Ich liebe das Leben, ich liebe den Sex, doch warum bin ich einsam?" Vor ein paar Monaten schrieb Peter Plate diese Sätze auf einen Zettel und rief einen Freund an, der in der Schule Latein gehabt hatte. Der übersetzte den Text mit Hilfe seines Schulwörterbuchs und eines alten Lateinlehrers. Das Ergebnis steht derzeit auf Platz 19 der deutschen Charts: "Amo Vitam", die erste Single-Auskopplung von der neuen Platte "Kassengift" der Berliner Band Rosenstolz.Rosenstolz, das heißt Anna R. und Peter Plate, sitzen in einem schicken Café in der Bleibtreustraße und sprechen über ihre neueste Platte, die seit Montag im Handel ist. Sie trinken Milchkaffee (Peter) und Apfelschorle (Anna). Kein Champagner am hellen Mittag, keine Austern als leichter Imbiss: An diesem Montag sind die beiden auf dem Weg zur Probe, die mondäne Pose, die die Fans so lieben, haben sie zu Hause gelassen. Anna sieht ein bisschen zerzaust aus, Peter spielt mit Steinarmbändchen, die Stärke und Ruhe geben sollen. "Kassengift" ist das achte Rosenstolz-Album. "Den Titel haben wir aus der Marlene-Dietrich-Biografie übernommen", sagt Peter Plate. "Die Dietrich hat immer teuer produziert und lange keine Kasse gemacht, ein bisschen so wie wir."Das ist etwas kokett - denn die mageren Anfangsjahre, als das Duo vor 13 Leuten auftrat, sind schon lange vorbei. Im zehnten Jahr nach der Bandgründung spielen die 30-Jährige aus Friedrichshain und der 33-Jährige aus Braunschweig regelmäßig vor 15 000 treuen Anhängern. Auch der Handel mit Rosenstolz-Feuerzeugen, Kapuzenjacken und Mousepads läuft schwunghaft. "Ich bin das Synonym für out", singen Rosenstolz in "Kassengift". Von sich reden sie dabei nicht.Rosenstolz-Fans haben die neue Platte, diese neue Dosis Liebe, Sex und Zärtlichkeit sehnlich erwartet. Zu ihrem zehnten Geburtstag klingen Rosenstolz fast so, wie es nach Wunsch der Fans bleiben soll: Immer gleich. Das große Gefühl steht im Mittelpunkt, ist aber garniert mit ein bisschen mehr großer, weiter Welt als bei den vorigen Alben. Und das soll erst der Anfang sein: "Wir wollten unser zehnjähriges Jubiläum mit einem Schritt nach vorn begehen, nicht mit einem Rückblick", sagt Anna sachlich, gar nicht wie der Vamp, als der sie sich sonst gibt. Deshalb der moderne Sound, deshalb ein Titelsong nicht über die Liebe, sondern über das Musik-Business. "Manchmal muss man halt auch raus aus seiner eigenen Schublade", sagt Peter. Er schreibe die Songs aus dem eigenen Erleben heraus und deshalb wolle er auch mal weg von den reinen Liebe-Lust-und-Leidenschaft-Texten. "Der Globalisierungswahn und dass sich viele Menschen wie eine Art fern gelenkten Masse bewegen, das beschäftigt mich." "Ich mag besonders, dass sie positiv anders ist", schreibt Peter über Anna auf der gemeinsamen Homepage. Auch im zehnten Jahr zelebrieren die Rosenstolzer ihre Individualität und sich selbst. Deshalb wollen sie auch ihre Fans nicht wie eine amorphe Masse behandeln: Jeder Brief und jede E-Mail werden eigenhändig beantwortet. Und bei der "Kassengift"-Tournee, die am 26. September startet, lassen Anna und Peter wieder die ersten Reihen des Publikums von Lampen anstrahlen. "Dann spürt man die geballte Energie der Leute und fühlt sich nicht so alleine."ARNE WEYCHARDT Damals am Anfang einer Karriere, inzwischen längst Kult-Stars: Anna R. und Peter Plate von der Band Rosenstolz auf einem der ersten Fotos ihrer Laufbahn.