Historiker Ulrich van der Heyden in seinem Büro.
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

In den gegenwärtigen Debatten um das Abgehängtsein des Ostens geht es vor allem um die fehlende Repräsentanz von Ostdeutschen in politischen, wirtschaftlichen und Verwaltungspositionen. Hingegen wird kaum noch der Frage nachgegangen, warum und auf welche Weise damals die Geistes- und Sozialwissenschaftler aus der DDR „abgewickelt“, also in den meisten Fällen ihrer Berufe und ihrer Existenz beraubt wurden. In keiner Etappe der deutschen Geschichte wurde so viel „Humankapital“ auf den Müll geworfen.

Dafür konnten nun die „unhabilitierten Sitzenbleiber“, „frischgebackene Anfänger“ und Leute mit „drittklassiger Begabung“ auf die frei gewordenen Lehrstühle und festen Stellen strömen. So jedenfalls formulierte es der 1990 in den Osten entsandte und nach Kenntnisnahme der Realitäten geläuterte Vorsitzende des Wissenschaftsrates Dieter Simon. Gelegentliche Proteste von Kollegen aus dem Ausland, wo einige der Betroffenen zuweilen temporär eine Beschäftigung in ihrem Beruf gefunden hatten, verhallten ohne Wirkung. Dieser rigorose Elitenaustausch ist mit Sicherheit ein Grund dafür, warum bis heute so viele Missverständnisse zwischen Einwohnern Ost- und Westdeutschlands herrschen.

Dabei hätten gerade die (ehemals) historisch arbeitenden Wissenschaftler aus dem Osten Deutschlands ein realistischeres Bild vom Vergangenen zeichnen können, als der Mainstream der gegenwärtigen Zeitgeschichtsschreibung vorgibt. Wenn Menschen, die sich abgehängt fühlen, sehen könnten, dass mit ihrer Vergangenheit, ihrer Geschichte, ihren Erfahrungen, ihrem Lebenslauf realistisch und auch kritisch umgegangen wird, könnten Ossis und Wessis endlich ins Gespräch kommen.

Sicherlich wird der eine oder andere auf einen Kollegen oder eine Kollegin verweisen können, die aus der DDR stammen und noch heute in der Wissenschaft Lohn und Brot haben. Aber man sollte realistisch sein: Dies macht höchstens drei bis fünf Prozent der Geistes- und Sozialwissenschaftler aus, die aus DDR-Lehr- und Forschungsinstitutionen stammen. Und nur wenige davon haben oder hatten eine dauerhafte Stelle. Soziologische Untersuchungen haben ergeben, dass es in der folgenden Generation nicht viel anders sein wird.

Es gab eine soziale Unterwürfigkeit

Wie sieht es konkret für einen Wissenschaftler, sagen wir einen Historiker wie mich, aus, der zu Wendezeiten Ende Dreißig/Anfang Vierzig war und an einem historischen Institut der Akademie der Wissenschaften der DDR arbeitete?

Dreimal musste er sich vor einer Evaluierungskommission prüfen lassen, die fast ausschließlich aus westdeutschen Kollegen bestand, mit positivem Ergebnis. Dadurch konnte er einige Jahre in einer Auffanggesellschaft der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) mit der sperrigen wie unsinnigen Bezeichnung „Förderungsgesellschaft Wissenschaftliche Neuvorhaben mbH für positiv evaluierte Mitarbeiter aus der Akademie der Wissenschaften“ arbeiten. Für beachtenswert hielt man in Bonn Forschungen mit den Schwerpunkten: Europäische Aufklärung, Literaturforschung, Moderner Orient, Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas, Allgemeine Sprachwissenschaften, Wissenschaftsgeschichte und -theorie sowie Zeithistorische Studien. Sie waren in der Geschichte der Bundesrepublik einmalig, und als sie sich nach vier Jahren in der internationalen Wissenschaftslandschaft bewährt hatten, waren die Stellen für die Lehrstuhlinhaber im Westen äußerst interessant geworden. Nur eine Minderheit der ostdeutschen Mitarbeiter war danach noch dort beschäftigt.

Alle Mitarbeiter hatten sich um ihre eigenen Stellen bewerben müssen. Nun mussten die auf dem befristeten Stellenmarkt strömenden „Spätabgewickelten“ auf Betteltour gehen. Es mussten nämlich Lehrstuhlinhaber an den deutschen Universitäten gesucht werden, die etwas Sympathie für die abgewickelten, arbeitslosen Ossi-Kollegen aufbringen und für die sie bei den Forschungsförderinstanzen befristete Projekte einreichen konnten.

Eine gewisse Unterwürfigkeit gegenüber den fast ausschließlich westdeutsch sozialisierten Rettern aus der Not wurde erwartet und zuweilen auch geliefert. Der erwähnte Historiker hatte Glück. Er bekam befristete Förderungen, musste nach Ende der Projekte wieder bei Antragsberechtigten wie zwischenzeitlich auf dem Arbeitsamt betteln gehen. In der Zwischenzeit habilitierte er nebenbei. Die Bittgänge hinterließen bei ihm, wie wohl auch bei allen Betroffenen Gefühle der Minderwertigkeit. In diesem zeitlichen Zusammenhang kam bei „vorbelasteten“ Wissenschaftlern die Theorie von der Kolonisierung der DDR auf. Diese wurde übrigens von dem Westberliner Politikwissenschaftler Fritz Vilmar auf ein haltbares Konstrukt gestellt. Diese Charakterisierung der staatlichen Einheit Deutschlands wird gegenwärtig wieder ab und an hervorgeholt.

Einige Male retteten den hier im Mittelpunkt stehenden Historiker ebenso wie einige andere, Gastprofessuren im Ausland und Werkverträge. Doch keine der etwa einhundert Bewerbungen auf einen Lehrstuhl oder eine Stelle in einem Forschungsinstitut hatte Erfolg. Mit Hilfe von Teilnehmern der Berufungskommissionen und durch Tricks, mit denen man feststellen kann, ob und wie weit die Bewerbungsunterlagen zur Kenntnis genommen (oder zumindest aufgeklappt) worden sind, konnte belegt werden, dass die Bewerbungen beiseitegelegt wurden, nachdem festgestellt worden war, dass der Bewerber aus den Ostländern stammt.

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Dagegen Klage zu erheben, hätte das vollständige wissenschaftliche Aus bedeutet, denn der Klageführer wollte ja weiterhin Unterstützung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und anderen Drittmittelgebern einwerben, wo ja so gut wie ausschließlich westdeutsch sozialisierte Kollegen saßen, die mit großer Wahrscheinlichkeit keinen aufmüpfigen Konkurrenten um die Forschungsgelder geduldet hätten. Davor wurden die nunmehr basisdemokratisch geschulten Ossis von gutmeinenden Wessi-Kollegen gewarnt. Andere meinten es nicht so gut mit uns Newcomern in der Scientific Community. Der Tenor lautete: Man hatte schließlich froh zu sein, dass man in dem vereinten Deutschland leben könne – so formulierte es ein als rigoroser Evaluierer agierender Kollege aus Frust über die um die begrenzten Töpfe der Forschung drängelnden Ost-Kollegen.

Es blieb dem so zur Seite geschobenen ostdeutschen Wissenschaftler also nichts weiter übrig, als mit oder ohne Bezahlung, ohne verlässliche soziale Absicherung und belastbare Zukunftsplanung bis zur Rente – selbstverständlich mit weniger Gehalt als die Westkollegen - weiterzuarbeiten. Seine Publikationsliste rief Staunen hervor und – wie er damals nur befürchtete – Neid. Als der mehr als zwanzig Jahre im vereinigten Deutschland arbeitende Historiker eine Thematik zu einem Kapitel der Außenbeziehungen der alten Bundesrepublik bearbeitete, waren einige der Wissenschaftsmächtigen geradezu besorgt. Das war dann doch zu dreist! Gremien wurden einberufen, diejenigen, die den Auftrag gegeben oder diesen unterstützt hatten, wurden befragt oder mussten Stellungnahmen abgeben: Wie kommt ein ostdeutscher Historiker dazu, eine Thematik der westdeutschen Vergangenheit zu untersuchen? Es ging dabei um die erstmalige Aufarbeitung eines Vorgangs zur Vorbereitung eines friedlichen Wechsels von der Apartheid zu einer demokratischen Gesellschaft in Südafrika, der von der Friedrich-Naumann-Stiftung finanziell unterstützt worden war.

Da der Verfasser des Buches wie bei allen seinen Werken sich der Wahrheit verpflichtet fühlte, das heißt vor allem sich an Fakten orientierte, konnte der Druck des Buches nicht verhindert werden, ohne einen Skandal auszulösen. Zwar verspätet, aber das Buch konnte erscheinen.

Mitnichten war das der einzige Versuch, den ostdeutschen Historiker und Politikwissenschaftler in die Schranken zu weisen. So wurden seine Lehrveranstaltungen, die er an der Freien Universität absolvieren musste, außerhalb der für Studenten verpflichteten „Module“ angeboten, so dass die Studierenden keine Veranlassung hatten, daran teilzunehmen. Mehrmalige Vorschläge zweier fachlich versierter West-Berliner Kollegen, dem von Projekt- zu Projektfinanzierung lebenden Kollegen eine Honorarprofessur zu verleihen, wurden ohne Begründung abgelehnt.

Möglichkeiten, Kollegen in ihrer Karriere zu behindern gibt es für Geisteswissenschaftler genug, hängen sie doch – anders als technik-, medizin- oder wirtschaftsorientierte Wissenschaftler – so gut wie ausschließlich von öffentlichen Geldern ab. Angeblich unabhängige Gutachter müssen über die anonym eingereichten Forschungsprojekte entscheiden. Aber zuweilen war den Gutachten anzumerken, dass der Name den Gutachtern bekannt war. Sie hatten nämlich moniert, dass der Antragsteller zu viele andere Publikationen veröffentlichte, die nicht den Gutachterprozess durchlaufen hatten.

Kollegiale Solidarität zwischen Ost und West gibt es nicht

Wie sich herausstellte, war es wiederum die geografische Herkunft des Antragstellers und seine Forderung nach einer realistischeren Zeitgeschichtsschreibung über die DDR-Vergangenheit, die diese Gutachter wohl verleiteten, den Kollegen maßregeln zu müssen. Obgleich auch in der Riege der Gutachtergeneration jüngere Kollegen nachgerückt sind, sitzen doch dort vornehmlich Schüler von westdeutsch geprägten, nunmehr zumeist emeritierten Professoren, denn wie bekannt, reproduzieren sich Eliten vornehmlich aus sich selbst heraus. Und kein Ostdeutscher verfügt über die notwendigen Netzwerke. So gehen die Versuche, ostdeutsch sozialisierte Historiker zu bevormunden, zu kontrollieren, ihnen gegenüber ihr Herrschaftswissen auszuspielen, weiter.

Erst das letzte Gutachten eines Projektes, welches bereits zu DDR-Zeiten begonnen und nun mit dreißigjähriger Erfahrung zu einem Abschluss gebracht werden sollte, wurde mit den Begründungen abgelehnt, dass es nicht „innovativ“ sei, dass der Antragssteller „verzerrte“ Vorstellungen von seinem eigenen Projekt habe, der Verfasser würde in seiner „Wortwahl“ im „Diskurs der 1960er–1970er Jahre verhaftet“ bleiben. Natürlich wird behauptet, dass „kein Erkenntnisgewinn“ in dem Vorhaben erkennbar sei. Im Antrag genannte – und begründete – Argumente werden einfach ignoriert.

Eine fest in der westdeutsch geprägten Scientific Community verankerte befreundete Kollegin schrieb dem ostdeutschen Historiker anlässlich seines begonnenen Rentnerdaseins: „Neid von Kollegen hat Deine Laufbahn begleitet.“

Fazit aus diesem Blick auf die jüngste deutsche Wissenschaftsgeschichte: Ein Zusammenwachsen, ein gegenseitiges Verstehen, kollegiale Solidarität hat es zwischen Ost und West nicht gegeben und wird es aller Voraussicht nach auch in der Zukunft nicht geben. Diese Annahme scheint dadurch gestützt, dass Hans Ulrich Gumbrecht, Philosoph und Romanist, Träger von zehn Ehrendoktorwürden aus aller Welt, ohnehin den unausweichlichen Untergang der Geisteswissenschaften prognostiziert.


Ulrich van der Heyden, geb. 1954 in Ueckermünde, Spezialist für die Kolonialgeschichte Afrikas und die Geschichte der christlichen Mission in Afrika, ist wohl der einzige habilitierte deutsche Geisteswissenschaftler, der drei Mal promoviert wurde.