Kampf gegen die Spanische Grippe: Mitarbeiterinnen des Roten Kreuzes 1918 in St. Louis, Missouri. 
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Epidemien und sonstige Infektionskrankheiten haben unsere Menschheitsgeschichte wesentlich mitgestaltet. Von Urzeiten an haben sie Kriege entschieden und Kulturen ausgelöscht, keimresistente Populationen geschaffen und zur Ausbreitung der europäischen Zivilisation in alle Welt beigetragen. Aber sie wirken noch tiefer in die menschliche Seele ein, im Hinblick darauf, was wir alle, auf allen Kontinenten, empfinden, wenn wir weitgehend in unsere Behausungen eingesperrt sind, ohne unsere Verwandten und Bekannten zu treffen.

Insofern sind Epidemien ein Lackmustest zur Unterscheidung zwischen dem Menschen als Individuum, das nicht unbedingt als Teil einer Herde oder Großfamilie leben muss, und der realen Geselligkeit, die seinem Wesen und unseren Macht- und Wirtschaftsstrukturen entspricht. Während einer Epidemie zwingt der Selbsterhaltungstrieb uns natürlich, Abstand zu anderen zu halten. Wir sind auf den Urzustand zurückgeworfen. Trotz Internet, Netflix und Co., trotz des Gefühls ständiger Vernetzung mit unseren Mitmenschen, sind wir letzten Endes doch nicht mit ihnen zusammen.

Allein oder nur in der Kernfamilie zu sein, war seit jeher der beste Schutz gegen virulente Krankheitserreger. Obwohl die Menschen in alten Zeiten die biologischen Ansteckungsverläufe nicht durchschauten und manchmal „schlechte Luft“ für krankmachend hielten, erkannten sie meist doch, dass Distanz und Abschottung vor der grassierenden Seuche schützten. Allerdings konnten nur wenige Sterbliche es den europäischen Fürsten gleichtun, die sich in Seuchenzeiten gern auf ihre Landschlösser zurückzogen. Hierin unterscheidet sich die jetzige Epidemie wesentlich von ihren Vorgängern. Wohlstand und solide soziale Einrichtungen erlauben es heute vielen Menschen, lange daheimzubleiben, um die bedrohliche Epidemie einzudämmen. Mitte des 19. Jahrhunderts, als weltweit kaum jemand mehr als 400 Dollar, nach heutiger Kaufkraft, pro Jahr verdiente, konnten die meisten sich eine Isolation gar nicht erlauben. Sie wären schlichtweg verhungert.

Muslimische Betende im März 2020 in Berlin. 
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Chinas drastische Absperrung der Stadt Wuhan, nach Ausbruch der Corona-Epidemie, galt vielen daher zunächst als örtliche, autoritäre Lösung, die in keinem anderen Land machbar sein würde. Als die besten Epidemiologen ihre Modelle aufstellten, mit der Voraussage, 40 bis 70 Prozent der Bevölkerung würden sich in kurzer Zeit infizieren, übersahen sie die ungeheure Macht industrialisierter Gesellschaften, die nicht nur Sperrmaßnahmen durchsetzen, sondern die Krise auch vermitteln und den Isolierten Unterstützung gewähren können. Erkenntnisse für den nächsten Krieg beruhen stets auf dem zuvor, in diesem Fall der Spanischen Grippe von 1918.

Doch Covid-19 kam in einem Zeitalter beschleunigter Globalisierung und Industrialisierung, was sowohl seine rasche Ausbreitung als auch seine Eindämmung begünstigte. Das Corona-Virus trat auf, als DNA-Sequenzierung nicht mehr Zehntausende Dollar kostete, Cloud- Computing eine enorme Zahlenverarbeitung ermöglichte und die internationale Zusammenarbeit außerordentlich gut funktionierte. Wie der israelische High-Tech-Unternehmer Jonathan Adiri sagt: „Die Natur hat sich mit einer exponentiellen Erscheinung zu Wort gemeldet, und die Menschheit erwidert ihr erstmals mit einer exponentiellen Antwort – mittels der Wissenschaft“.

Unsere Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit, in der erneut viel Altgewohntes auf dem Prüfstand steht, mit Essays, Analysen, Interviews. Wir wollen Debatten führen und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

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Alle Texte der Serie: berliner-zeitung.de/zeitenwende

Tatsächlich wurden die populistischen, nationalistischen und fundamentalistischen Kräfte in den letzten zwei Monaten an den Rand gedrängt. Im Mittelpunkt stehen die Wissenschaftler mit ihren Fakten. Das geschah nicht gleich. „Man kann sich immer darauf verlassen, dass die Amerikaner das Richtige tun, nachdem sie alles andere ausprobiert haben“, witzelte Winston Churchill. Aber dieser Spruch betrifft hauptsächlich moderne Populisten. Donald Trump und Boris Johnson versuchten, jeder auf seine Weise, das Virus auf Wegen anzugehen, die der anerkannten wissenschaftlichen Auffassung zuwiderliefen. Beide mussten scharf umlenken, und ihre Staaten zahlen einen hohen Preis dafür.

Doch nicht nur Populisten betreiben die weltweite Revolte gegen die Globalisierung und die liberale Weltordnung, sondern auch Rassisten und Fundamentalisten. Im Iran sah man anfangs Bilder von Gläubigen, die weiterhin die Tore eines berühmten schiitischen Heiligtums küssten, gewissermaßen als religiöses Aufbegehren gegen die wegen Corona erlassenen Beschränkungen. In meiner Heimat Israel verlangte eine Minderheit ultraorthodoxer Rabbiner zunächst, weiter in Gemeinschaft zu beten und die Thora zu studieren. In den USA hielt ein evangelistischer Prediger in Florida, der Donald Trump in den höchsten Tönen gepriesen hatte, weiterhin seine religiösen Versammlungen ab und versprach seiner Gemeinde, dass sie dabei keinen Schaden nehmen würden.

In all diesen Fällen erlitten die Fundamentalisten eine Niederlage. Der Prediger aus Florida wurde von der Polizei festgenommen. Die jüdischen Rabbiner änderten ihre Meinung angesichts der Infizierungs- und Sterberaten. Und im Iran untersagten die Ajatollahs weitere Zusammenkünfte in den Heiligtümern. Das sind wunderbare Beweise für die Macht des Fortschritts. Er siegt nicht aufgrund seiner überzeugenden logischen Argumente; der Erfolg liegt im Zauber des Fortschritts selbst.

Hebt man den Blick jedoch zum Horizont, sieht man ihn immer noch nebelverhangen und tief im Zeitalter der Revolte befangen. Die Revolte verläuft nicht kohärent und organisiert, sondern disparat und führungslos, zielt mehr darauf, bestehende Machtstrukturen zu zerstören als neue zu schaffen. Sie ist das wichtigste Phänomen in unseren Leben seit dem 11. September 2001. Gelegentlich erscheint sie in populistischem, nationalistischem oder fundamentalistischem Gewand, aber die meisten Aufständischen sind normale Mittelständler, die sich großen Bedrohungen gegenübersehen.

Jeden Augenblick kann der Arbeitgeber ihnen kündigen, um das Werk ins Ausland zu verlegen oder stärker zu digitalisieren. Jeden Augenblick kann der Terror zuschlagen. Und jeden Augenblick kann sich die Identität ihrer Gemeinde verändern. Auch wenn diese Gefühle nicht immer auf Fakten beruhen, heizen sie die Revolte an. Die gegenwärtige Pandemie wird diese Gefühle kaum auslöschen.

Man redet derzeit viel darüber, dass die Welt sich wegen der Seuche verändert und künftig noch mehr verändern wird, und das trifft sicherlich zu. Aber man sollte auch bedenken, wie weit die Welt sich trotz der Krise nicht verändern wird. Die Revolte gegen die Globalisierung wird weiter die Grundlage für den großen Kampf unserer Zeit bilden – den Kampf um die Werte des Fortschritts selbst.

Auf den ersten Blick sollte man meinen, die Pandemie werde den ganzen Sturm der Impfgegner, Wissenschaftsfeinde, Populisten, Rassisten, Fundamentalisten und sonstiger Kreuzzügler gegen die Gedanken des Fortschritts stoppen. Aber tatsächlich zeichnet sich jetzt schon ab, dass diese Gruppen zwar abgedrängt, aber nicht besiegt sind. Donald Trump versucht krampfhaft, den öffentlichen Diskurs von seinen Versäumnissen auf einen nationalistischen Angriff gegen China umzulenken, worauf China auch nicht untätig bleibt.

Die zeitweise Flaute von Fake News und Verschwörungstheorien in den sozialen Netzwerken ist vorbei und in eine neue Welle von Falschmeldungen umgeschlagen. Falls die globale Wirtschaftskrise des letzten Monats anschwillt und die Arbeitslosenraten nicht bald wieder sinken, ist politische Instabilität vorprogrammiert.

Außerdem erhält der Protektionismus wesentlichen Auftrieb, und das nicht nur im Bereich medizinischer Produkte. In China hat die Regierung bereits die Rückkehr zum Reisanbau propagiert, in der Annahme, dass die Störungen in der Lieferkette von Nahrungsmitteln keine vorübergehende Erscheinung sein würden. Seuchen, die im Europa des Mittelalters wüteten, stärkten die weltliche Macht gegenüber der Kirche und erforderten mehr oder weniger umfangreiche lokale Maßnahmen zur Sicherung der Grundversorgung.

Während und nach einer Seuche entluden sich Ohnmacht, Trauer und Zorn in Wutausbrüchen gegen unzulängliche Einrichtungen. Manchmal äußerte sich das in rassistischen Anwürfen gegen Fremde, häufig Juden, in anderen Fällen gegen kirchliche oder fürstliche Machtzentren.

Es fragt sich daher nicht nur, wie die Pandemie enden wird, sondern auch, wie diese universale Erfahrung in positive Veränderungen umgemünzt werden kann. Die Pandemie kann als Allegorie für die Zukunft dienen, in Anlehnung an Albert Camus Roman „Die Pest“. „Das ist unmöglich, jedermann weiß, dass die merkwürdige Krankheit aus dem Abendland verschwunden ist“, sagt dort einer der Protagonisten. „Jawohl, außer den Toten wussten es alle“, lautet die prompte Antwort.

Epidemien unterstreichen die prekäre Lage der menschlichen Existenz sowie die Tatsache, dass der Mensch Teil der Natur und damit auf menschliche Solidarität angewiesen ist. Auf praktischer Ebene steht Covid-19 beispielhaft für eine gemeinsame Überlebensstrategie, die nicht nur auf engen und effizienten internationalen Beziehungen beruht, sondern auch auf dem Wissen um deren Bedeutung.

Wenn in einem Haus des globalen Dorfes eine Epidemie ausbricht, können seine Einwohner nicht einfach die Fenster schließen, dabei aber weiterhin aus dem globalen Brunnen trinken. Wie im Europa des Mittelalters Mächte entstanden, die im Namen des Gemeinwohls Schutzmaßnahmen für die Gesundheit des ganzen Dorfs treffen konnten, so kann man heute das Krisenmanagement im Fall neuer Pandemien nicht einzelnen Staaten überlassen. Das globale Dorf kann nicht überleben ohne globale Verantwortung und ohne eine übernationale Instanz, die einzelstaatliche Entscheidungen notfalls durch eigene ersetzen kann. Das gilt umso mehr, je enger die zwischenstaatlichen Beziehungen werden.

Diesmal hat es die Menschheit mit einer Pandemie zu tun. Nächstes Mal ist es vielleicht ein lokaler Krieg, der sich zum Weltkrieg ausweiten könnte, eine Wirtschaftskrise, die wieder auf eine große Rezession zusteuert, oder die ultimative Krise, die vor uns steht – der Klimawandel.

Solche Gefahren hat es immer gegeben, aber mit einer engstens vernetzten Wirtschaft und starken Handels- und Verkehrsverbindungen sind sie riskanter als jede Pandemie. Die Anhänger der liberalen Weltordnung haben die große Wirtschaftskrise von 2008 nicht für einen tiefgreifenden Wandel genutzt. Dadurch ist ein Vakuum entstanden, das Populisten und Nationalisten ansog. Dieser Fehler darf sich in der Welt nach Covid-19 nicht wiederholen.


Nadav Eyal ist Verfasser des Buches „Revolte – Der weltweite Aufstand gegen die Globalisierung“, erschienen Anfang 2020 im Ullstein Verlag, Berlin.

Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama