Eine Bauruine in Eisenhüttenstadt, Brandenburg.
Foto: Martin Maleschka

BerlinAls Kind war ich auf einem Rummelplatz einmal in einem Raum voller Spiegel. Ich ging hinein, erst ganz forsch, dann vorsichtiger. Die Menschen, die ich in den Spiegeln sah, wirkten wie Monster, mit riesigen Köpfen und kleinen kurzen Beinen. Ich ging weiter und stand plötzlich Kopf, als wäre die Schwerkraft aufgelöst, ins Gegenteil verkehrt. Der nächste Spiegel verschluckte Arme, Beine, Rumpf. Mein Kopf schwebte ohne Körper, wie ein Aladin, aber ohne magische Kräfte. Wenn ich in der vergangenen Woche von der Unsicherheit der Abiturschüler gelesen habe, die nicht wissen, ob sie ihre Prüfungen schreiben oder ob sie ein Not-Abitur ablegen werden, die sich Sorgen machen um Verwandte und ihre Zukunft, dann fiel mir das Spiegelkabinett ein. Es beschreibt mein Gefühl im Jahr 1990, ein Gefühl der Verlorenheit.

Ich war damals Schülerin in Eisenhüttenstadt, kam im September in die zehnte Klasse. Das Abitur war noch zwei Jahre hin, aber trotzdem bestimmte es alle unsere Gespräche und Gedanken. Was würde aus uns werden? Würden wir Abitur machen können? Und was wäre dieses Abitur wert?

In den Monaten zuvor hatte sich alles um uns herum geändert: Land, Währung, Schulsystem. Die DDR war zusammengebrochen, in sich zusammengefallen, im Juli war die D-Mark eingeführt worden, im Oktober 1990 würde die DDR verschwinden. Erst ein Jahr zuvor, im September 1989, war ich in eine Sprachspezialklasse, die sogenannte Talente-Klasse der EOS Clara Zetkin in Eisenhüttenstadt, aufgenommen worden und ins Internat gezogen. Ich war sehr stolz, ich war erst die Zweite in der Familie, die Abitur machen sollte. Es war eine besonders strenge Schule, für einen Witz über das Politbüro konnte man im Herbst 1989 noch der Schule verwiesen werden. Selbst die unbeliebtesten Lehrer konnten sich drauf verlassen, dass ihre Autorität nicht infrage gestellt wurde.

Aus Staatsbürger- wird Gesellschaftskunde

Nur ein Jahr später zogen wir in ein neues Schulgebäude, die Schule sollte ein Gymnasium werden, die Talente-Klasse wurde abgewickelt. Das Talente-Fördersystem galt auf einmal als unmoderner Drill. Die Talente der DDR wurden nicht mehr gebraucht. Ich nahm das hin, wie eine Naturkatastrophe oder eine Epidemie.

Ich erinnere mich an das von Creme glänzende Gesicht unserer Klassenlehrerin, Frau Wilke, wie sie uns irgendwann m Herbst 1990 versicherte: „Aber ihr werdet trotzdem euer Abitur machen können.“ Leider könne sie uns noch nicht sagen, ob es dann auch im Westen anerkannt werden würde.

In mancher Hinsicht war die Unsicherheit damals existenziell, man merkte das den Lehrern an, sie waren anders als heute zwar physisch da, nicht in Heim-Isolation. Aber vielleicht in mentaler Isolation, im geistigen Exil, für uns nicht greifbar, sie schlichen über die Gänge, als läge eine schwere Last auf ihren Schultern, über die sie mit niemandem reden konnten.

Die Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit, in der erneut viel Altgewohntes auf dem Prüfstand steht, mit Essays, Analysen, Interviews. Wir wollen Debatten führen und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

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Alle Texte der Serie:
berliner-zeitung.de/zeitenwende

Schon im Frühjahr hatte es eine Veränderung gegeben. Das Fach Staatsbürgerkunde war abgeschafft worden, es hieß nun Gesellschaftskunde. Der neue Gesellschaftskundelehrer war der alte Staatsbürgerkundelehrer. Er hatte sich ein West-Kostüm angezogen, rosa Hemd, golden glänzende Armbanduhr. Er trug die Grundsätze von Ludwig Erhard mit der gleichen Überzeugung vor wie zuvor die von Karl Marx, Friedrich Engels und Erich Honecker. Aus „Frieden und Sozialismus“ wurde „Demokratie und Toleranz“. Beides klang gleich hohl.

Wenn ich heute sehe, dass so viele ostdeutsche Männer und Frauen meines Alter die repräsentative Demokratie ablehnen, nicht verstehen, dann frage ich mich, ob das nicht auch mit der mangelnden Qualität des Schulunterrichts damals zu tun hat, der fehlenden Diskussionskultur, den überforderten Lehrern.

Der ehemalige Staatsbürgerkundelehrer, Herr Weinlein, verschwand von einem Tag auf den anderen ohne Erklärung. Der Posten des Direktors wurde dauernd neu besetzt. „Es war Anarchie“, sagte mir der langjährige Direktor Jörn Weise, der 1991 ins Amt kam, später einmal.

Die Lehrer, die blieben, veränderten sich, die Russischlehrerin steckte ihr ganzes Engagement in eine New-Age-Bewegung, der Geschichtslehrer igelte sich immer mehr ein, wich Debatten mit Schülern aus, und Frau Wilke, die Klassenlehrerin, traute sich nicht mehr, im Unterricht hart durchzugreifen. „Strafarbeiten und Nachsitzen galten als Stasi-Methoden, alle Staatsbediensteten wurden mit Stasi gleichgesetzt“, klagte eine pensionierte Lehrerin im Rückblick.

Damals waren Lehrer und Schüler von der neuen Situation gleichermaßen überfordert und verunsichert. Das Machtverhältnis, das vorher zwischen Lehrern und Schülern existiert hatte, oben und unten, war weg. Wir alle bewegten uns zögernd durchs Spiegelkabinett, wir standen Kopf, die Welt war spiegelverkehrt. Heute sind die Lehrer wieder verunsichert, von praktischen Fragen: Wie sollen sie Unterricht organisieren und gleichzeitig Sicherheitsabstand einhalten? Werden moderne Konzepte wie Gruppenarbeit überhaupt noch gebraucht? Wird man wieder zum Frontalunterricht zurückkehren müssen? Können Lehrer und Schüler heute besser miteinander über die gemeinsame Verunsicherung reden? Und wenn es nur über Zoom oder Skype ist?

„Das Talente-Fördersystem galt auf einmal als unmoderner Drill. Die Talente der DDR wurden nicht mehr gebraucht. Ich nahm das hin, wie eine Naturkatastrophe oder eine Epidemie“: Abiturprüfung an einer Erweiterten Oberschule in der DDR.
Foto: Ullstein Bild/Erich Schutt

Unsere Lehrer liefen mit Kopien unter dem Arm durch das Schulgebäude, Schulbücher gab es lange nicht, weil die westdeutschen Druckereien nicht hinterherkamen. Aus dem alten System durften nicht einmal die Mathebücher verwendet werden. Die Lehrer lebten von Tag zu Tag, sie fürchteten um ihre Anstellung, mussten sich neu bewerben. Später, viel später, erzählte mir einer, dass er panische Angst vor Nachfragen der Schüler zum neuen Lehrstoff hatte, den er sich selbst erst in der Nacht zuvor eingepaukt hatte.

In Berlin werden in der nächsten Woche die Abiturprüfungen wahrscheinlich geschrieben werden, so hat es der Senat am vergangenen Donnerstag entschieden, die Schülervertretung ist allerdings dagegen und würde das Examen lieber ausfallen lassen. Jedes Bundesland handhabt die Lage anders. In einem Text bei Zeit Online habe ich von zwei Abiturienten aus Bayern gelesen, die sich wünschen, dass die Prüfungen abgesagt werden. Der Ruf des Corona-Abiturs hänge ihnen sowieso nach, schreiben die beiden jungen Männer. Sie haben Angst, dass sie sich nicht ausreichend vorbereiten können. Ihnen und vielen Mitschülern fehle die Konzentration zum Lernen, auch die Eltern seien keine Hilfe. „Manche arbeiten gefühlt rund um die Uhr, andere fürchten um die Existenz“, schreiben die Autoren.

Mein Vater war 1990 direkt nach der Währungsunion arbeitslos geworden. Nach dem Sommerurlaub hatte man ihm gesagt, dass er nicht mehr in sein Kombinat zurückzukehren brauche. Meine Mutter kämpfte mit Anwälten, die Ansprüche auf unser Haus und sogar auf einzelne Möbelstücke geltend machten. Es ging um die Ansprüche von Alteigentümern und Rückübertragung. Mit der Schule und meinen Sorgen um die Zukunft ließ ich sie in Ruhe. Ich wollte sie nicht noch mehr belasten.

Die Zeit verging, und in Eisenhüttenstadt fielen die Tabus. An den Häuserwänden tauchten Sprüche auf wie „Deutschland über alles“ und Hakenkreuze. Rechtssein wurde zu einer Jugendkultur, nur dass das damals keiner sehen und hören wollte. Weder Ost noch West.

Als 1992 Molotow-Cocktails auf das Asylbewerberheim flogen, da sprach man in der Stadt von dem „Protest der Jugendlichen“ gegen die Arbeitslosigkeit der Eltern. Wenn jemand ein Nazi war, sagten die Erwachsenen: „Er ist politisch.“ Es heißt heute oft, diese rechte Kultur sei vom Westen eingeschleppt worden. Aber in Eisenhüttenstadt gab es so gut wie keine Westler.

Ich denke an die Zeit zurück und ich frage mich oft, wo die Erwachsenen zu jener Zeit waren, also jene, die kurz zuvor so mutig Demonstrationen organisiert und damit die Mauer eingerissen hatten. Die sich auch schon zu DDR-Zeiten gegen Rassismus eingesetzt hatten. Wo waren die? Eben hatten sie sich noch mit den Mächtigen der SED angelegt, ihre Freiheit riskiert, und jetzt schafften sie es nicht mehr, sich mit den Jugendlichen auseinanderzusetzen, klare Worte gegen diese rechten Sprüche zu finden?

Sorgen und Ängste

Warum schreibe ich das ausgerechnet jetzt? Vielleicht deshalb: Weil ich nicht möchte, dass wieder so eine Generation Jugendlicher allein gelassen wird. Mit ihren Sorgen und Ängsten vor der Zukunft. Ich möchte nicht, dass sie sich an starke Typen hängen, die ihnen scheinbar einfache Erklärungen liefern. Schon jetzt merke ich, wie in den ostdeutschen Familien-WhatsApp-Gruppen die Verschwörungstheorien kursieren, wahlweise steckt mal China, mal Bill Gates hinter der Epidemie.

Im Sommer 1993 machte ich Abitur, nach 12 Jahren. Bildungsgang erweiterte Oberschule, das stand auf dem Abiturzeugnis, als Zeichen dafür, dass ich eine Schule besucht hatte, die es nicht mehr gab. Wir waren die letzten unserer Gattung, danach kamen die Jahrgänge mit den 13 Schuljahren. Sie werden ins Leben eintreten, sagten die Lehrer. Ich trat ins Leere. Ich hatte keine Ahnung, was als Nächstes passieren würde. In der Zeitung stand, dass ich zu den Wendegewinnern gehöre. Eine Generation, die unbelastet in die Zukunft aufbricht.

In der Immatrikulationsstelle der Uni Hamburg sprach mich die Sachbearbeiterin auf mein Abiturzeugnis an. Abiturnote 1,3? Das müsse man ja mit Faktor drei multiplizieren, es sei ja bekannt, dass im Osten den Schülern die guten Noten hinterhergeworfen worden seien. Das war nur eine kleine Bemerkung, ich hatte dadurch keine Nachteile, mein Abitur galt im Westen. Und dafür war ich dankbar. Ich bekam ja die Immatrikulation, aber der Satz blieb mir dennoch im Gedächtnis. Mein Abitur war ein Zweite-Klasse-Abitur. Deshalb kann ich die Ängste der jungen Leute nachvollziehen, die sich Sorgen machen vor dem Stigma eines Corona-Abiturs. Nie wieder musste ich danach mein Abiturzeugnis vorlegen, und es fragte auch nie wieder jemand danach.

Es ist das Schöne am Leben, dass man merkt, dass Zeugnisse nicht so wichtig sind, wie sie in dem Moment vor den Prüfungen erscheinen. Wichtiger ist, was man fürs Leben lernt in so einer Umbruchzeit.

Sabine Rennefanz hat ihre Erfahrungen in der Wendezeit in ihrem Buch „Eisenkinder“ zusammengetragen.