Zehntausende ziehen jährlich nach Berlin. Ein Buch beschreibt, wie sie hier leben und was sie erleben: Der Motor, der Berlin am Laufen hält

Berlin ist nicht nur eine Stadt, Berlin ist ein Mythos, eine Projektionsfläche für ein spannenderes Leben. Genau das ist der Grund, warum jedes Jahr Tausende Leute herziehen, die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Sie müssen nicht nach Berlin, sie wollen hierher. Und es werden immer mehr. Zählten die Statistiker 2005 noch rund 74500 Zuzügler aus der deutschen Provinz, so waren es 2009 bereits 90550 - Tendenz steigend.Hält die Stadt, was sie verspricht? Ist das Leben hier wirklich so aufregend, wie man sich das in Delmenhorst, Halle oder Bielefeld vorstellt? Die junge Frau, die unter dem Pseudonym Juleska Vonhagen schreibt, hat versucht, den Mythos zu ergründen und aufzuzeigen, wie die Neu-Berliner in der Hauptstadt leben und was sie erleben.Die 25-Jährige kam vor fünf Jahren selbst aus Hagen im Ruhrgebiet nach Berlin, für ein Praktikum beim Radio, aber vor allem, weil Berlin für sie "das Synonym für alles, was man schon immer haben wollte" war. Sie arbeitete dann bis vor einem Jahr beim Radio. Nebenher hat sie ein Buch geschrieben, in dem es darum geht, wie junge Mädchen über Liebe und Jungs reden, und Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaften studiert. Gerade schreibt sie ihre Bachelor-Arbeit.Ihr zweites Buch ist schon fertig: "Großstadtfieber" versammelt 33Geschichten von Neu-Berlinern zwischen Anfang und Ende 20. Zwei, Jan (29) aus Mitte, und Jonas (26) aus Friedrichshain, hat Juleska Vonhagen zum Interviewtermin in ein Restaurant in ihrem Heimatbezirk Prenzlauer Berg mitgebracht, zu dem sie mit grellem Lippenstift und ein bisschen zu viel Make-up im Gesicht kommt.Auch SchattenseitenDie Autorin erzählt, dass sie vor dem Schreiben gedacht habe, das Buch werde wesentlich positiver ausfallen. Doch auch die Schattenseiten im Leben der Neu-Berliner kommen vor, sodass der Mythos, zu dem die unvermeidlichen Schilderungen von wilden Partynächten im Berghain oder in der Bar 25 gehören, ein bisschen entzaubert wird. Durch Geschichten von der Einsamkeit in der Großstadt beispielsweise oder vom Ausgegrenztwerden, weil man anders als all die coolen Leute kein kreatives Projekt hat, sondern eine Festanstellung als Zahnarzthelferin.Wie schwer es ist, sich bei all den Verlockungen auf ein Studium zu konzentrieren, wird ebenfalls deutlich. "Da braucht man wirklich viel Selbstdisziplin, Berlin ist schon ein sündhaftes Fleckchen", sagt auch Jan, dem es aber gelungen ist, trotz eines Intermezzos als DJ mit einem Nummer-eins-Hit in den Dance- Charts, sein Veranstaltungstechnikstudium in Regelstudienzeit durchzuziehen. Jonas dagegen hat sein Studium ziemlich schnell aufgegeben und sich ganz der Musik gewidmet. Seinen Lebensunterhalt verdient er hinter der Theke einer Kreuzberger Bar. Er merkt nach sieben Jahren in Berlin, dass er abstumpft. "Vieles reizt einen nicht mehr, wegen der ständigen Überreizung", sagt er. Das gelte auch für Frauen. Jonas findet das zwar krass, sagt aber, er habe dieses Leben ja selbst gewählt und es mache auch zu viel Spaß, um es aufzugeben.Juleska Vonhagen glaubt, dass die Neuberliner der Motor sind, der Berlin am Laufen hält. "Ohne die wäre es viel langweiliger, weil es kommen gerade jene, die was reißen wollen." Auch wenn das die Berliner nicht gerne hörten und gerne gegen Zuzügler wetterten. Vonhagen findet nicht, dass sich Berlin zum Schlechteren verändert. Ihre beiden Bekannten sehen das etwas anders. Sie sind aber vor allem vom zunehmenden Tourismus genervt. "Nach außen wird getragen, geh nach Berlin, da kannst du dich benehmen wie du willst, und dieser Partytourismus ist ein bisschen anstrengend", sagt Jan. Jonas bedauert, dass es immer weniger Underground gibt.Bleiben wollen aber alle drei. "Man ist so krass verwöhnt von der Stadt, dass man eigentlich gar nicht mehr woanders leben kann", sagt Juleska Vonhagen. Juleska Vonhagen: Großstadtfieber, Schwarzkopf&Schwarzkopf, 9,95 Euro.------------------------------Foto: Neu-Berlinerin Juleska Vonhagen, 25 Jahre alt, hat mit 33 anderen Neu-Berlinern gesprochen und daraus ein Buch gemacht.