Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

BerlinAuf einmal geht es ganz schnell, dass man wieder im Alltag steckt. In der Kita herrscht in den schmalen Gängen Gedrängel. Fast alle Kinder sind zurück. Über dem Radweg auf der Schönhauser Allee hängt der Geruch des Aftershaves der Männer, die morgens im Korso hintereinander in ihr Büro radeln. An der Kreuzung zur Eberswalder Straße staut es sich, man steht dicht an dicht. Daneben auf der Fahrbahn warten die Autos bei Rot Stoßstange an Stoßstange.

War da was? Homeoffice? Lockdown? Leere Straßen? Fast alle Einschränkungen sind aufgehoben worden, selbst für die lang vergessenen Eltern gibt es seit Mittwoch endlich einen Lichtblick: Die Schulen kehren nach den Sommerferien wieder in den Regelbetrieb zurück.

War die Coronakrise, die als größte Krise nach dem Zweiten Weltkrieg angekündigt wurde, als Epochenbruch, nur ein Zwischenspiel im Frühjahr 2020? Wird man sich in wenigen Jahren überhaupt noch an sie erinnern?

Mitte März hatte sich mit einem Schlag alles geändert. Erst wurden Großveranstaltungen abgesagt, dann Geschäfte, Restaurants,  Kitas und Schulen geschlossen. Die Straßen leerten sich.

Es gab ein Wir-Gefühl, eine neue Welle der Solidarität und Achtsamkeit, wie es sie wahrscheinlich in früheren Pandemien noch nie gegeben hatte. Risikogruppen wurden definiert: Ältere, Menschen mit Vorerkrankungen. Nachbarn boten Nachbarn an, für sie einkaufen zu gehen. Selbst in offiziellen E-Mails durfte der Hinweis „Bleiben Sie gesund“ nicht fehlen. Es war die Zeit der Hashtags, die Gemeinschaft wurde beschworen: #Stayathome, #Alonetogether. Vor dem Virus sind alle gleich, hieß es.

Ein Moment der Freiheit

Abends saß die Republik gemeinsam vor dem Fernseher, hörte die neuesten Bulletins der Kanzlerin und sah die Tagesschau. Selbst Menschen, die vorher nie Nachrichten geguckt hatten, hingen an den Lippen der Tagesschausprecher. Man lernte ständig neue Wörter: Reproduktionsrate, Herdenimmunität, Lockdown, Social Distancing. Man sah die Bilder von aneinandergereihten Leichenwagen in Italien, und man machte sich darauf gefasst, dass man solche Bilder bald auch aus Deutschland sehen würde. Angela Merkel appellierte Winston-Churchill-haft an „Herz und Vernunft“ der Bürger.

Der Publizist Nils Minkmar empfahl im Spiegel, die Pause zu nutzen: zum Nachdenken und zum Diskutieren, „wie es jetzt weitergeht nach dem Wahnsinn, den wir für Normalität hielten“. „Alles könnte anders sein - mit der Unabweisbarkeit der Pandemie und unserer Hilflosigkeit ergibt sich ein Moment der Freiheit“, schrieb Minkmar. Der Soziologe Hartmut Rosa sagte im Deutschlandfunk, Corona könnte wichtige gesellschaftliche Entwicklungen beschleunigen, sei es in der Klimapolitik, im Gesundheitswesen oder bei der Digitalisierung.

Ich schrieb damals einen Text mit der Überschrift: „Corona und der Mauerfall“. Ich zog einen Vergleich zum Umbruch 89/90. Ich schrieb hoffnungsvoll, dass die Menschen in Ost und West sich in der Coronakrise noch mal anders begegnen und kennenlernen könnten. Viele Ostdeutsche haben am eigenen Leib erlebt, wie es ist, wenn alte Sicherheiten erschüttert werden. Sie wissen, wie wichtig es ist, sich auf Neues einzulassen, nicht in einen Apokalypse-Modus zu fallen. Das macht empfindlicher, verletzlicher, aber auch mutiger. Ich schrieb von Solidarität und gegenseitigem Verständnis. Es schien bei allen Unsicherheiten und Ängsten die Chance zu geben, die Gesellschaft zu verbessern.

Wenn ich das drei Monate später lese, komme ich mir naiv vor. Die Krise hat die Unterschiede und Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft eher noch sichtbarer gemacht: die Mängel im Gesundheitswesen (wie am Anfang Masken und Schutzkleidung fehlten), die schlechte Bezahlung derjenigen, die plötzlich als systemrelevant deklariert wurden (Supermarktkassiererinnen, Pflegekräfte), die strukturelle Benachteiligung von Frauen, die schlechte Vorbereitung der Schulen auf die Digitalisierung. Laut einer Studie der Universität Düsseldorf im Auftrag der AOK erkranken sozial benachteiligte Menschen häufiger an Corona als andere. Vor dem Virus sind eben nicht alle gleich.

Niemand benutzt mehr #Alonetogether

Nach den ersten Wochen des Lockdowns verpuffte die große politische Einigkeit, Merkel sagte nur noch wenig. Und es wurde unübersichtlich. Je erfolgreicher die Maßnahmen wirkten, je mehr die Infektionszahlen sanken, desto größer wurde das Misstrauen. Man spricht bei diesem Phänomen von einem „Präventionsparadox“. Bilder von Leichenwagen wie in Italien gab es in Deutschland nicht, im Vergleich zu anderen Ländern blieb die Todesrate niedrig. Und anstatt sich zu freuen, stolz auf das Geschaffte zu sein, nahm die Wut zu. Es wurde nicht darüber nachgedacht, wie man das Land und das Gemeinwohl verbessern kann, sondern wie man zurück zur Normalität kommt.

Die Krise war keine Gelegenheit mehr zusammenzukommen, sondern trieb die Menschen auseinander – Familien, Freundschaften, Paare. In Gewinner und Verlierer. Überlastung und Angst bei den einen, Entschleunigung und Familienidyll bei den anderen. Und auf einmal gab es nicht mehr Gemeinsinn, sondern weniger. Wer von Chancen der Krise redete, musste sich Herzlosigkeit vorwerfen lassen. Und #Alonetogether benutzte auch niemand mehr.

Der renommierte Soziologe Andreas Reckwitz fand die Diagnose vom Epochenbruch etwas vorschnell. „Die Konfliktlinien, die wir schon vorher hatten, treten durch die Coronakrise stärker hervor“, sagte er im Interview mit der Berliner Zeitung. 

Zu den Konflikten, die zu Tage traten, gehörte der unterschiedliche Umgang mit der Krise in Ost und West. Ist es Zufall, dass ostdeutsche Länder bei der Bekämpfung der Pandemie schnell einen eigenen Weg gegangen sind? Dass die erste Stadt, die eine Maskenpflicht in der Öffentlichkeit verhängte, als der Rest des Landes noch darüber debattierte, Jena in Thüringen war?

Als die Zahl der Infektionen zurückging und gleichzeitig die Menschen im Lockdown ungeduldig wurden, zeigten sich die Ostländer flexibler. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) lockerte als Erster die Kontaktbeschränkungen – Ende April, weit vor allen anderen. Sachsen öffnete als erstes Bundesland alle Grundschulen und Kitas wieder. Und Thüringen preschte vor und hob in der vergangenen Woche die Einschränkungen komplett auf.

Wenn man sich die neuesten Infektionszahlen anguckt, muss man sagen, dass der Weg der ostdeutschen Ministerpräsidenten richtig war. Das Vorgehen auch gegen Merkel wirkt im Rückblick mutig. Es erntete im Rest der Republik aber kein Lob oder Bewunderung, sondern eher Kritik und Schelte. Von einem „Alleingang“ oder „Sonderweg“ war die Rede. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nannte den Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) unverantwortlich. Aber dann zogen alle nach. Von Ostdeutschen lernen. Aber bitte nur still.

Es gab die einen, die in den vergangenen Wochen so viel arbeiteten wie nie, und die anderen, die keine Aufträge hatten oder ihren Job verloren. 7,3 Millionen Deutsche sind in Kurzarbeit, die Zahl ist so hoch wie nie. Es gab Menschen, die Homeoffice mit gleichzeitigem Homeschooling und Homecooking als Home-Nervenzusammenbruch erlebten. Auch wenn die Prognose der Soziologin Jutta Allmendinger, dass die Coronakrise die Gleichberechtigung um dreißig Jahre zurückwirft, vielleicht nicht eintritt, zeigt sich doch, dass die Belastungen für Frauen durch den Wegfall von Schule und Kita größer waren und zum Teil immer noch sind. Eltern sahen, wie die Leute wieder ins Restaurant, ins Fitnessstudio gingen, dicht an dicht auf dem Alexanderplatz demonstrierten, während die Schulkinder zum Teil nur drei Stunden pro Woche Unterricht hatten.

Umfragen und Untersuchungen zeigen, dass vor allem Mütter zusätzliche Betreuungsarbeit übernommen haben und dass sie auch beruflich in einem größeren Maße zurückgesteckt haben als Väter.

Laut Zahlen des sozioökonomischen Panels, die der „Zeit“ vorliegen, haben Väter sich in der Krise zwar stärker als zuvor bei Haushalt und Kinderbetreuung eingebracht. Den Daten zufolge aber waren die Frauen im Vorjahr im Schnitt fünf Stunden pro Arbeitstag mit der Kinderbetreuung beschäftigt, hinzu kamen täglich gut zwei Stunden Hausarbeit. Die Männer hingegen wandten gerade mal zwei Stunden für die Betreuung des Nachwuchses auf und kümmerten sich nur eine knappe halbe Stunde am Tag um Hausarbeiten. Während der Coronakrise erledigten Mütter und Väter jeweils eine halbe Stunde mehr Hausarbeit pro Tag. Väter haben vorher also kaum was gemacht und dann ein bisschen mehr. 

Impfgegner und der Zeitgeist

Wer Politikern oder Autoritäten schon vorher misstraute, fühlte sich bestätigt. Die Konfliktlinien, von denen der Soziologe Reckwitz sprach, führen manchmal quer durch Familien. Eine Freundin berichtet davon, wie ihre Mutter in der Hochzeit des Lockdowns anfing, im Familien-Chat Verschwörungstheorien zu posten. Die größte Angst der Mutter bestand nicht daran, sich anzustecken und zu erkranken, ihre größte Angst waren Zwangsimpfungen. Sie erwog, sich dem Häufchen anzuschließen, das nun jedes Wochenende vor der Volksbühne gegen „Impfterrorismus“ demonstriert. In der Angst der Impfgegner steckte etwas Größeres, Tieferes.

„In der Ablehnung des Impfens spiegeln sich immer auch zeitgenössische Ängste und Trauma“, sagt Malte Thießen, Medizinhistoriker in Münster. Im Moment seien die Globalisierungsängste in Deutschland besonders stark ausgeprägt, die sich exemplarisch an der Figur des Amerikaners Bill Gates festmachen. Zu dem Microsoft-Gründer, der über seine Melinda-und-Bill-Gates-Stiftung die Forschung nach Impfstoffen finanziert, kursieren die wildesten Gerüchte.

Trotz der großen medialen Präsenz sei die Zahl der Impfgegner aber im Vergleich zu früheren Jahren rückläufig, so Thießen. Er teilt die Coronakrise in mehrere Phasen ein. Am Anfang wurden Fragen von Solidarität diskutiert, es ging darum, in welcher Gesellschaft wollen wir leben? Inzwischen beobachtet er einen Trend zum Pragmatismus. „Man arrangiert sich mit den Umständen. Das ist wie im Krieg, da gingen die Leute ja auch weiter ihren Alltagsgeschäften nach“, sagt er.

Aus seiner Sicht ist die Coronakrise am ehesten mit der HIV-Epidemie in den 80er-Jahren zu vergleichen – auch damals gab es keinen Impfstoff und keine Medikamente. Wie bei Corona ging es darum, dass der Einzelne sein Verhalten ändert und Verantwortung übernimmt. Es war die Zeit, als überall Kondomautomaten aufgestellt wurden.

Was wird von der Krise bleiben? Der Mundschutz? Das Ende des Handschlags? Wird die Politik das Vertrauen zurückgewinnen? Werden die heute Zehnjährigen, die Corona-Kinder, in zwanzig Jahren die Zwei-Tage-Arbeitswoche einführen? 

Landauf, landab entstehen Coronaarchive. „Es ist zum ersten Mal, dass Erinnerung in Echtzeit gemacht wird, und zwar nicht nur von Behörden und öffentlichen Stellen. Es gibt das Gefühl, Teil einer historischen Zäsur zu sein“, sagt Medizinhistoriker Thießen.

Es ist ein komisches Gefühl, dass eine Situation schon historisch eingeordnet wird, wenn man sie selbst noch nicht richtig verarbeitet hat. Es ist ernüchternd zu sehen, wie jeder für sich allein kämpft, denn dann kann sich keiner mehr Gedanken über das Gemeinwohl machen.