In Opern über die Liebe geschieht ja meist nicht viel. Das und das mittelalterliche Setting der Oper "L'amour de loin" von der finnischen Komponistin Kaija Saariaho erinnern an Wagners "Tristan". Musikalisch ist das Stück natürlich weit davon entfernt - aber seine Wirkung verfehlte es nicht. Sie spielt auf Schlössern und Zitadellen. Ein Troubadour sehnt sich nach einer Frau, von der er nur gehört hat und von der ihn ein Meer trennt. Diese Frau sehnt sich nach ihm, als sie davon hört, dass er sie besingt. Am Ende bricht der Troubadour auf und stirbt in ihren Armen."L'amour de loin", im Jahr 2000 in Salzburg uraufgeführt, ist einer der größten Opernerfolge der letzten 50 Jahre, was noch nicht viel heißen will. Nun ist das Stück aber sogar aufgenommen worden und 2009 nicht nur als schnöder Mitschnitt erschienen, sondern als feinst abgemischte Studioaufnahme, entstanden in den Jahren 2006 und 2008, dirigiert und gespielt vom Dirigenten der Uraufführung und seinem damaligen Orchester: Kent Nagano und dem Deutschen Symphonie-Orchester.Zu Weihnachten 2009 haben wir diese Aufnahme bereits zur Platte des Jahres gekürt. Der Diapason d'Or wurde ihr ebenfalls verliehen. Noch heller und weiter strahlt freilich der Grammy für die Beste Operneinspielung, den sie am Sonntag in Los Angeles erhalten hat."L'amour de loin" fehlt ohne die Bühne nichts, es ist ein Hörstück. Wie gesagt: Ein Mann hört von einer Frau, eine Frau hört von einem Mann. Zwischen ihnen strecken sich langgehaltene Klänge, sie sind noch einmal das Medium einer überlebensgroßen Sehnsucht, eines körperlosen Rauschs.Kaija Saariaho verdankt ihre Publikumserfolge nicht nur solchen, eigentümlich zwischen den Präraffaeliten und Marion Zimmer-Bradley angesiedelten Stoffen, die dem populären Hang zur Fantasy auf hochkultureller Ebene entgegenkommen. Einzigartig ist vielmehr die Fähigkeit der 1952 geborenen und heute in Paris lebenden Komponistin, die komplexen Strukturen avantgardistischen Komponierens so weit zu reduzieren, dass sie durchhörbar werden und dennoch ihren Reiz als leicht gegen das gewohnte verschobene Intonation bewahren.Die Musik von "L'amour de loin" flutet nicht im Rhythmus der Seelen, mit der Deklamation der Stimmen will sie nicht expressiv konkurrieren. Sie wirft ein Gewand aus milchig trüben Akkorden und eines zwischen üppigen Texturen und solistischen Einwürfen changierenden Orchesterklangs um die Figuren. Sie spricht die Geheimnisse nicht aus, sondern verhüllt sie noch einmal. Und sagt doch mehr über den empfindenden Menschen als jeder Empfindungen herausposaunende Expressionismus.Solche Ausdrucks-Diskretion war schon immer bei Kent Nagano in den besten Händen. Das DSO gebiert unendlich fein abgetönte Klänge, es setzt Saariahos Partitur um in ein stetig sich umfärbendes Plasma, in luxurierende Wolken, in denen die sublimierten Leidenschaften des höfischen Personals gleichwohl noch glühen. Mitgewirkt an der Aufnahme hat auch der Rundfunkchor Berlin, der ohnehin für fast jede seiner CDs einen Preis bekommt.Während der Grammy eine fast schon historische Konstellation auszeichnet - mittlerweile ist das DSO zwei Chefdirigenten weiter -, ist seine Zukunft jetzt auch gesichert. In den Planspielen um die Auflösung seiner Dachorganisation, der Rundfunkorchester und -chöre GmbH, war vor allem die Trägerschaft des DSO eine offene Frage, während die anderen Ensembles bei anderen Institutionen unterkommen sollten. Nun hat sich die Geschäftsführung der ROC darauf geeinigt, die ab 2013 abgesenkten Zuschüsse der Gesellschafter mit den Rücklagen der letzten Jahre zu decken und damit die vier künstlerisch und finanziell enorm erfolgreichen Ensembles weiter unter einem Dach zu führen.------------------------------Ein Grammy für die OperKaija Saariaho: "L'amour de loin", Ekaterina Lekhina, Marie-Ange Todorovitch, Daniel Belcher, Rundfunkchor Berlin, Deutsches Symphonie-Orchester, Kent Nagano, harmonia mundi HMC 801937.38 (2 CD)------------------------------Foto: Nagano dirigierte bei Uraufführung und Aufnahme.