Gert Schilling, 75, ehemaliges Mitglied vom Runden Tisch und Ex-Bürgermeister von Weißensee, vor seinem Haus in Berlin-Karow.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Berlin - Der Revolutionär bittet auf die Terrasse am Stadtrand in Karow. Er trägt ein kariertes Hemd in frühlingshaften Farben, die gut zum kleinen Garten passen. Der Flieder blüht, der Rasen ist kurz geschnitten, die Vögel singen wie verrückt, der Nachbar mäht Rasen.

Der Revolutionär heißt Gert Schilling, ist 75 Jahre alt und Rentner. Der Vorschlag, ihn zu treffen, kam vom SPD-Vorsitzenden in Weißensee, Georg Heyn. Er war 1990 noch nicht einmal geboren, kennt aber die Fernsehserie „Weissensee“ und hat neulich bei einer Rede von Schilling erfahren, „wie sich ein welthistorisches Ereignis ganz konkret hier widergespiegelt hat“. Anlass für die Rede war der 30. Jahrestag der Gründung der Sozialdemokratie im Bezirk, Gert Schilling war damals dabei, aber nicht nur das. Er saß auch am Runden Tisch, hat die Staatssicherheit im Bezirk entwaffnet und wurde am 1. Juni 1990, vor genau 30 Jahren, der erste frei gewählte Bürgermeister nach der „Revolution“.

Das Wort fällt immer wieder an diesem Corona-Nachmittag, an dem die größte Sorge ist, dass die Stühle in vorschriftsmäßigem Abstand stehen. Vielleicht wirkt es deshalb so groß und fern, vielleicht betont es Schilling deshalb so stark. Er hat seine Geschichte für die Genossen im Ortsverband aufgeschrieben, aber noch nicht oft erzählt. Seine Stimme zittert ein wenig, vor ihm auf dem Tisch liegt ein Zettel, auf dem er sich Stichpunkte gemacht hat. Man spürt, wie er versucht, sein Leben in einen größeren Zusammenhang zu rücken, die Rolle, die ihm nahegelegt wird, anzunehmen, eine Heldenrolle.

Er kommt nicht aus Weißensee, sondern aus Thüringen. Bendeleben heißt das Dorf, in dem er aufwuchs. Das sagt er gleich, und auch, dass sein Großvater väterlicherseits NSDAP-Mitglied war. Zum Glück gab es noch einen anderen Großvater, mütterlicherseits, ein Sozialdemokrat. Diese Gegensätze hätten ihn geprägt, sagt Schilling.

Grenzsoldaten am Brandenburger Tor, 1990.
Foto: Imago/Rolf Zöllner

Er studierte in Magdeburg und an der Humboldt-Universität, wurde Ingenieur beim VEB Elektroprojekte und Anlagenbau in Ost-Berlin, seine Frau war Ärztin. Sie wohnten in einem Neubau in der Falkenberger Straße und waren Mitglied in der evangelischen Gemeinde Weißensee. Beim Kirchentag 1987 in Ost-Berlin lag eine Liste einer Ärztegruppe für den Frieden aus. Sie trugen sich ein. So begann es, Schillings Leben als Revolutionär. Mit einer Liste. „Im Nachhinein nannte man das eine Oppositionsgruppe. Wir haben das aber nie gesagt.“

Er ist entwaffnend ehrlich und scheint immer noch ein wenig verblüfft, wie er, ein 45-jähriger Ingenieur, der Walzgutindikatoren für Stahlträger herstellte, Teil eines welthistorischen Ereignisses wurde. Was er machte, erschien ihm nicht besonders groß oder gefährlich. Er hat dem Neuen Forum einen Raum in Weißensee besorgt und für die Ärztegruppe Artikel aus DDR-Zeitungen ausgewertet. Es ging um Vorurteile und Feindbilder. Sein Sohn floh im September 1989 über Ungarn in den Westen, er selbst verbrachte damals fast jeden Abend in der 700 Jahre alten Pfarrkirche in der Berliner Allee, hörte sich die Sorgen der Leute an, machte ihnen Mut. „Ich wollte was verändern“, sagt er.

In der Pfarrkirche war er auch an jenem Abend, als die Mauer fiel, hier traf er den Mann, der für die neue ostdeutsche Sozialdemokratie (SDP) warb. Schilling fiel der Großvater mütterlicherseits ein, der gute Teil seiner Familiengeschichte, und meldete sich an. Zur ersten Versammlung kamen zwei Tischler, ein Kraftfahrer, ein Funkmechaniker. Als später jemand für den Runden Tisch in Weißensee gesucht wurde, sahen alle ihn an. „Die waren Arbeiter, die wollten nicht reden, sondern machen“, sagt Schilling. „Also ging ich hin.“

Das erste Treffen war am 19. Dezember, und er erinnert sich daran, dass er sich fühlte wie „der Neue“. Alle saßen hier zusammen. Ehemalige SED- und neue PDS-Mitglieder, Leute vom Neuen Forum und Demokratie Jetzt, die Weißenseer Bürgermeisterin, die wegen Wahlfälschung angeklagt wurde, der Mann, der die Wahlfälschung aufgedeckt hatte. Schilling bekam den Auftrag, sich um die Auflösung der Staatssicherheit zu kümmern. Er redet lauter jetzt, schneller. Die Stasi-Auflösung, weiß er wohl, ist sowas wie der Höhepunkt seiner revolutionären Laufbahn, eine Geschichte, die mithalten kann mit all den anderen Heldenerzählungen der letzten 30 Jahre.

In der Liebermannstraße befand sich ein großer Komplex des Personen- und Wachschutzes, 3000 Mitarbeiter arbeiteten dort.  Niemand wusste, was sie dort machten. An einem Januarmorgen trafen sie sich an der Wache, 20 Männer vom Runden Tisch, darunter Tino Schwierzina, der später Ost-Berlins letzter Bürgermeister wurde. Der Mann an der Wache trug eine Uniform und holte seinen Vorgesetzten. Der Vorgesetzte kontrollierte die Ausweise, dann durften sie rein. Das Gelände war riesig, eine eigene Stadt mit Fuhrpark, Werkstätten, Geschäften, Friseur, einem Bunker und zehn Waffenkammern, sagt Schilling. Auf einem Monitor sahen sie, wie Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der gerade in der Stadt war, durch die Charité lief. Alles war immer noch in Benutzung, als wäre die Mauer nie gefallen.

Und dann?

„Wir haben uns in Gruppen aufgeteilt und die Waffenkammern besichtigt.“

Wie sah es da aus?

„Na, so wie es bei der Armee eben aussieht.“

Wie denn?

„Na, da stehen Maschinenpistolen in Schränken.“

Die Besichtigung des Stasi-Geländes klingt nicht viel spektakulärer als ein Betriebsausflug bei der Bundeswehr. Niemand bedrohte sie, niemand setzte sich zur Wehr. Allerdings fanden sie dann noch Handgranaten. Tausende. „Die lagen da einfach so rum.“ Und als Schilling bei der nächsten Sitzung vom Runden Tisch darüber berichtete, sprang ein Mann in Uniform auf. Er stellte sich als Mitglied des Wehrbezirkskommandos vor und sagte: „Herr Schilling, das ist doch viel zu gefährlich für Sie. Wir helfen Ihnen.“

Schilling lacht, immer noch ein wenig ungläubig. Die NVA war Teil des DDR-Staatsapparats, der Feind, der besiegt worden war. Für ihn passte das nicht zusammen, und heute, 30 Jahre später, scheint es noch weniger zu passen. „Ein besonderes Beispiel politischer Wende“, nennt er es in seinen Aufzeichnungen ein wenig ratlos. Zur nächsten Besichtigung des Stasi-Geländes nahm er drei NVA-Offiziere mit und stimmte zu, als sie vorschlugen, sich drei Tage später mit ihnen im Wehrkreiskommando zu treffen. Morgens um sieben, weil er danach gleich zur Arbeit wollte. Aber die Offiziere ließen ihn nicht gehen. „Die haben gesagt, die Stasi-Leute werden doch alle arbeitslos, dann knallt bei denen die Sicherung durch. Die Waffen müssen weg.“

In diesem Moment, sagt er, habe er das erste Mal den Ernst der Lage begriffen, und dass sie etwas machen mussten. Sofort. Sie fuhren ins Rote Rathaus, der Chef des Wehrkreiskommandos, ein Oberst, und er. Mit Fahrer und Dienstwagen. Im Rathaus berichteten sie von den Waffenkammern, den Maschinenpistolen, den Handgranaten, aber niemand reagierte. „Da war einer von der Generalstaatsanwaltschaft, der Volkspolizei, vom Innenministerium und der Modrow-Regierung. Die standen einfach auf und wollten gehen.“

Was hat er gemacht?

„Geschrien. Das ist Ihre Aufgabe! Ich müsste eigentlich längst auf der Arbeit sein.“

Schreien half. Die NVA bekam den Auftrag, die Gewehre und Handgranaten wegzubringen. Noch am selben Abend wurden die Waffenkammern versiegelt. Der Oberst und er sahen zu. Am nächsten Tag ging Schilling wie jeden Morgen zur Arbeit und entschuldigte sich bei seinem Chef für sein Fehlen. Er habe die Stasi entwaffnen müssen. Der Chef zeigte Verständnis, nicht einmal die Erklärung wunderte ihn. Die Zeiten waren wild, und sie wurden noch wilder. Am 6. Mai 1990 gewann die SPD in Weißensee bei den Kommunalwahlen 39,2 Prozent. Gert Schilling wurde Bürgermeister. „Die Revolution war vollbracht“, sagt er.

Es ist wieder einer dieser Sätze, über die er länger nachgedacht zu haben scheint, die seine Rolle verdeutlichen sollen, den großen weltgeschichtlichen Zusammenhang. Es klingt fast trotzig, als er sagt: „Ja, es war eine Revolution. Ja, es stimmt. Die Übergabe der Macht der Alten an die Neuen.“ Das sei nicht von ihm, sondern von Timothy Garton Ash. Ash ist ein britischer Historiker. Es ist der Blick von außen.

Die große Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit mit Essays, Analysen, Interviews. Wir führen Debatten und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

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Alle Texte der Serie: berliner-zeitung.de/zeitenwende

Schillings persönliche Geschichtsschreibung endet im Frühling 1990.  Er war jetzt Bürgermeister, er hatte Macht in jenen zehn schweren Jahren, die der Revolution folgten und in denen Millionen Ostdeutsche ihre Arbeit verloren. Das unterscheidet ihn von vielen seiner Landsleute - und auch seine Wahrnehmung.

Stolz erzählt er, dass sie fast alle Ingenieure waren, die neuen Ost-Berliner Bürgermeister, „zielgerichteter “ als die West-Berliner Kollegen, die meist aus der Verwaltung kamen. Auf die Frage, was er erreicht hat in seiner Bürgermeisterzeit, überlegt er einen Moment, dann sagt er: „Die Berliner Bürgerämter ins Leben gerufen.“

Die Bürgerämter, die so verschrien sind, ausgerechnet?

„Ja“, sagt er. „Eine Weißenseer Erfindung.“ Dass es nicht so gut funktioniert, liege nicht an ihm, sondern an den Einsparungen in den „Nullerjahren“. Wichtig ist ihm auch die Städtepartnerschaft mit der israelischen Stadt Aschkelon, wegen der dunklen Seite der Familiengeschichte. Zum 50. Jahrestag der Staatsgründung habe er dort eine Rede gehalten, die sehr gut angekommen sei. Leider konnte er zum 70. Jahrestag vor zwei Jahren nicht mitfahren. Die Planung war ihm zu chaotisch, und die Aschkeloner hätten kein richtiges Interesse gezeigt. „Ich lade mich doch nicht selbst ein.“

Sein letzter Beschluss als Bürgermeister war die Berliner Bezirksreform. Weißensee, Prenzlauer Berg und Pankow wurden zusammengelegt. Der neue Bürgermeister kam aus Pankow. Gert Schilling hat sich selbst abgeschafft, wenn man so will. Aber auch das findet er nicht schlimm, auch damit hat er seinen Frieden gemacht. Er will sich nicht beschweren wie so viele seiner Landsleute. Sie jammern ihm zu viel. Klar, das mit der Treuhand sei nicht so gut gelaufen, und andere hätten nicht so viel Glück gehabt wie er. Aber das Wichtigste, sagt er, seien die Demokratie, das vereinigte Deutschland, die EU, das Ende des Kalten Krieges. „Und daran haben wir hier in Weißensee unseren kleinen Anteil gehabt.“

Die Sonne scheint, der Nachbar ist bei den Rasenkanten angekommen, das Gespräch fast zu Ende. Nur eine Frage ist noch offen: Was ist eigentlich aus dem NVA-Oberst geworden, mit dem er die Staatssicherheit entwaffnet hat?

Gert Schilling sieht überrascht auf. Er wisse es nicht, sagt er. Sie hätten nichts mehr miteinander zu tun gehabt. Außerdem, findet er, führe das ein bisschen zu weit weg vom Thema.

30 Jahre sind eine lange Zeit, aber dann doch nicht lang genug, um auch noch einen NVA-Oberst zum Helden zu machen.

Am Tag nach dem Gespräch schreibt der junge Weißenseer SPD-Chef, dass in der letzten digitalen Mitgliederversammlung vorgeschlagen wurde, eine Gedenktafel an der Grundschule am Weißen See zu errichten. Genau dort, wo vom Dezember 1989 bis März 1990 der Runde Tisch tagte. Und am 1. Juni 1990 der erste frei gewählte Bürgermeister seine Amtsgeschäfte aufnahm. Auf der Tafel soll ein Zitat von Gert Schilling stehen: „Erzählt Ihnen unsere Geschichte. Sagt Ihnen, wie jeder kleine Fortschritt erkämpft werden muss. Und vergesst nicht zu erwähnen, dass es sich lohnt.“ Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen.