Abstand halten: Eine junge Frau steht alleine vor dem menschenleeren U-Bahnhof Eberswalder Straße. 
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

BerlinIch weiß nicht, wie oft ich in den letzten Tagen gelesen habe, was wir jetzt erleben, wäre gerade noch „undenkbar“ gewesen. Grenzen werden geschlossen, Grundrechte ausgesetzt – und wir? Sitzen auf unseren Sofas und führen immer wieder die gleichen Gespräche. Jeder hat jemanden, um den er besonders fürchtet, fast jeder durchsucht das Internet nach belastbaren Informationen. Die meisten Gespräche enden mit einem Eingeständnis: Wir wissen nicht mehr weiter.

An einem Tag erscheint es, als stünde die Welt wegen einer harmlosen Erkältungswelle Kopf. Am nächsten, als seien wir und alle die wir lieben, unmittelbar mit dem Tod bedroht. Dazwischen gibt es wenig.

Der Berliner Sender Radio Eins etwa veröffentlichte noch am 14. März ein Interview mit einer emeritierten Virologie-Professorin. Darin hieß es, nicht Corona sei das Problem, sondern „Panikmache“. Heute steht unter dem Interview eine Klarstellung: Die Professorin vertrete eine Einzelmeinung, „falls der Eindruck erweckt wurde“, der Sender wolle das Virus verharmlosen, bitte man um Entschuldigung.

Wir haben gesehen, wie Politiker, Ärzte und Journalisten innerhalb weniger Tage alles umgeworfen haben, was sie gerade noch voller Überzeugung in die Kameras sagten. Wir können im Moment nicht einmal sagen, ob wir übermorgen noch unsere Wohnung verlassen dürfen. Die Bundesländer überbieten sich in immer strengeren Vorschriften, gleichzeitig rufen die ersten nach einer Lockerung der Maßnahmen.

Nicht die Zeit, zu streiten

Das Robert-Koch-Institut publiziert unterdessen Berichte, in denen das Risiko als „hoch“ beziehungsweise „sehr hoch“ beschrieben wird – und schließt mit den Worten: „Diese Einschätzung kann sich kurzfristig durch neue Erkenntnisse ändern.“

Es gibt viele Menschen, die versuchen, dieser neuen, beunruhigenden Realität etwas abzugewinnen. In einigen WhatsApp-Kettenbriefen ist davon die Rede, dass die Natur langsam aufatmet, dass sich die Menschen auf das zurückbesinnen würden, was wirklich wichtig ist. Ich mache mir die Mühe zu antworten, wie privilegiert und egoistisch es sei, sich über den blauen Himmel zu freuen, wenn einige Hundert Kilometer weiter die Bestattungsinstitute kaum mit den Begräbnissen hinterherkommen. Die Antwort ist anders, als ich erwartet hätte. Zustimmung, Mitgefühl – und Ratlosigkeit.

Unsere neue Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit, in der erneut viel Altgewohntes auf dem Prüfstand steht, mit Essays, Analysen, Interviews. Wir wollen Debatten führen und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

Haben Sie eine Idee für die Serie „Zeitenwende“ oder wollen Sie uns Feedback geben? Schreiben Sie uns eine E-Mail an: zeitenwende@berlinerverlag.com

Alle Texte der Serie:
berliner-zeitung.de/zeitenwende

Es ist nicht die Zeit, um sich zu streiten, nicht die Zeit, um anderen Menschen ihre Fehler vorzuhalten. Wir alle haben uns in den letzten Wochen korrigieren müssen. Selbst der Charité-Virologe Christian Drosten hat in seinem Podcast immer wieder Dinge klargestellt, neu bewertet, Fehleinschätzungen eingeräumt. Es ist vermutlich diese Transparenz und Ehrlichkeit, die den Professor zu einer der einflussreichsten Informationsquellen des Landes macht.

Ich. weiß. es. nicht. Diese vier Worte sind der größte Gleichmacher, den es gibt. Chefs und Politiker fürchten sie, zu Unrecht, wie ich glaube. Wer eingesteht, dass er nicht weiterweiß, offenbart zwar, dass er auch nur ein Mensch ist – er appelliert aber gleichzeitig an eine der größten Kräfte, die wir Menschen haben: unsere Fähigkeit zur Kooperation. Dass wir immer da, wo es auf jeden Einzelnen ankommt, über uns hinauswachsen können – das wissen wir eigentlich. Trotzdem wagen CEOs und Minister es für gewöhnlich nicht, auf diese Kraft zu vertrauen. Unsicherheiten werden hinter Fünf-Jahres-Plänen und Flipcharts versteckt, die vier magischen Wörter niemals ausgesprochen.

Katastrophen bringen Menschen näher zusammen

Dabei sind wir Menschen darauf programmiert, mit Unsicherheit umzugehen. „Wenn es drauf ankommt“ ist es für uns selbstverständlich, das zu tun, was es in dem Moment braucht. Ich kenne Dutzende Geschichten aus den letzten zwei Wochen, in denen, wie man sagt, „Unmögliches möglich gemacht wurde“. Budgetpläne, die sonst mindestens ein Jahr im Voraus eingereicht werden müssen, wurden innerhalb von drei Tagen bewilligt. Mieten wurden erlassen oder halbiert. Beim Spaziergang durch meine Nachbarschaft sehe ich zahlreiche Blätter, auf denen „Solidarität“ steht, dazu Handynummern und Mailadressen. Wer Hilfe beim Einkaufen oder in anderen Bereichen des täglichen Lebens braucht, kann sich vor Freiwilligen kaum retten.

Mit anderen Worten: Wenn wir nicht wissen, wie es weitergeht, geben wir unser Bestes. Welche Mechanismen dahinterstehen, lässt sich zum Beispiel bei der amerikanischen Kulturhistorikerin Rebecca Solnit nachlesen. In „A Paradise Built in Hell“ zeigt sie auf, warum Katastrophen, wie zum Beispiel die verheerenden Erdbeben in San Francisco und Mexiko City, Menschen näher zusammenbringen: Eine Erkenntnis, die viele überraschen dürfte. Schließlich lehren klassische Theoretiker wie Thomas Hobbes seit Jahrhunderten, dass der Mensch in Momenten der Unsicherheit zum Wolf werde, Chaos und tödliche Gewalt seien unvermeidlich.

Ich bin 1987 geboren. Für meine Generation ist es das erste Mal, dass wir mit einer so großen Unsicherheit konfrontiert sind, das erste Mal, dass uns niemand sagen kann, wie es weitergeht. Für meine Eltern dagegen gab es diese Unsicherheit schon einmal: Als ich ein Kleinkind war und die DDR, in der sie lebten, zusammenbrach. Auch damals geschah, was sich niemand hatte vorstellen können, eine friedliche Revolution, angestoßen von Menschen, die mit Kerzen in den Händen auf bewaffnete Polizisten zugingen.

Damals: Eine Gruppe Frauen warten im Jahr 1992 vor der Poliklinik in Hoyerswerda. 
Foto: Christian Schulz

Doch innerhalb kürzester Zeit stand fest, dass der Osten Deutschlands möglichst schnell so werden sollte wie der Westen. Der Moment der Unsicherheit war vorbei, die Kraft des Ungewissen kam zum Erliegen. Man arbeitete auf ein Ziel hin, verzweifelte daran, dass es nicht klappte, bemühte sich weiter, hatte kleine Erfolge. Das kollektive „Ich weiß es nicht“ gab es nicht mehr, stattdessen Tausende einsame „Ich kann nicht mehr“-Momente, in denen Arbeitsplätze und Perspektiven verloren gingen.

Die Unsicherheit, die wir heute erleben, ist anders – und sie ist in gewisser Weise grenzenlos. Denn wann immer man über Corona spricht, spricht man auch über seinen eigenen Körper. Darüber, wie alt man ist, welche Vorerkrankungen man hat. Wir offenbaren Freunden, wie lange wir geraucht haben, welche psychischen Belastungen und Ängste das Virus in uns weckt. Kaum jemand hat ein Problem damit, seine eigene Verletzlichkeit zu thematisieren: Man weiß ja, dass es allen anderen ähnlich geht.

Das bringt uns einerseits zusammen. Andererseits habe ich in den letzten Wochen oft gehört, wie unsicher das Leben im Allgemeinen ist. Man kann schließlich nicht nur am Corona-Virus sterben. Wir sind auch dann verletzlich, wenn wir in ein Auto steigen, wenn wir eine Glühbirne montieren, wenn wir im Krankenhaus in eine Magnetresonanz-Röhre geschoben werden.

Die Unsicherheit ist eigentlich immer da

Die Unsicherheit, die wir jetzt spüren, ist, wenn wir ehrlich sind, immer da. Niemand von uns weiß, wo er in einem Jahr stehen wird, wie es ihm dann gesundheitlich, beruflich oder psychisch gehen wird. Diese Wahrheit ist besonders für die, die viel zu verlieren haben, schwer zu ertragen. Versicherungen – die sich jetzt gerne einmal mit dem Argument herausreden, man habe sich zwar gegen die Folgen einer Epidemie versichert, aber nicht gegen die Konsequenzen einer Pandemie – machen mit diesem Unbehagen viel Geld.

Ich würde sagen: Wir sollten uns auf die Unsicherheit einlassen, uns sogar mit ihr anfreunden. Das ist nicht nur pragmatisch und realistisch – es macht das Leben auch leichter. Wer nicht bei jeder Herausforderung einen Plan aus der Schublade zaubern muss, der gewinnt Zeit.

Diese Krise zeigt eindrücklich, wie viel Leid entstehen kann, wenn Machthaber glauben, sie hätten alles im Griff. Der amerikanische Präsident, der gerade noch behauptet hat, man müsse sich keine Sorgen machen, steht nun besonders schlecht da. Angela Merkel dagegen hat die Lage in ihrer Fernsehansprache als „dynamisch und offen“ bezeichnet. Sie hat offengelegt, dass auch sie nicht weiß, wie sich die Lage weiterentwickeln wird, dass auch sie von Tag zu Tag entscheidet. Der Stressforscher Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner-Klinik in Berlin, sagte im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, an dieser Stelle habe er „ein bisschen innehalten müssen“. Transparenz sei ja einerseits gut. Andererseits müsse man sich klarmachen, dass eine solche Aussage „die Menschen sehr verunsichert“. Er hätte sich stattdessen ein „Wir schaffen das“ gewünscht – so wie es Merkel 2015 in der Flüchtlingskrise verkündet hat.

Ich glaube, das Gegenteil ist richtig. Dass die Bundeskanzlerin für ihr „Wir schaffen das“ so scharf kritisiert wurde, hat Gründe. Merkel konnte 2015 nicht wissen, wie Deutschland mit den Geflüchteten umgehen wird. Sie konnte weder die Kölner Silvesternacht noch den Aufstieg der AfD vorhersehen. Sie versprach mehr Sicherheit, als sie haben konnte. Ich bin davon überzeugt, dass auf diese Weise nicht mehr, sondern weniger Sicherheit entstanden ist.

Heute setzt Merkel auf Transparenz – und auf eine Bevölkerung, die mit dieser Unsicherheit umgehen kann. Das ist nicht nur mutig, sondern auch richtig. Schon jetzt zeigen die Zahlen, dass ein Großteil der Deutschen alles tut, um das Virus an der Ausbreitung zu hindern.

Den Mut zur Unsicherheit nach dem Ende der DDR

Womöglich wäre es dieser „Mut zur Unsicherheit“ gewesen, den wir auch vor dreißig Jahren, nach dem Zusammenbruch der DDR gebraucht hätten. Wenn man sich die Situation aus der heutigen Perspektive anschaut – was natürlich eine bequeme Position ist – erscheint es offensichtlich: Niemand war auf diese Situation vorbereitet, niemand hatte Übung darin, zwei unterschiedliche Staaten und Systeme zusammenzuführen. Niemand konnte wissen, was vierzig Jahre Diktatur im Osten angerichtet hatten, niemand wusste, ob die Firmen der DDR auf dem Weltmarkt eine Chance haben würden.

Doch die ostdeutschen Bürgerrechtler, die damals auf Dialog und Pluralismus setzten und hofften, in dieser neu entstandenen Unsicherheit auch über Ökologie und direkte Demokratie sprechen zu können, konnten sich nicht durchsetzen. Was sie forderten, klang vage und experimentell. Mit großer Mehrheit stimmten die Ostdeutschen für das, was sicher wirkte: Helmut Kohl, die D-Mark, der schnelle Anschluss an den Westen. Es schien wie der risikofreie Weg zu Wohlstand und Prosperität.

In den Jahren darauf fielen diese Sicherheiten in sich zusammen. Wo blühende Landschaften versprochen waren, herrschten Arbeitslosigkeit und Armut. Viele Ostdeutsche fühlten sich getäuscht, sprachen von falschen Versprechungen oder Lügen.

Natürlich wissen wir nicht, wie die Experimente der Bürgerrechtler ausgegangen wären, was der „Mut zur Unsicherheit“ hervorgebracht hätte. Wovon ich aber überzeugt bin: Die Situation war auch damals „dynamisch und offen“. Es wäre gut gewesen, wenn die Menschen im Osten das gewusst hätten.

Der Mensch entscheidet sich immer wieder für das Gute

Ein Buch, das mir in der letzten Woche ein wenig von meiner Unsicherheit genommen hat, stammt von dem niederländischen Historiker Rutger Bregman und heißt „Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit“. Bregman ist erst 32 Jahre alt, gilt aber als einer der wichtigsten Denker unserer Zeit. Auf 1135 Seiten argumentiert Bregman für ein Prinzip, das wir im Privaten ständig praktizieren – auf das wir aber in der öffentlichen Ordnung eher nicht setzen wollen: Vertrauen. In unzähligen Beispielen belegt Bregman, wie sich der Mensch, wenn man ihn lässt, immer wieder für das Gute entscheidet. Das gilt, ganz besonders, in Notsituationen.

Die Geschichten von Menschen, die einander retten, Soldaten, die nicht aufeinander schießen und Städten, die in Krisen zueinanderstehen, klingen bei Bregman nicht rührselig, sondern realistisch. Der Niederländer schreibt nicht über das, was geschehen könnte, er stellt keine Theorien auf, sondern er betrachtet die historische Realität.

Man kann das Buch nicht lesen, ohne an das erinnert zu werden, was wir in diesen Wochen erleben. Die ganz normalen Menschen, die Masken nähen, füreinander einkaufen gehen oder aus Rücksicht wochenlang zu Hause bleiben – sie sind auch heute nicht die Ausnahme. Sie sind die Regel.

In einigen Monaten, wenn die Pandemie vorüber ist, werden wir uns an diese Solidarität erinnern. Wir werden uns von dem Stress erholen müssen, den wir jetzt gerade erleben, wir werden uns ausruhen müssen, in dem Wissen, dass es nun nicht mehr so sehr auf jeden Einzelnen ankommt.

Wenn wir Glück haben, wird dazu noch eine Gewissheit kommen, die manche längst vergessen haben: Dass wir, wenn es darauf ankommt, auf unseren eigenen Notfallmodus und die Menschen um uns herum vertrauen können.