ROM, 4. Juni. Die kleine Orgel im Portal des Petersdoms schlägt aufgeregt festliche Töne an. Aus dem Torbogen in der Kirchenfassade quellen schwankende Kolonnen von Klerikern - Domherren zu Sankt Peter, Seminaristen, Bischöfe, Kardinäle. In Zweierreihe ziehen sie zum Petersplatz. Hinter ihnen, wie Schneewittchen umringt von seinen Zwergen, rollt auf purpurnem, rosenbekränzten Katafalk ein Glassarg. Sechzehn Sampietrini, lila livrierte päpstliche Ordner, ziehen den 450 Kilo schweren Sarkophag von Papst Johannes XXIII. gemessenen Schritts über die Pflastersteine. Pergamentfarben schimmert das Gesicht des präparierten Toten.Applaus brandet auf, als die beklommene Menge die wachsüberzogenen Züge des geliebten "Papa Buono", des guten Papstes, zu Gesicht bekommt. Auf den Tag genau vor 38 Jahren war der 82-jährige Angelo Roncalli, der sich nach seiner Wahl 1958 für den Namen Johannes XXIII. entschieden hatte, einem Magenkrebsleiden erlegen. Es war 19.45 Uhr gewesen, die Pfingstmesse auf dem Petersplatz hatte sich gerade zu Ende geneigt.Das peinliche MissgeschickNun schlug die Stunde des Gennaro Goglia. Der damals 40-jährige Anatom von der Katholischen Universität in Rom war der Einzige gewesen, der sich im Stande sah, den Leib des Toten so zu konservieren, dass er nicht nur die tagelange offene Aufbahrung schadlos überstehen würde. Renommiertere Kollegen hatten den Auftrag zurückgewiesen. Erst fünf Jahre waren seit dem Fiasko verstrichen, das die Aufbahrung Pius XII. zu einem Martyrium für die wachenden Schweizergardisten gemacht hatte. Stündlich mussten sie abgelöst werden, so stank der Leichnam des Papstes.Gennaro Goglia erinnert sich noch genau an das peinliche Missgeschick. Unter vier Atmosphären Überdruck hatte man den Toten in 130 Grad heißer Alkohollösung "gekocht", erzählt der emeritierte Mediziner, der zur feierlichen "Übersiedlung" seines Lieblingspapstes in ein neues Grab auf den Petersplatz gekommen ist. Johannes XXIII., der zeitlebens nie viel Aufhebens um seine Person gemacht hatte, schien zuletzt doch besorgt, seinen sterblichen Resten könnte Ähnliches widerfahren wie denen seines Vorgängers. So ließ er denn bei Lebzeiten regeln, was nach seinem Tod mit ihm geschehen sollte.Gennaro Goglia stieg also am 3. Juni 1963 gegen 22 Uhr in die vatikanische Limousine, die vor der Klinik auf ihn wartete. Er hatte nicht viel Zeit. Am nächsten Tag sollte der tote Papst bereits in der Basilika aufgebahrt werden. Goglia hatte alles vorbereitet, was er brauchte: Zehn Liter einer Lösung, deren Zusammensetzung er auch heute nicht verrät, eine Kanüle und einen Plastikbeutel für die Transfusion. Kurz musste er vor dem Sterbezimmer warten. "Vor mir war noch der Bildhauer Giacomo Manzù im Zimmer, um dem Papst die Totenmaske abzunehmen", erzählt Gennaro Goglia. Erst nach dem Künstler konnte sich der Arzt an die Arbeit machen.Der rüstige Mann zieht seinen blauen Anzugärmel und das goldene Uhrenarmband etwas zurück. Dann drückt er mit dem Daumennagel eine Rille in den Unterarm, dort, wo die Arterie verborgen liegt. "Hier habe ich einen zwei bis drei Millimeter langen Schnitt gemacht und die Kanüle eingeführt. Ich hatte große Angst, dass Blut austreten könnte. Stellen Sie sich vor, das Blut eines Papstes, der bereits zu Lebzeiten als heilig galt..."Doch alles ging gut. Langsam tröpfelte die Lösung aus dem Plastikbeutel in den ausgekühlten Körper, verteilte sich durch die Blutbahnen in die Gefäße und imprägnierte langsam die Zellen. Der Anatom hatte nie Sorge, dass seine Essenz ihren Zweck verfehlen könnte, die Fäulnis aufzuhalten. "Sechs Liter habe ich in die Blutbahn injiziert, vier in den Bauch." Das sollte Bakterien abtöten und die von der Krankheit zersetzte Bauchhöhle desinfizieren. "In den frühen Morgenstunden war ich fertig."Nie mehr sprach Goglia später über seinen Eingriff. Erst als er hörte, der Sarg von Johannes XXIII. sei geöffnet worden, stiegen die Erinnerungen wieder hoch. Im September hatte Johannes Paul II. den Papst des II. Vatikanischen Konzils selig gesprochen. Nun musste ein besserer Grabplatz gefunden werden, die engen Gänge in den Katakomben unter der Kathedrale fassten die vielen Pilger nicht mehr, die zum Grab des Verehrten strömten. Als die Mitglieder der Umbettungs-Kommission unter der Leitung des Erzpriesters der Vatikanbasilika, Kardinal Virgilio Noe, die drei ineinander geschachtelten Särge öffneten, waren sie sprachlos. "Der Körper war intakt, als wäre er am Vortag beerdigt worden", erzählt Kardinal Noe. "Keine Spur vom Triumph des Todes war zu sehen." Ein Zeichen der Heiligkeit, ein Wunder gar? Für Noe keineswegs. "Auch der Leichnam von Bonifaz VIII. war nicht verrottet, und den hält nun wirklich niemand für heilig", sagt er. Das Gerede vom Wunder aber schreckte den Wissenschaftler Goglia auf. Es traf ihn gewissermaßen in seiner Ehre als Wissenschaftler. Als Katholik alter Schule fragte er beim Kardinal höflich an, ob er denn befugt sei zu reden und bekam den Segen. Dass man seinem Papst eine Wachsmaske über Gesicht und Hände zog, ehe man ihn nun für alle Zukunft unter dem Altar des heiligen Hieronymus in Sankt Peter zur Schau stellt, hält er fast für kränkend. "Es hätte genügt, ein paar Salzkristalle aus dem Gesicht zu entfernen", meint er.Kein RisikoDoch im Vatikan wollte man kein Risiko eingehen. Vor einem Jahr, als die unversehrte Leiche der heiligen Rita von Cascia (1360-1434) zur Verehrung nach Rom gebracht worden war, nahm das Gewebe der Toten schweren Schaden. "Wir haben daraus gelernt", sagt Kardinal Noe, ohne zu verraten, wie man denn den Leichnam von Johannes XXIII. vor den schädlichen Wirkungen der Sonne schützen wollte.Während des Pfingstgottesdienstes stand der Glassarg neben dem Thron Johannes Pauls II. in der prallen Sonne, umgeben von roten Gladiolen und den roten Roben der Geistlichen. Dann schoben ihn die Sampietrini wieder in den dunklen Dom. Den ganzen Nachmittag über drängte sich die Schar seiner Verehrer geduldig bis zum Hauptaltar vor, um noch einmal die große Nase und das freundliche Lächeln des "Papa Buono" zu sehen und zu fotografieren. Er hätte es ihnen nachgesehen.Unter dem Hieronymus-Altar // 38 Jahre nach seinem Tod hat Johannes XXIII. seine letzte Ruhestätte in einem Seitenaltar im Petersdom gefunden. Nach der Überführung befindet sich der Kristall-Sarg mit den sterblichen Überresten des Roncalli-Papstes seit Montag unter dem Hieronymus-Altar. Es bildeten sich lange Schlangen von Gläubigen, die den Leichnam betrachten wollten.Mehrere Zehntausend Gläubige waren bereits am Sonntag am Sarkophag vorbeidefiliert. Zuvor war der Leichnam, der zuvor in der Krypta des Petersdoms beigesetzt war, in feierlicher Prozession auf den Petersplatz gebracht und während der Pfingstmesse ausgestellt worden.Gennaro Goglia (oben) hat Johannes XXIII. 1963 einbalsamiert. Er behandelte den Leichnam nach dem Tod am 3. Juni mit einer Lösung, deren Zusammensetzung er nicht verrät.Der heute 78-jährige Arzt Goglia nahm an der Zeremonie am Pfingstsonntag teil.AP/ARTURO MARI Auf dem Petersplatz konnten die Gläubigen den gut erhaltenen Leichnam des in Italien verehrten Papstes Johannes XXIII. betrachten.

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