Flur eines Krankenhauses, 1990.
Foto: imago images/Sven Simon

BerlinIm Erzählsalon zu 30 Jahren Deutsche Einheit geht es am Dienstag um das Thema Gesundheit. Volkmar Lischka aus Stendal, Jahrgang 1941, hat vom Ende der 1970er Jahre bis zur Wende als stellvertretender Ärztlicher Direktor und als Ärztlicher Direktor am Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie in Uchtspringe (Stendal) gearbeitet. Heute bietet er ambulante Sprechstunden an.

Herr Lischka, gibt es einen Moment nach der Wende, in dem Sie begriffen haben, dass Sie nun in einem neuen Gesundheitssystem arbeiten?

Ja. Es erschien ein von der Landesregierung beauftragter betagter Landesmedizinaldirektor, der den Auftrag hatte, in unserem Langzeit- und Akutbereich festzustellen, wer der Kostenträger sein muss. Er hat eine Weile in den Krankengeschichten geblättert, die wir ihm wäschekörbeweise herbeitrugen und sagte: Verwahrfall. Dann blätterte er wieder und sagte: Behandlungsfall. Verwahrfall war für die Sozialkostenträger und Behandlungsfall für die Krankenkassen. Kostentrennung war der elementare Unterschied. Dahinter lag das Zuschieben der Kosten in die eine oder in die andere Richtung.

Wie war die Abrechnung bis dahin geregelt?

Wir hatten einen auskömmlichen Haushalt, der staatlich bestimmt war, und wenn wir Geld brauchten für eine Stelle, wurde das in den Haushalt aufgenommen. Nach der Wende gab es Pflegesatzverhandlungen. Die erste war schwer, weil wir keine Ahnung davon hatten. Dann wurde ein Finanzunternehmen beauftragt, eine Kostenanalyse zu machen. Das Unternehmen gab dann vor, wir bräuchten nur einen Röntgenassistenten und nicht zwei. Ohne Fachkenntnis wurden solche Feststellungen gemacht. Aber nicht an allen Krankenhäusern. Dadurch ergaben sich für einige Krankenhäuser Benachteiligungen. Dann wurden die Budgets gedeckelt.

Wie hat sich das ausgewirkt?

Wenn es zum Beispiel eine tarifliche Lohnerhöhung von 1,2 Prozent gab, haben die Krankenkassen nur ein Prozent bezahlt. So kam es zu dem Phänomen, über das die Gesellschaft jetzt laut aufschreit, dass wir überall zu wenig Betreuungspersonal haben. Die Leute in den Krankenhäusern haben immer wieder darauf aufmerksam gemacht, aber ohne Erfolg. Das Erstaunen über den heutigen Mangel finde wiederum ich sehr erstaunlich, weil ja der Abbau systematisch stattgefunden hat. Das zweite Übel war, dass die Wohlfahrtspflege zur Geschäftsidee wurde. Es ging darum, Geld zu verdienen.

Sie halten das für einen Fehler?

Richtig, nicht nur im Gesundheitswesen, die gesamte Wohlfahrtspflege, auch die Kinder- und Jugendbetreuung, die Altenpflege. Ich kann Beispiele nennen, wo Operationen durchgeführt werden, die nicht notwendig sind oder Operationen, die sinnvoll wären, nicht gemacht werden, weil es für eine andere Form mehr Geld gibt. Es wird das gemacht, was das meiste Geld bringt. Es werden Zielprämien ausgesetzt. Ich habe nach dem hippokratischen Eid die Pflicht, das zu tun, was für den Patienten am besten wäre. Das kann ich doch nicht nach meinem Verdienst ausrichten.

Sie haben mehr als 50 Jahre lang psychiatrische Sprechstunden angeboten. Mit welchen Problemen kommen die Menschen?

Ich praktiziere noch. Ich fahre in ein Altenheim und betreue dort gerontopsychiatrisch, und ich habe Sprechstunden, in die Menschen mit Depressionen, Psychosen, Demenzen kommen.

Was hat sich verändert?

Es gibt heute andere Diagnosen: Burn-out, posttraumatische Belastungsstörung, Überlastungssyndrom, Angstsyndrom. Sicher gab es posttraumatische Belastung auch früher, aber ich kann mich noch an die letzten Kriegstage erinnern, wir haben gehungert, da frage ich mich manchmal, wie hat meine Mutter das ausgehalten. Die Zeit und der Zeitgeist und auch das System der DDR legen in manchen Fällen nahe, Erklärungen zu finden, anstatt bei sich selber zu gucken.

Die Beschwernisse haben sich nicht verändert, aber der Zeitgeist?

Ja, so ist es.

Warum sind Sie Arzt geworden?

Weil ich Vorbilder hatte. Mein Vater war Turbineningenieur. Wir hatten einen Hausarzt, der war sportlich und witzig und einfühlsam, dann hatte ich einen wunderbaren Biologielehrer und später einen Professor in Psychiatrie, die ich sehr bewundert habe.

Der Zeitenwende-Live-Erzählsalon zum Thema Gesundheit wird am Dienstag, den 23. Juni, um 18 Uhr auf der Website der Berliner Zeitung/Zeitenwende übertragen. Neben Volkmar Lischka werden sechs weitere Teilnehmer berichten, was sie für Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem gemacht haben, darunter auch Heinrich Niemann, Sozialmediziner, der für die Berliner Zeitung den viel beachteten Text schrieb: Was die DDR in der Seuchenbekämpfung besser machte.

Alle Teilnehmer:

- Volker Lischka, Stendal, Jahrgang 1941, ehemaliger Ärztlicher Direktor

- Wolfgang Dübel, Bernau, Jahrgang 1941, ehemaliger Leiter einer Poliklinik

- Tobias Ittner, Jena, Jahrgang 1993, examinierter Krankenpfleger

- Claudia Menzel, Weimar, Jahrgang 1973, Ärztin

- Brigitte Böttcher, Bannewitz (Sachsen), Jahrgang 1943, Physiotherapeutin

- Bettina Berger, Herdecke, Jahrgang 1967, Kultur- und Gesundheitswissenschaftlerin

- Heinrich Niemann, Berlin, Jahrgang 1944, Sozialmediziner