Berlin - Ein früherer Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) erklärt hier am 22. Januar 2021, er habe 15 Jahre lang als Rundfunk- und Fernsehmechaniker bei der Stasi gearbeitet. Er beklagt, dass Menschen wie er, die „ohne Einblick in die operative Arbeit am Menschen“ blieben, seit 1990 benachteiligt würden. Die Stasi habe nicht willentlich Menschen in der DDR „verärgern“ oder „schikanieren“ wollen. Bis 1989 fühlte er sich anerkannt mit seiner Tätigkeit, dann brach „unerklärlich“ in der Gesellschaft ein „urplötzlicher Hass auf die Staatsicherheit“ aus. So viel „Volksverblödung und Dummheit“ wie in der heutigen bundesdeutschen Gesellschaft habe es zuvor seit 1945 in Deutschland nicht gegeben. Aus Angst schreibe er anonym.

Individuelle Erinnerungen sind privat. Ihr Nutzen besteht darin, die eigene Gegenwart, ja, die eigene Biografie zu rechtfertigen: ihr einen Sinn zu geben. Das machen die meisten Menschen so. Es gehört zur individuellen Hygiene, um morgens und abends in den Spiegel schauen zu können. Die meisten glauben daran, immer ein richtiges Leben geführt zu haben, egal wo, wann und wie. Der Philosoph Theodor W. Adorno drehte dies im US-amerikanischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten hatte fliehen müssen, Mitte der 1940er-Jahre um. Er schrieb seinen vielleicht berühmtesten Satz: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Christoph Dieckmann oder Wolfgang Thierse drehten diesen Satz um und beharrten darauf: Es gibt ein richtiges, wahres Leben im falschen.

Adorno hatte recht. Thierse und Dieckmann aber auch. Der Stasi-Techniker würde wahrscheinlich die Lesart der beiden Ostdeutschen bevorzugen. Und ich würde ihm vielleicht zustimmen, hätten wir uns privat unterhalten. Nun aber geht er mit seiner Weltsicht an die Öffentlichkeit. Hier wird das Private zum Politischen.

Die Wut traf die IM

Das MfS war eine Institution, deren Vorläufer unmittelbar nach Kriegsende geschaffen wurden, um die Herrschaftsansprüche der Kommunisten, zunächst der sowjetischen Besatzungsmacht, mit geheimpolizeilichen Mitteln durchzusetzen. Es war eine Geheimpolizei, deren Kennzeichen die Arbeit im Inneren des Staatsgebietes war und nicht kontrollierbar außer von ihren Auftraggebern. Arbeit und Strukturen speisten sich aus den Erfahrungen der sowjetischen Geheimpolizei sowie aus den in den 1920er-Jahren im KPD-Apparat aufgebauten Geheimstrukturen. Im Februar 1950 ist das MfS dann gegründet worden. Es hatte eine Hauptaufgabe: Schild und Schwert der herrschenden Partei, der SED, zu sein.

Zunächst als Hilfsorgan der sowjetischen Besatzungsmacht agierend, wurde es ab 1953 immer mehr eine SED-Einrichtung. Nach dem Mauerbau 1961 begann ein bis Anfang der 80er-Jahre anhaltender Ausbau der Stasi. Dann stagnierte dieser bis zur Herbstrevolution. Für das MfS arbeiteten Ende 1989 etwa 91.000 hauptamtliche und rund 110.000 inoffizielle Mitarbeiter (IM). Die Struktur der Stasi entsprach dem Staats- und Gesellschaftsaufbau – für jeden Bereich gab es Fachabteilungen. Hinzu kam ein großer Verwaltungsapparat. Für die Stasi sollten nur MfS-Angehörige tätig sein, ob nun als Hausmeister, Arzt, Kfz-Mechaniker, Maurer oder Radiotechniker.

Die Hauptaufgabe des MfS bestand darin, mit dem Schild Angriffe auf das SED-Herrschaftsmonopol abzuwehren und mit dem Schwert Angreifer zu bestrafen. Jeder Mitarbeiter des MfS war auch SED-Mitglied. Es war eine Grundvoraussetzung für eine Einstellung im MfS. Das sollte die Gewähr bieten, dass nur hundertprozentig vom Mauerstaat überzeugte Menschen bei „Horch und Greif“ arbeiteten. Der Befehlsgeber für das MfS in allen Belangen war die SED – die DDR war kein Stasi-Staat, sondern eine SED-Diktatur. Jeder SED-Kreissekretär hatte mehr Macht und Herrschaftskraft als ein Chef einer MfS-Kreisdienststelle. Gleiches galt für die SED-Bezirksleitungen und die MfS-Bezirksverwaltungen. Letztere waren Ersteren unterstellt. Und auf der zentralen Ebene sah es genauso aus. Zuletzt war der erste Vorgesetzte von MfS-Minister Erich Mielke das im Politbüro für die ZK-Abteilung Sicherheit zuständige Mitglied. Das war seit 1983 Egon Krenz.

Seit 1990 hat sich die geballte Wut der Gesellschaft auf die Stasi gerichtet, obwohl sie nur das Ausführungsorgan der SED war. Groteskerweise traf die Hauptwut die letzten in der Kette der Stasi-Arbeit, die IM. In der Öffentlichkeit ist durch die Enttarnung einiger prominenter IM ein Bild dieser Spitzel konstruiert worden, das mit der Realität kaum etwas zu tun hatte. Die meisten IM arbeiteten nur wenige Jahre für das MfS, sie berichteten nur in eng umgrenzten Bereichen und, was viele nicht wahrhaben wollen, sehr viele IM berichteten nie über andere Menschen. Das Fatale war, kein IM konnte beeinflussen, was mit den abgegebenen Informationen im MfS gemacht wurde, welche Puzzleteile ein IM wofür geliefert hatte.

Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Eine Besucherin im Stasi-Museum Berlin.

Um das anschaulich zu machen: Wenn ein IM berichtete, eine Person verlasse täglich zur gleichen Zeit die Wohnung, lebe dort allein und alles sei pedantisch aufgeräumt, so hört sich das zunächst harmlos an. Wenn diese Person aber vom MfS „bearbeitet“ wurde, konnten diese Informationen fatale Folgen haben. So ist es in einem Fall geschehen: Mit diesen Informationen gingen Techniker des MfS, Kollegen des anonymen Autors, in die fremde Wohnung und vertauschten immer wieder die akkurat hängenden Handtücher – mehr nicht. Die Betroffene konnte kaum in ihre Oppositionsgruppe gehen und sagen, die Stasi kommt häufiger in meine Wohnung und hängt meine Handtücher um. Alle hätten sie für verrückt erklärt. Die Person wurde psychisch krank.

Die Techniker des MfS, die nicht operativ „am Menschen“ arbeiteten, sondern nur etwas installierten, hatten ganze Arbeit geleistet. Aber dennoch: Kein Mensch war nur IM. Und kein IM war wie ein anderer. Die hauptamtlichen MfS-Mitarbeiter hat das nach 1989 nicht geschert. Sie haben schweigend zugesehen, wie die IM als Haupttäter durch die Gesellschaft gereicht wurden. 

Die Medien verfestigten das Bild vom Stasi-Staat.

Ilko-Sascha Kowalczuk

Die SED/PDS hatte noch Ende 1989 angefangen, dafür zu sorgen, dass der Empörungssturm sich auf die Befehlsempfänger, das MfS, richtete und nicht auf die Befehlsgeber, die SED. Nur so war deren politisches Überleben möglich gewesen. Aber natürlich war daran nicht nur die SED/PDS schuld. Die Öffentlichkeit skandalisierte Vorgänge aus den Stasi-Akten undifferenziert. Der Verräter eignet sich als Projektionsfläche besser als der hauptamtliche Parteifunktionär, dessen Wirken sich nicht mit Schlagworten abbilden lässt. Die noch 1990 einsetzende Aufarbeitung der DDR-Geschichte trug das Ihrige dazu bei. Aufarbeitung will skandalisieren und vor allem das Alte delegitimieren, um das Neue zu legitimieren. Auch das funktionierte einfacher mit den „Denunziationsakten“ des MfS. Eine eigene Behörde, die Millionen Menschen auf ihre Zusammenarbeit mit dem MfS überprüfte, ließ, ob sie nun wollte oder nicht, gar keinen Raum für etwas anderes als das öffentliche Bild vom Stasi-Staat. Die Medien haben das Bild jahrzehntelang verfestigt. Viele Spielfilme, die nicht als Märchenfilme gelten, verfestigten Stasi-Bilder, die wenig mit der historischen Realität zu haben.

Das MfS bildete in der DDR einen eigenen Kosmos. So absurd es sich auch anhört: Niemand wurde so intensiv überwacht und bespitzelt vom MfS wie die eigenen Mitarbeiter. Hinzu kam, dass sie möglichst in eigenen Häuserkomplexen wohnen sollten, viele wurden mit eigenen Bussen ins Büro kutschiert. Sie hatten eine eigene Sparkasse, eigene Versorgungssysteme.

Der Hass brach nicht plötzlich aus

Heirateten die Kinder, wurde die Familien der künftigen Schwiegerkinder intensiv überprüft und gegebenenfalls ein Abbruch der Beziehung gefordert. Die Kinder der Stasi-Eltern waren besonderen Umständen ausgesetzt: Denn anders als der anonyme Autor suggeriert, durfte niemand darüber reden, wo Papa oder Mama wirklich arbeiteten (wenn sie es überhaupt wussten). In der Schule galten sie als Mitarbeiter des Innenministeriums. So wurden die Kinder von Anfang an zur Lüge erzogen. Das gesamte Staatssicherheitssystem war auf Lügen, Unterdrückung, Verfolgung, Einschüchterung aufgebaut.

Der Hass darauf brach nicht urplötzlich aus. Er war 40 Jahre dauerpräsent. Das MfS wusste das zu genau: Wenn die Stasi zum Beispiel einen Menschen so richtig fertigmachen und isolieren wollte, dann streute sie das Gerücht, dieser Mensch arbeite insgeheim mit der Stasi zusammen. Diese oft angewandte Methode zeigt anschaulich, wie sehr sich die Stasi darüber im Klaren waren, wie verhasst sie war.

Sie war aber nicht nur verhasst, sie war vor allem gefürchtet. Das MfS strebte die Überwachung der gesamten Gesellschaft an. Dies blieb eine Fantasie, keine Geheimpolizei schafft eine flächendeckende Überwachung. Die Stasi konnte nicht in jede Pore der Gesellschaft kriechen. Und dennoch schuf sie zielbewusst den Mythos, überall anwesend zu sein: Wir wissen alles! Die meisten Menschen in der DDR verhielten sich entsprechend. Am Telefon wurde geredet, aber meistens aus Angst vorm Abhören nichts gesagt. Die Stasi war nicht omnipräsent, aber sie suggerierte, es zu sein, und die meisten Menschen glaubten das und verhielten sich so.

Das ist der Sieg jeder Diktatur und ihrer Geheimpolizei, wenn die Menschen sich verhalten, als wäre sie überall anwesend. Die Stasi saß in den Köpfen der allermeisten Menschen. Viele wussten das nicht einmal, die meisten haben es nach 1990 ganz schnell vergessen. Die DDR-Gesellschaft, die heute noch immer so viele wegen ihrer angeblichen Wärme rühmen, war vor allem eine Gesellschaft, die sich und anderen nicht traute. Dieses Nicht-vertrauen-Können belastet Ostdeutschland bis heute.

Das Schweigen der Stasi-Mitarbeiter

Der Autor hat recht, wenn er schreibt, er und die anderen Friseure im MfS haben nicht gewusst, was die Stasi alles so im Detail trieb. Diese innere Konspiration gehörte zur Arbeitsweise. Von den 91.000 hauptamtlichen Mitarbeitern des MfS haben nur rund zehn Prozent als Führungsoffiziere IM angeleitet, waren also in die direkte operative Arbeit „am Menschen“ involviert. Wenn man sich auf eine Mitarbeit im MfS als Friseur, Radiotechniker, Kraftfahrer oder Koch einließ, dann mit dem Wissen, für wen man warum kochte, die Technik bereitstellte, die Autos fuhr oder die Haare schnitt. Die operativen Stasi-Mitarbeiter konnten ihre Arbeit nur erfüllen, weil sie umgeben waren von einem Heer von Mitarbeitern, das ihnen ihre Arbeit „am Menschen“ überhaupt nur ermöglichte. Und heute schreibt der Autor, er habe doch nur Videotechnik installiert. Hat er sich damals wie heute nie gefragt, wofür er Videotechnik installieren musste?

Es ist schon ein starkes Stück, sich als Opfer zu gerieren, ohne auch nur mit einem Wort die Zehntausenden, Hunderttausenden Opfer der SED und ihres MfS zu erwähnen. Vielleicht wäre die einseitige Sicht auf das MfS und die Ausblendung der SED seit dreißig Jahren so nicht möglich gewesen, wenn die Friseure und Radiotechniker der Stasi sich nicht heute als angebliche Opfer hinstellen würden, sondern wenn sie in den ersten Jahren nach der Revolution von 1989 aktiv dazu beigetragen hätten, aufzuklären, was sich im MfS genau abspielte. Die Gesellschaft war dazu 1990 und 1991 noch bereit.

Das fast generelle Schweigen der einstigen Stasi-Mitarbeiter hat erheblich zur weiteren Mythisierung des MfS beigetragen. Natürlich haben sie auch aus Angst geschwiegen, selten aus Scham, häufiger aus dem alten Korpsgeist heraus, hauptsächlich aber, weil sie kein Interesse hatten, zur Aufarbeitung beizutragen. Nun aber, wie der anonyme Autor derart die DDR zu verherrlichen, das MfS zu verharmlosen, ist genau das, was er unserer heutigen Zeit attestiert: Es erfüllt den Tatbestand der „Volksverblödung und Dummheit“.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk ist Autor des Buches „Stasi konkret: Überwachung und Repression in der DDR“, erschienen bei CH Beck. Er ist beurlaubter Projektleiter der Stasi-Unterlagenbehörde. Derzeit schreibt er an einer Biografie von Walter Ulbricht.