Die Schriftstellerin Kathrin Schmidt in ihrem Haus in Berlin-Mahlsdorf.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Im Juni 1975 wurde Jürgen Fuchs vor der Verteidigung seiner bereits mit „sehr gut“ bewerteten Diplomarbeit in Psychologie aus der SED ausgeschlossen und exmatrikuliert. Davon wusste ich nichts, als ich mich etwa um dieselbe Zeit um einen Studienplatz in eben jenem Fach an der exmatrikulierenden, der Friedrich-Schiller-Universität zu Jena, bewarb. Zu diesem Zeitpunkt waren die Studienplätze des 75er-Studienjahrgangs längst vergeben, meiner begann ein Jahr später, im Herbst 1976.

Meine beste Freundin gab in meinem Studienjahr zunächst die Parteisekretärin. Damals war sie noch nicht meine beste Freundin, und ich war noch nicht Mitglied der Partei. In jenem Herbst 1976 wurde Biermann ausgebürgert, Jena war das richtige Pflaster, sich „richtig“ zu politisieren, und wer Jürgen Fuchs war, wusste ich inzwischen. Meine später beste Freundin gehörte nicht zu jener großen Gruppe offenbar sehr aufmüpfiger, männlicher Genossen Studenten, die Parteiverfahren auf sich nahmen, sie überstanden, nur um dann gleich in das nächste Verfahren zu schlittern. Das schien mir revolutionär zu sein. Wirklich revolutionär, weil ich ans Ausmisten des Stalls dachte. An Mist, der fuhrenweise herausgefahren werden musste. An große Tiere, die ihre übergroßen Zähne bleckten und die kleinen Tiere doch nicht wegdrängen konnten, wenn sie zusammenhielten und so das Vermächtnis des Jürgen Fuchs fortsetzten. So glaubte ich.

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