moment lang irren ihre großen, dunklen Augen umher, suchen nach einer Reaktion. Aber nichts passiert. Sie reckt ihre Arme empor und verfällt in ein leises Jammern. Erst als sie beginnt, mit den Fingernägeln ihre verkrusteten Wunden an den Armen und Beinen aufzukratzen, kommt eine Pflegerin zu ihr gelaufen. Sie bindet Isabella mit einem Tuch die Hände auf den Rücken und eilt dann zu einem anderen Kind.Vier Bäuerinnen, die seit einem Jahr als Pflegekräfte in Bradca arbeiten, sind zur Beaufsichtigung eingeteilt. Hilflos versuchen sie, die aufgestachelten Kinder zu beruhigen. Die Stimmung ist aggressiv und gespannt. Dicht gedrängt müssen die Kinder hier ausharren, von morgens bis abends. Warum gehen sie nicht in den Park? "Das Wetter ist so wechselhaft", erklärt eine der Pflegerinnen.Isabella ist zwölf Jahre alt. Sie hat den Körper einer Sechsjährigen und den Geist eines Säuglings. Von ihrer Mutter wurde sie kurz nach der Geburt verlassen. Ein Feuerwehrmann fand sie im März 1987 auf einem Gehsteig in dem Örtchen Baijush. Isabella kam in ein Kinderheim in der Bezirkshauptstadt Oradea, nahe der ungarischen Grenze. Als sie drei Jahre alt wurde, stellte eine Ärzte-Kommission "Auffälligkeiten im Verhalten" fest. Es wurde empfohlen, sie "in eine Einrichtung mit therapeutischer Betreuung" zu überstellen. So kam sie 1993 nach Bradca, wo es noch nie einen Therapeuten hin verschlagen hat. Hier verlernte sie zuerst das Sprechen und versank mit der Zeit in Apathie. Sie verweigerte die Nahrung, magerte ab, konnte irgendwann nicht mehr laufen. In ihrer Bewegung gehemmt, wurde sie aggressiv gegen sich selbst, fing an, sich zu beißen und zu schlagen."Weil sich niemand um sie gekümmert hat, ist aus einem völlig gesunden Mädchen ein schwerbehinderter Mensch geworden", sagt Astrid Maday von der evangelischen Stiftung Alsterdorf. Die Hamburger Sozialpädagogin arbeitet seit fünf Jahren mit Heimkindern in Rumänien. "Heime wie Bradca sind hier leider der Normalfall", sagt sie. Für Entwicklungen wie die von Isabella haben Psychologen einen eigenen Begriff gefunden: "Behinderung durch die Verhältnisse". Astrid Maday schätzt, dass von den 75 Kindern, die in Bradca leben, "die meisten an den schlechten Bedingungen verkümmert sind". Nur ganz wenige sind von Geburt an behindert. "In Hamburg könnte man die alle wieder zurückholen", sagt sie traurig. In Bradca geht es hingegen nur noch darum, die von Haut- und Darmkrankheiten geplagten Kinder am Leben zu halten. Denn trotz Unterstützung aus dem Ausland ist die Situation katastrophal.Die Heizung wird aus Kostengründen nur selten eingeschaltet. Durch kaputte Scheiben zieht kalte Luft in die Zimmer. Die grünen Bundeswehrschlafsäcke, die auf den Betten liegen, sind von Urin durchnässt. Essen gibt es nur unregelmäßig. Manchmal gar nicht. Einige Kinder verlassen ihre Betten nie, werden wund und gehen langsam zu Grunde. Die 14-jährige Dana liegt so seit Monaten in ihrem Schlafsack vergraben. Sie will nichts mehr sehen, nichts mehr essen. "Ich weiß auch nicht, was ich tun soll", sagt eine alte Pflegerin, die manchmal nach ihr sieht und Lieder für sie summt. Das Mädchen tut ihr Leid. "Oft habe ich Angst vor ihr", sagt sie.Dana ist im selben Alter wie André, der nur zwei Kilometer von Bradca entfernt in den Bergen auf einem Bauernhof lebt. Die Mittagszeit hat begonnen, und André füttert zusammen mit seinem Freund Attila die Schweine. In großen Gummistiefeln staksen die beiden durch den Stall, schleppen eimerweise Futter heran und füllen es in die Koben. Nach der Fütterung machen sie sich einen Spaß daraus, einer Sau die Hinterbeine festzuhalten. Als das Tier losquickt, schütteln sie sich vor Lachen. Dann werden sie zum Essen gerufen. Seit drei Jahren leben André und Attila jetzt auf dem Hof, zusammen mit vier anderen Jugendlichen und drei Betreuern, "den Eltern", wie André stolz sagt. Ihre Kindheit haben sie alle im Heim von Bradca verbracht. 1996 richtete die englische Hilfsorganisation "White Cross" drei Bauernhöfe in der Umgebung her und holte 18 Kinder aus dem Heim heraus. "Als die hier ankamen, waren sie schwer traumatisiert, abgemagert, und hatten motorische Störungen", erinnert sich Roger Heimer, ein Helfer von "White Cross".Der kleine André bereitete den Betreuern damals die meisten Sorgen: "Er war völlig weggetreten, schien von seiner Umwelt kaum etwas wahrzunehmen." Ganz langsam gelang es den Betreuern, an ihn heranzukommen, ihn zu öffnen. Heute spricht André neben rumänisch sogar ein paar Brocken englisch, geht in die Schule und bettelt derzeit täglich darum, zu Weihnachten neue Turnschuhe zu bekommen. Solche Erfolgsgeschichten sind selten in Rumänien. Kaum ein Heimkind hat wie André das Glück, von liebevollen Menschen betreut zu werden. Geschulte Leute "kommen nicht in diese abgelegene Gegend", sagt Dr. Negulescu, der als Chef des 20 Kilometer entfernten Krankenhauses von Aleshd auch für das Heim in Bradca verantwortlich ist. Mit einem Bademantel bekleidet schlurft der übergewichtige Frauenarzt durch die Gänge seiner Klinik. Eine Alkoholfahne begleitet ihn. "Ich kann kaum etwas für die Kinder tun", klagt er. Von der Gemeindeverwaltung müsste er für jedes Kind 7 000 Lei pro Tag bekommen. Das sind 80 Pfennig. Gerade genug für eine Brotration. Aber selbst dieses Geld wird nicht immer gezahlt. "Unser Budget ist seit Mai aufgebraucht. Ohne die Spenden wären wir verloren", sagt Negulescu.Bradca ist eines der bestversorgten Heime in Rumänien. Das Gebäude, in dem die Kinder heute frieren, wurde erst 1993 von der Hilfsorganisation "Terre des Hommes Holland" für viel Geld gebaut. Auf den ersten Blick wirkt das hellgestrichene Haus auch wie ein kleines Paradies: In der Mitte des Foyers prangt ein Atrium aus Glas, in dem ein Wintergarten angelegt wurde. Die Wände der Zimmer sind mit bunten Figuren bemalt. Grosse Flügeltüren führen in den Garten.Aber auch in den vom Westen bezahlten Mauern hat sich das Leid Rumäniens eingerichtet. Das ohnehin schlampig gebaute Haus ist in wenigen Jahren stark heruntergekommen. Die Wände sind feucht, der Fußboden schimmelt. Badezimmer wurden nur auf dem Papier gebaut. "Terre des Hommes" hat sich vor drei Jahren aus Rumänien verabschiedet. Astrid Maday erinnert sich, "dass die Holländer deprimiert waren, nachdem sie die Heizungsanlage zweimal bezahlt hatten und immer noch nicht geliefert wurde".Auch andere Hilfsorganisationen haben viel Geld nach Bradca gegeben. Zweimal im Jahr kommen zudem Transporte mit Kleidung und Möbeln aus Deutschland. Nur die Kinder spüren von dieser Hilfe kaum etwas. Das Geld verschwindet, die Kleidung kommt nicht an oder vermodert in feuchten Lagerräumen. Immer wieder erzählt man uns in Bradca vom florierenden Handel mit den Spendengütern. Ein Teil des Personals und auch Klinikleiter Negulescu sollen hier aktiv sein. Beweise oder Untersuchungen gibt es freilich nicht. Berichtet wird auch, dass die Mutter von Dr. Negulescu, eine Großbäuerin, zur Erntezeit Pflegerinnen aus dem Heim abzieht. Wer nicht auf den Feldern arbeiten will, so eine Angestellte, wird vom Sohn entlassen. "Wir sind dann manchmal nur zu zweit, und es passieren schlimme Dinge", sagt die Frau.Durch Korruption und bürokratische Verwirrungen sind in den letzten zehn Jahren Hilfsgelder in Millionenhöhe in Rumänien versickert. Seit der Dezentralisierung von 1995 sind die Lokalbehörden für den Unterhalt der Heime verantwortlich. Manchmal werden statt Heizungen Straßen gebaut. "Ist das Geld einmal weg, kann man nichts mehr tun", sagt Astrid Maday.Die Europäische Union, die von 1990 bis 1997 insgesamt 150 Millionen Mark für rumänische Waisenkinder ausgegeben hat, drehte vor zwei Jahren den Geldhahn zu. Kinderhilfsprojekte in Rumänien seien "nicht nachhaltig" und deshalb auch "nicht förderungswürdig", heißt es aus Brüssel. Seitdem leistet die EU nur noch humanitäre Soforthilfe. "Im Moment geht es um das Überleben der Kinder. Weitere Projekte machen erst Sinn, wenn die staatlichen Strukturen grundsätzlich reformiert sind", sagt die EU-Koordinatorin Roelie Post.Viele internationale Hilfsorganisationen, deren Arbeit vor allem mit EU-Geldern finanziert wurde, haben sich daraufhin aus Rumänien zurückgezogen. "Die leiten die Spenden nur noch blind weiter", erklärt Gérhard Luçon von der französischen Organisation "Handicap International". Und Miraleine Mamine von der rumänischen Hilfsorganisation "Salvati Copii" (Rettet die Kinder) stellt nüchtern fest, "dass es nach all den Jahren im Westen kaum noch Bereitschaft gibt, uns zu helfen".Damit hat zehn Jahre nach dem Tod des rumänischen Diktators Nicolai Ceausescu eine beispiellose Welle internationaler Hilfe ihr vorerst klägliches Ende gefunden. Als im Frühjahr 1990 die Bilder vom rumänischen Kinder-Gulag in Cighid um die Welt gingen, hatten sich spontan Hunderttausende Menschen an den Spendenaktionen beteiligt. Die Berichte von ausgemergelten Kindern, die in dem ehemaligen Jagdschloss des Grafen Tisza in dunkle Verschläge gesperrt dem Tod entgegendösten, hatten den Westen tief schockiert. 139 Kinder waren in Cighid an Kälte und Hunger gestorben; verwahrlost und verlassen. Das "Todesschloss" wurde zum Symbol der Unmenschlichkeit des Ceausescu-Regimes.Der Conducator hatte in den 70er Jahren beschlossen, das rumänische Volk künstlich zu vergrößern. So erließ er ein Gesetz, das den Frauen Abtreibung und Verhütung verbot, bevor sie nicht fünf Kinder geboren hatten. Viele Not leidende Mütter setzten die ungewollten Kinder aus oder gaben sie direkt nach der Geburt in ein Waisenheim. Dies wurde von der Regierung sogar gefördert. Für Ceausescu war das Heim "ein Ort vorbildlicher Erziehung für sozialistische Staatsbürger". Der Diktator träumte von einer "jungen rumänischen Garde", die ihm stets treu ergeben sein würde.Mit den Jahren kamen Zehntausende Kinder in die staatlichen Erziehungsanstalten. Viele waren behindert, weil ihre Mütter trotz des Verbots versucht hatten, die Föten mit Drähten oder Medikamenten abzutöten. Im Alter von drei Jahren kamen die Waisenkinder vor eine Ärztekommission, die über ihr weiteres Leben zu entscheiden hatte. Die Starken und Gesunden durften bleiben und wurden später in großer Zahl für den Geheimdienst Securitate rekrutiert. Spastiker und Krüppel passten hingegen nicht in das Bild vom neuen rumänischen Menschen. Sie kamen mit dem Verdikt "irecuperabili" (unwiederbringlich) in Todeslager wie Cighid. Dort starben die ersten schon nach wenigen Wochen. Die meisten Rumänen erfuhren von diesem staatlichen Euthanasieprogramm erst nach der Hinrichtung Ceausescus im Dezember 1989.Die Erfahrung der zwanzigjährigen Fruchtbarkeitspolitik prägt noch heute das Verhältnis der Rumänen zu ungewollten Kindern. Obwohl die Geburtenraten seit langem rückläufig sind, hat die Zahl der Heimkinder in den letzten Jahren um ein Drittel zugenommen. 148 000 Kinder befinden sich derzeit unter staatlicher Obhut. "Die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass der Staat für ihre Kinder verantwortlich ist", erklärt Ioan Groza, der Direktor des Kinderheims von Oradea. Jeden Monat werden im Schnitt 25 Säuglinge aus der nahe gelegenen Geburtsklinik direkt in sein Heim gebracht. "Die Mütter verschwinden nach der Geburt und lassen sich meistens nie wieder blicken", sagt Groza. Oft ist es die wirtschaftliche Not, die Frauen dazu bringt, ihre Kinder zu verlassen. In den letzten Jahren hat sich das Lebensniveau der Rumänen so stark verschlechtert, dass es vielen Eltern offenbar unmöglich erscheint, Kinder groß zu ziehen. Verhütungsmittel sind teuer und auf dem Lande vielen unbekannt. "Das sind mittelalterliche Zustände", erregt sich Ioan Groza. "Die bringen ihre Kinder zu uns, weil sie hoffen, ihnen so die Zukunft zu sichern". Der Staat steht dieser Flut von Waisenkindern hilflos gegenüber. Die Heime sind überfüllt, die Kassen leer. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres konnten selbst die kärglichen Gehälter für das Pflegepersonal nicht mehr gezahlt werden. Im Mai richtete der rumänische Premier Radu Vasile einen verzweifelten Hilferuf an die Europäische Union: "Die staatlichen Behörden haben keine Möglichkeit mehr, hilfsbedürftige Kinder mit Nahrung zu versorgen."Die EU schickte Inspektoren nach Rumänien. In ihrem Bericht heißt es, "dass sich die Lebensbedingungen in allen Kinderheimen im Jahre 1999 erneut ernsthaft verschlechtert haben". Die hygienischen Bedingungen und die Versorgung mit Nahrung und Medikamenten seien "völlig inakzeptabel". Das Kinderproblem gilt in Brüssel als größtes Hindernis für eine Aufnahme Rumäniens in die Europäische Union.In einigen Heimen haben sich die Lebensbedingungen für die Kinder in den vergangenen Jahren jedoch trotz aller Widrigkeiten dauerhaft verbessert. Zu diesen Ausnahmeerscheinungen zählt der ehemalige Kinder-Gulag in Cighid, 40 Kilometer von Bradca entfernt. Aus dem Hort des Grauens ist mit Hilfe von deutschen Spenden-Millionen ein Vorzeigeprojekt geworden. Neben dem renovierten Schloss stehen fünf neue Gruppenhäuser. Die Fassaden sind weiß gekalkt. In den hellen, warmen Räumen riecht es nach frischer Farbe. Eine Thermalquelle, die unter dem Schloss liegt, liefert gratis heißes Wasser in die Häuser. In den akkurat gefliesten Bädern hängen Handtücher mit den aufgestickten Namen der Kinder. Auf einem Bord stehen ordentlich aufgereiht bunte Plastikbecher mit Zahnbürsten. Die physiotherapeutischen Behandlungsräume sind mit einem speziellen Buchenparkett ausgelegt. "Das ist gut für die Wirbelsäule", erklärt eine Krankenschwester.112 Pfleger und 15 Therapeuten kümmern sich hier um 106 Kinder. "Der Betreuungsschlüssel ist wahrscheinlich besser als in Deutschland", sagt Pavel Oarcea mit einem feinen Lächeln. Der Mann mit dem zerfurchten Gesicht, den viele hier für einen Heiligen halten, ist seit 1990 der Direktor des Heims. Vor allem ihm ist es zu verdanken, dass die Kinder in Cighid heute unbeschwert leben können. Stolz erzählt der Kinderarzt, dass mittlerweile 25 seiner einst als unheilbar verstoßenen Zöglinge in die normale Schule gehen: "Am Anfang brachten wir unsere Schüler noch jeden Morgen mit einem Auto ins Dorf. Heute brauchen wir einen Bus." Seiner Ausnahmestellung ist sich Oarcea wohl bewusst: "Cighid ist eine Insel der Seeligen." Er schätzt, dass es 1990 in Rumänien etwa 40 Heime gab, in denen die Situation ähnlich schlimm war wie in Cighid. "Bei den meisten hat sich nicht viel getan. Die Kinder leben heute länger, aber leider nicht viel besser", sagt er. Für die allgemeine Misere macht Oarcea vor allem die Politik verantwortlich. "Die Regierung interessiert sich nicht für die Kinder. Für die ist das Problem gelöst. Alles wird zugedeckt und beschönigt", sagt er erregt. "In zehn Jahren wurde nichts getan. Die Strukturen sind dieselben, der Geist ist derselbe. Waisenkinder sind lästig, behinderte Waisenkinder sind furchtbar lästig." Die einzigen Menschen, auf die sich Oarcea verlässt, sind "die Freunde in Deutschland". Die Verantwortlichen im eigenen Land hat er abgeschrieben. Und was ist mit denen, die keine reichen Freunde haben? "Denen geht es schlecht", sagt der Direktor leise. Er erzählt von Heimen im Osten Rumäniens, die "keinen Pfennig aus dem Ausland bekommen". "Das muss schlimm sein", sagt Oarcea. Genaues weiß er aber auch nicht. "Wir erfahren so wenig aus dem Osten."Der Osten, das ist in Rumänien das Land hinter den Karpaten. Das ist dort, wo die Armut am größten ist. In Tulcea, Galati und Iasi. Im Bezirk Dobrocea und weiter nördlich in Moldawien. Hier gibt es kaum Industrie, nur kleine Bauernhöfe. In den rumänischen Zeitungen stehen grauenvolle Berichte über Kinder, die in den Heimen dort zu Dutzenden sterben sollen. Die zuständige Ministerin, Gabriela Popescu, reagierte vor einigen Wochen auf die Berichte, indem sie Journalisten den Zutritt zu den Heimen per Dekret verbot.Für uns will Frau Popescu eine Ausnahme machen. "Aber ich werde Sie begleiten", sagt die stämmige Ministerin, die seit zwei Jahren das Staatssekretariat für Behinderte leitet. "Dann werden Sie sehen, was an diesen Berichten dran ist." Drei Tage später sitzen wir in ihrer Dienstlimousine und fahren nach Horia, einem Dorf in der Nähe des Donaudeltas. In dem Kinderheim in Horia soll die Situation besonders kritisch sein. Angekettete Kinder, Vernachlässigung, fünf Todesfälle in den letzten Monaten. So steht es in den Zeitungen. "Völliger Quatsch", faucht Gabriela Popescu aus dem Fond ihres Wagens. "Die Probleme sind zu 90 Prozent gelöst." Natürlich gäbe es noch Heime, wo es nicht so gut läuft. "Aber das kann man doch nicht verallgemeinern!"Die resolute Dame berichtet von den Fortschritten der vergangenen Jahre: Neue Gesetze, die Schaffung einer Behörde für den Schutz von Kindern, ihre eigenes Staatssekretariat für Behinderte, "einmalig auf der Welt". Und die schlimmen Berichte? "Übertreibungen." Die Opposition stecke dahinter. Die Ministerin berichtet, wie ihre Politik von den lokalen Behörden blockiert wird. Die alten Kräfte seien da noch an der Macht. "Die haben kein Interesse daran, dass wir das Kinder-Problem lösen."In Horia hat Frau Popescu die Probleme gelöst. Zumindest für diesen einen Tag. In den Schlafsälen riecht es nach Ammoniak-Putzmitteln. An den Fenstern hängen neue, bunte Gardinen. Die Betten sind frisch bezogen. Die Kinder sind gewaschen. Einige werden gerade noch gekämmt. "Dafür haben wir zwei Tage lang gearbeitet", berichtet stolz eine Angestellte. Ein strafender Blick der Direktorin bringt die Frau zum Verstummen. Für ihre Ministerin haben einige Kinder ein Kulturprogramm einstudiert. Sie singen, tragen Gedichte vor und bekommen am Ende von Frau Popescu Süßigkeiten geschenkt. Die Ministerin ist gerührt: "Sind das etwa vernachlässigte Kinder?" fragt sie. Neue Kleidung gab es auch. "Einen schönen Pullover habe ich heute bekommen", freut sich ein Junge. Den braucht er auch. In den Räumen ist es bitterkalt.Dass die Heizung bei dem eisigen Wetter nicht funktioniert, "ist eine absolute Ausnahme", sagt die Direktorin, Frau Ileana Gheorghe. "Wir bauen gerade einen neuen Kessel ein." Leider kann man sich den Kessel jetzt nicht anschauen, "weil der Handwerker den Schlüssel mitgenommen hat". Der Lagerraum für Nahrungsmittel ist leer. Auch hier gibt es eine Erklärung: "Wir haben Platz gemacht für die Winterhilfe, die bald ankommen soll", sagt Frau Gheorghe. Und was essen die Kinder bis dahin? "Wir haben eine Kuh und Schweine. Und wir bauen Kürbisse an." Unterernährung, Todesfälle? "Das gibt es bei uns nicht", sagt die Direktorin entrüstet. Auch dass es für die 105 Kinder nur eine Badewanne gibt, sieht sie nicht als Problem: "Die Kleinen werden nacheinander gewaschen." Das gefällt Gabriela Popescu: "Engagierte Menschen schaffen es, kleine Mängel zu überbrücken."Wie diese engagierten Menschen arbeiten, wenn die Ministerin gerade nicht ihr Heim besucht, erfahren wir von dem französischen Fotografen Jean-Louis Courtinat, der einige Wochen zuvor in Horia war. Er berichtet, dass die Pflegerinnen die besonders lästigen Kinder tagsüber in das winzige Badezimmer einschließen und das Licht ausschalten. In den acht Tagen, in denen Courtinat in Horia war, hätten die Kinder nur selten zu essen bekommen. "Wenn es etwas gab, dann waren das Brötchen, die in eine Wassersuppe getaucht wurden." Von der französischen Hilfsorganisation SERA, die das Heim betreut, erfahren wir, dass wegen der schlechten Ernährung jährlich mehrere Kinder in Horia sterben.Wir zeigen der Direktorin ein Foto, das Jean-Louis Courtinat in ihrem Heim aufgenommen hat. Auf dem Bild ist ein abgemagerter, halb nackter Junge zu sehen, der mit einer Kette an sein Bettgestell gefesselt ist. "Ja, das war ein Fehler, den Jungen zu fesseln", räumt Frau Gheorghe ein. "Er war aggressiv. Ein Einzelfall." Wir zeigen ihr andere Aufnahmen des Fotografen, auf denen kleine Kinder zu sehen sind; auch an ihr Bett gefesselt. Langsam wird Frau Gheorghe nervös. "Die sind jetzt alle nicht mehr hier", sagt sie hastig. Da wird auch die Ministerin hellhörig. Sie will wissen, wo die Kinder sind. "In Heimen, die besser auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind", erklärt die Direktorin. Gabriela Popescu stutzt einen Moment. Vielleicht, weil sie sich fragt, welche Heime Frau Gheorghe wohl meinen könnte. Dann lächelt die Ministerin aber wieder: "Sehen Sie, es ist alles in Ordnung." Spenden, die sicher ankommen: Für die Kinder von Bradca hat die Evangelische Stiftung Alsterdorf ein Konto eingerichtet: Hamburgische Landesbank, Konto Nr. 726000, BLZ 200 500 00.Das Geld verschwindet, die Kleidung kommt nicht an oder vermodert in feuchten Kellerräumen. Immer wieder erzählt man vom florierenden Handel mit Spendengütern.Die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass der Staat für ihre Kinder verantwortlich ist. Sie bringen sie ins Heim, weil sie hoffen, ihnen so die Zukunft zu sichern.Die Ministerin Gabriela Popescu besucht das Heim für behinderte Kinder in Horia.Die meiste Zeit des Tages sind die Kinder völlig auf sich allein gestellt. Diese beiden Jungen müssen sich ein Bett teilen.Isabella ist zwölf Jahre alt und lebt im Kinderheim von Bradca. Ihre Hände sind auf dem Rücken gefesselt, um sie daran zu hindern, sich selbst Gewalt anzutun.Adam ist neun Jahre alt. Seine körperliche Entwicklung entspricht der eines Dreijährigen. Die Pflegerin hat noch bis vor einem Jahr auf einem Bauernhof gearbeitet.Einige Kinder verbringen Tag und Nacht in ihrem Bett. Sie werden wund und gehen langsam zu Grunde.Dieser Raum wird in Bradca "der Käfig" genannt. 50 Kinder sind hier von morgens bis abends zusammengepfercht.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER (8)André (r. ) und sein Freund Attila leben auf einem Bauernhof in der Nähe von Bradca. Vor drei Jahren wurden sie von britischen Helfern aus dem Kinderheim geholt. Sie waren schwer traumatisiert und abgemagert. Heute spricht André neben rumänisch sogar ein paar Brocken englisch.