Zeichensprache: Wahlkampf mit sexuellen Gesten

Berlin - Nun schlägt die Stunde der Hände. Je schwerer es der Kanzlerin und ihrem Herausforderer fällt, ihre Positionen inhaltlich gegeneinander abzusetzen, umso lieber setzen sie mit Gesten Zeichen. Dieser seltsame Wahlkampf schreckt auch vor Mitteln unterhalb der Gürtellinie nicht zurück. Die sexuelle Komponente des körpersprachlichen Duells, das sich Angela Merkel und Peer Steinbrück liefern, ist eigentlich kaum zu übersehen. Sie ist nur etwas peinlich, so dass man alles Mögliche hineininterpretiert, nur nicht das Naheliegendste.

Spätestens seitdem die CDU-Wahlkampfleitung die sogenannte Merkel-Raute als Großplakat von 70 mal 20 Metern breitwandig vor einem Berliner Rohbau aufspannen ließ, musste man sich um den mythischen Gehalt dieser Geste Gedanken machen. Ansonsten wäre das Plakat ein wenig viel Aufwand für eine Haltung der Hände, die nach Angela Merkels eigenem Bekunden nur dazu dient, keinen Buckel zu machen.

Uraltes Zeichen der Weiblichkeit

Die Vermeidung des krummen Rückens mag der eigentliche Grund für die Merkel-Raute sein, populär wurde sie aber, weil sie ein uraltes Zeichen der Weiblichkeit ist. Natürlich symbolisieren Dreieck und Raute auch Harmonie und Gelassenheit, stehen für Einhegung, für Frieden und schlicht für das Ganze – aber nur deshalb, weil sie zuallererst ein Symbol der Weiblichkeit sind.

In der Symbolik der archaischen Kulturen, die in uns allen weiterlebt, wie ein Gang auf eine vollgekritzelte Kneipentoilette lehrt, steht das Dreieck für Fruchtbarkeit. Es entstammt einer Zeit, die der Sexualität mehr Achtung entgegenbrachte als die heutige und deshalb Fruchtbarkeit und Wohlstand gleichsetzte. Die chauvinistischer Zeichensetzung unverdächtige Zeitschrift Emma beschrieb das Symbol, unabhängig von Merkel, so: „Europäische Feministinnen lancierten als ironische Antwort auf die geballte Faust der Genossen das Zeichen der Vulva: geformt mit hocherhobenen Händen und gespreizt aneinander gelegten Daumen und Mittelfingern.“ Der Unterschied besteht nur darin, dass die Kanzlerin die Hände dabei diskret unten hält.

So wie die CDU-Wahlkämpfer längst begriffen haben, dass die Bezeichnung Mutti für Merkel ins Positive umgeschlagen ist, benutzen sie die Raute als matriarchale Herausforderung.

Der Mittelfinger als Phallus-Symbol?

Dass dieses Konzept der CDU-Werber den Werbestrategen der Gegenseite aufgegangen war, wurde deutlich, als im Straßenbild plötzlich Peer Steinbrück und Gregor Gysi wild mit dem Zeigefinger herumzufuchteln begannen. Von den Großplakaten herunter bohren sie mit imperatorischer Geste auf den Passanten ein, als wollen sie ihn festnageln und das Land gleich mit. Und nun, um das Maß vollzumachen, der Stinkefinger. Man braucht wirklich nicht viel Fantasie, um in ihm einen Zug ins Phallische zu entdecken.

Mit purer Obszönität hat das nicht viel zu tun. Unseren Urahnen war natürlich auch der ausgestreckte Finger heilig. Man denke nur an den Finger Gottes in Michelangelos Deckenfresco für die Sixtinische Kapelle. Gott streckt ihn aus, berührt den Zeigefinger Adams, um jenen Funken überspringen zu lassen, der uns alle geschaffen hat. Der ausgestreckte Finger ist genauso ein Symbol für die Schöpfung und die Vitalität unserer Art, wie es die zum Dreieck oder zur Raute geformten Hände der Kanzlerin sind. Dass Steinbrück die Geste auch aggressiv benutzt, ist nur eine Variante des mythischen Zusammenhangs.

Folgt man der Sprache der Gesten, läuft alles auf eine große Koalition hinaus. Merkel und Steinbrück präsentieren sich auf eine etwas rüde, aber tief an das Unbewusste appellierende Weise als Landesmutter und Landesvater. Das passt schon, möchte man sagen, wie Zug und Tunnel, wie Adam und Eva, die folgenreichste Koalition aller Zeiten. Was aus der Begegnung von Merkel und Steinbrück geboren wird, liegt zum Glück ja auch an uns.