Normalerweise verlangt Harry Waibel 400 Euro für ein Interview. Diesmal macht er eine Ausnahme. Er empfängt in seiner Schöneberger Wohnung, bietet Wasser an und Akten. Der Fall scheint ihm wichtig.

Es geht um Manuel Diogo, einen 23-jährigen DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik. Er wurde 1986 tot auf einem Bahngleis bei Belzig gefunden. In den Ermittlungsakten der Polizei und der Staatssicherheit steht, dass es ein Unfall war. Waibel behauptet, es sei ein Neonazi-Mord gewesen, von der Staatssicherheit vertuscht, weil ein Mord an einem Vertragsarbeiter nicht zur SED-Propaganda passte.

Harry Waibel, 74, ist Historiker, sein Fachgebiet: DDR-Rechtsextremismus. Er hat weder Forschungsaufträge noch Forschungsgelder, in der Wissenschaftswelt ist er unbekannt, in der deutschen Medienwelt ein Star. Wann immer ein DDR-Jahrestag ansteht oder eine neue Statistik zur Ausländerfeindlichkeit im Osten herauskommt, ist Dr. Harry Waibel zur Stelle, um die immer gleiche These zu liefern: Der verdrängte Rassismus und Neonazismus in der DDR sind schuld.

Alleine in den letzten Monaten beriefen sich die Süddeutsche Zeitung, die Zeit, der Stern, der NDR und der RBB auf ihn, seine Recherchen, seine Thesen. Für den MDR ist Waibel ein „ausgewiesener Experte“, die taz lobt ihn als den Mann, der den „Stasi-Akten eine Erzählung gibt“.

Der Fall Diogo ist ein Erfolg für ihn, vielleicht sein größter

Der Fall Diogo ist so eine Erzählung, von Waibel im Stasi-Archiv gefunden, vom MDR mit Laiendarstellern nachgespielt, vom Rowohlt-Verlag als Roman veröffentlicht, von zwei deutschen Literaturjurys ausgezeichnet. In dieser Erzählung fesseln Neonazis den Mosambikaner im Zug, lassen ihn mit dem Kopf nach unten aus dem Zug hängen, bis er elendig stirbt. Dafür gibt es zwar keine Beweise, aber der Fall passt zu den Geschichten, die seit 30 Jahren über die DDR erzählt werden. Und zur Rassismus-Debatte um den Tod des Afroamerikaners George Floyd passt sie auch. Im Mai dieses Jahres stellte eine Brandenburger Linken-Politikerin eine Kleine Anfrage an die Landesregierung zum Fall Diogo, um „endlich Licht ins Dunkel“ zu bringen. Am 30. Juni, Manuel Diogos 34. Todestag, kündigte die Staatsanwaltschaft Potsdam an, den Fall wieder aufzurollen. Neulich habe ein Kommissar bei ihm im Wohnzimmer gesessen, berichtet Harry Waibel. Der Fall Diogo ist ein Erfolg für ihn, vielleicht sein größter.

Foto: dpa/Stephanie Pilick
Stasi-Akten: Arbeitsgrundlage und Geschäftsmodell von Harry Waibel.

Harry Waibel kommt aus Baden-Württemberg, er ist Historiker, nennt sich Coach, Schriftsteller, Antifaschist, war aber auch schon Industriekaufmann, Bundeswehrsoldat, Lehramtsstudent, Taxifahrer. So steht es auf seiner Website. In den Stationen seiner Biografie taucht der „Kampf gegen das geplante Bleiwerk in Marckolsheim (Elsass)“ ebenso auf wie der „Besuch der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Dachau“ und sein Gedichtband mit dem Titel: „Vermischtes gegen den deutschen Herbst. Vorarbeiten zu einer Novelle“.

Harry Waibel hat viel ausprobiert, bis er endlich sein Thema gefunden hat, seine Mission. Die untergegangene DDR, ihre falschen Versprechen, ihre Manipulationen. Das kam so: 1976 habe er in Freiburg „meinen ersten DDR-Neonazi“ getroffen, erzählt er. Arnulf Priem war „aus dem Knast“ vom Westen freigekauft worden und wurde später Nazi-Anführer im Westen, zusammen mit anderen aus der DDR freigekauften Neonazis. Für Waibel, den „Antifaschisten“, war das Schock und Erkenntnis zugleich. Er begriff: Der propagandierte Antifaschismus der DDR ist eine Lüge, der SED-Staat schuld, dass Nazis im Westen Fuß fassten – und nach dem Mauerfall auch wieder im Osten. „Sie wussten ja, wo es da langgeht, sie hatten ja Ortskenntnis.“

Als ich angefangen habe zu forschen, habe ich gemerkt, das ist Hot Stuff, das Einzige, was ich machen muss, ist dokumentieren.

Harry Waibel

Nach der Wiedervereinigung ging er in DDR-Archive, suchte nach Beweisen für seine Theorie und glaubte, sie zu finden: Angriffe von DDR-Jugendlichen auf Ausländer, Nazirufe bei Fußballspielen, Hakenkreuze auf Schulbänken, Schändung von Gräbern auf Jüdischen Friedhöfen. Laut DDR-Verfassung war die „Bekundung von Glaubens-, Rassen- und Völkerhass“ ein „Verbrechen“, das strafrechtlich verfolgt wurde. Vor allem aber wurde jeder einzelne Vorfall penibel in die Akten geschrieben. Harry Waibel sagt: „Als ich angefangen habe zu forschen, habe ich gemerkt, das ist Hot Stuff, das Einzige, was ich machen muss, ist dokumentieren. Ich lasse einfach die Stasi sprechen.“

1994 bewarb er sich bei dem Geschichtsprofessor Wolfgang Benz zur Promotion an der Technischen Universität Berlin. Waibel war bereits Mitte 40, hatte keine wissenschaftlichen Erfahrungen, aber die Konkurrenz war nicht groß und das Thema neu. „Mir war klar, dass es Rechtsextremismus in der DDR gab, aber keine Forschungen dazu“, sagt sein Doktorvater.

Wolfgang Benz, 79, einer der bekanntesten Historiker Deutschlands, sitzt in seinem ehemaligen Büro im Zentrum für Antisemitismusforschung am Ernst-Reuter-Platz und erinnert sich. „Harmlos, nett und fleißig“ sei er gewesen, der Herr Waibel, seine Dissertation leider nur Durchschnitt. „Reine Faktensammlerei, keine Interpretation, kein wissenschaftlicher Fortschritt.“ Benz weiß nicht mehr, welche Note er ihm gab, aber dass er von einer Buchveröffentlichung abriet, das weiß er noch. Ein paar Tage später aber stand Waibel wieder in der Tür, fragte, wie es um eine Habilitation stünde. Der Professor erklärte, dass dazu neue, tiefgründige Leistungen nötig seien, jahrelange Forschung. „Da bin ich dann doch etwas laut geworden“, sagt Benz.

Waibel machte trotzdem weiter, ein kleiner linker Verlag in Köln druckte seine Dissertation, er ging weiter in Archive, listete Beispiele für Rechtsextremismus in der DDR auf: Ein Hakenkreuz in der Toilette einer Hilfsschule in Dolgen, Kreis Güstrow, gehört für ihn ebenso dazu wie ein Treffen von Skinheads in Magdeburg, „die den Geburtstag von A. Hitler feierten“, aber auch die Vergewaltigung einer Schülerin durch einen Mosambikaner vor einer Gaststätte in Guben.

Harry Waibel macht aus dem antifaschistischen Lügenstaat DDR einen faschistischen Lügenstaat DDR. Das eine ist so falsch wie das andere.

Ilko-Sascha Kowalczuk

Für Ilko-Sascha Kowalczuk, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Stasi-Unterlagenbehörde, ist Waibel „ein Sammler und Jäger“. Er nehme alles, wo „Neonazi“ draufstehe und entwickle daraus ein neues Gesellschaftsbild. „Er macht aus dem antifaschistischen Lügenstaat DDR einen faschistischen Lügenstaat DDR“, sagt Kowalczuk. „Das eine ist so falsch wie das andere.“

Der Historiker Götz Aly sagt: „Zum halbwegs professionellen Historiker gehört, dass er wenigstens versucht, sich mit einer Gehirnhälfte in die jeweilige Zeit, die jeweiligen Denkweisen und Umstände zu versetzen, mit der anderen Hälfte stellt er Fragen, die immer von heute aus gestellt werden.“ Erst die Mischung aus beidem, so Aly, ermögliche ein gewisses Maß an Einsicht, einigermaßen angemessene Interpretationen der stets lückenhaften Quellen und Urteilsgerechtigkeit.

Harry Waibel, der seit fast 30 Jahren in Archiven sitzt und immer nur zum gleichen Thema forscht, sagt: 70 Prozent des Bestandes der Nationalbibliothek zum DDR-Rechtsextremismus stammten von ihm. Er ist stolz auf seine „Monopolstellung“ und seine Auftritte in der Öffentlichkeit. Im November ein Interview im RBB, im Dezember ein Auftritt in einer ARD-Sendung, im Januar im ZDF. Von Selbstzweifeln keine Spur. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung unterscheidet er einmal zwischen seiner Meinung als Bürger und der als Historiker. Aber meistens purzelt bei ihm alles zusammen. Der Nationalsozialismus, der Stalinismus, das Dritte Reich, die DDR. Die Staatssicherheit nennt er auch „Geheimpolizei“. Eine Polizeibefragung ist für ihn ein „Verhör“.

In den Akten zum Fall Diogo gibt es keinen Hinweis auf einen Mord. Harry Waibel beharrt trotzdem auf seiner Version. 

Er wirkt überfordert von seinen eigenen Thesen

Liest man Interviews mit ihm, stellt man fest, dass er mitunter keine Antworten mehr weiß. Er sagt dann nur „Das sehe ich so“ oder wiederholt die Frage. Er wirkt überfordert von seinen eigenen Thesen, aber das hält ihn nicht auf. Im Gegenteil. Harry Waibel prägt die Perspektive, mit der im wiedervereinigten Deutschland auf die DDR und den Osten geschaut wird. Wenn lange Zeit gedacht und geschrieben wurde, dass es im Osten nur Nazis und Stasi-Mitarbeiter gibt, wenn heute zu wenig nach den wahren Ursachen von Rechtsextremismus 30 Jahre danach gesucht wird, dann hat das auch mit ihm und seiner Geschichtspolitik zu tun. Und seinen guten Kontakten zu Journalisten, denen er seinen „Hot Stuff“ verkauft, seine heiße Ware.

Vor ein paar Jahren hat er seine Preise erhöht. Früher nahm er 150 Euro, heute 400. Dafür gibt es von ihm Akten und die Interpretationen gleich dazu.

Und bezahlen Journalisten das?

„Aber sicher“, ruft er.

DDR-Geschichte als Geschäftsmodell. Ist das legal?

Laut Stasi-Unterlagengesetz ist es untersagt, Akten an Dritte weiterzugeben. Erst recht für Geld. „Das ist in jedem Archiv verboten und theoretisch strafbar“, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk. Konsequenzen muss Waibel, der im Vorwort zu seinem Buch „Der gescheiterte Antifaschismus der DDR“ den „Mitarbeiter:innen der ‚Jahn-Behörde‘“ dankt, dennoch nicht fürchten. Auf die Bitte um ein Interview mit Roland Jahn, Chef der Stasi-Unterlagenbehörde (BStU), über den Umgang mit Akten, teilt die Pressesprecherin mit, „spezifische Einzelfälle“ würden nicht bewertet und offizielle Beschwerden lägen ihnen nicht vor. „Insofern können wir uns dazu nicht verhalten.“

Lediglich die Interessen der Opfer rechtfertigen es, das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung begrenzt und befristet auszusetzen – niemals das allgemeine Interesse politischer, historischer und juristischer Aufklärung allein.

Hans Misselwitz, Mitbegründer Pankower Friedenskreis

Als vor 30 Jahren DDR-Bürgerrechtler die Öffnung der Stasi-Archive erkämpften, hatte der Schutz vor Missbrauch der Akten für sie oberste Priorität. Der Mitbegründer des Pankower Friedenskreises, Hans Misselwitz, schrieb vor acht Jahren in einem Artikel für den Freitag: „Lediglich die Interessen der Opfer rechtfertigen es, das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung begrenzt und befristet auszusetzen – niemals das allgemeine Interesse politischer, historischer und juristischer Aufklärung allein.“ Er zitierte Roland Jahn, der damals sagte: „Irgendwann ist auch einmal die Aufarbeitung der Aufarbeitung an der Reihe.“

Aber wann ist irgendwann?

Die mahnenden Bürgerrechtler sind heute kaum noch zu hören, Jahn gibt kein Interview zum Thema. Harry Waibel, der selbst ernannte Opfer-Sprecher, macht sich inzwischen selbst zum Opfer. Sein Doktorvater Wolfgang Benz traute seinen Augen nicht, als Waibel vor ein paar Jahren im Internet behauptete, er sei wegen seiner linken Ansichten aus dem Zentrum für Antisemitismusforschung rausgeworfen worden. Harry Waibel, sagt Benz, sei nie Mitarbeiter gewesen. Und konnte gar nicht rausgeworfen werden.

Wie er darauf komme, was er für Beweise für seine Vorwürfe habe, fragen wir Waibel per Mail. Keine Antwort.

Wolfgang Benz sucht nach Worten, Erklärungen. Gerade hat die Bürgermeisterkandidatin Franziska Giffey ihren Doktortitel zurückgegeben, weil sie in ihrer Dissertation nicht korrekt aus Quellen zitiert hat, und Giffeys Fehler fallen auch auf ihre Doktormutter an der FU zurück. Aber bei Harry Waibel geht es nicht um ungenaue Quellen. Es geht um viel mehr: Akteninterpretation, Thesen, Geschichtsschreibung. Um einen Mann, der sich Historiker und Antifaschist nennt, aber mit den Methoden rechter Populisten arbeitet, Halbwahrheiten und Manipulationen. Ein Donald Trump in der deutsch-deutschen Aufarbeitungswelt.

Wer ihm widerspricht, wird denunziert: Die ostdeutsche Schriftstellerin Daniela Dahn wird von Harry Waibel „prominente Leugnerin“ genannt. Den ostdeutschen Buchautoren Jana Hensel und Wolfgang Engler und der Linkenpolitikerin Katja Kipping wirft Waibel „massives Verschweigen der rechten Bewegung“ vor. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung in seinem Wohnzimmer fragt er plötzlich eine der Interviewerinnen: „Haben Sie DDR-Hintergrund? Wo kommen Sie her?“

„Aus Ost-Berlin.“

„Aha“, ruft er triumphierend, „aus der Hauptstadt der Neonazis!“

Er bedient sich der gleichen ideologischen Mittel wie der untergegangene Staat, den er an den Pranger stellt. Auch das ist Teil seines Systems. Auch damit prägt er die Sicht auf den Osten. Dass er damit durchkommt, hat mit einem Journalismus zu tun, der DDR-Geschichte lieber skandalisiert als sie aufzuarbeiten, aber auch mit den Regeln der Geschichtswissenschaft: So präsent Waibel in der Öffentlichkeit ist, so unbekannt ist er in der Fachwelt, weil er nicht auf Kongressen auftritt, nicht in Fachzeitschriften publiziert, nicht zu verschiedenen Themen forscht. Viele Historiker haben noch nie seinen Namen gehört, es sei denn, sie beschäftigen sich selbst mit dem Thema Antifaschismus und DDR. Wie Annette Leo, Historikerin, Buchautorin, Enkelin eines jüdischen Widerstandskämpfers.

Von Harry Waibel hörte sie das erste Mal vor etwa zehn Jahren, erzählt sie in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg. Sie wurde von der Landeszentrale für politische Bildung in Thüringen gebeten, ein Manuskript von Waibel zu bewerten und riet von einer Veröffentlichung ab. „Es fehlte jegliche Gewichtung, Wertung, Kontext“, sagt sie, Vorfälle unterschiedlicher Wertigkeit seien alle unter dem Label Rechtsextreme zusammengefasst worden. „Ich habe in diesem ganzen Gewirr nicht durchgeblickt und dachte: Das ist für keinen Leser hilfreich.“

Annette Leo hat dann eine Weile nichts mehr von Waibel gehört, bis er vor drei Jahren einen Artikel im Online-Portal Hagalil über den gescheiterten Antifaschismus in der DDR schrieb. Und als einziges Beispiel führte Waibel Rudolf Dörrier an, den langjährigen Leiter der Pankower Bibliotheken, dem der Bezirk seine Ortschronik verdankt, nach dem sogar eine Schule benannt worden war.

Für Waibel gibt es nur schwarz-weiß. Und mit den Fakten nimmt er es auch nicht so genau.

Annette Leo, Historikerin

Harry Waibel hatte in der Stasi-Unterlagenbehörde eine Karteikarte gefunden, aus der hervorging, dass Dörrier 1944/45 im KZ Sachsenhausen Wachmann war. Dass Dörrier mit einer Jüdin verheiratet war, die er schützen wollte, dass er 1945 in Unehren entlassen wurde, dass er selbst in einem Interview von seiner SS-Mitgliedschaft erzählte – das alles, sagt Annette Leo, erwähne Waibel zwar, aber bei der Bewertung des Falles spiele es für ihn keine Rolle.

Geschichte ist kompliziert, kein Hot Stuff. Annette Leo sagt, die Widersprüche hätten wohl nicht in seinen „Striemel“ gepasst. Für Waibel gebe es nur schwarz-weiß. Und mit den Fakten nehme er es auch nicht so genau.

Die Rudolf-Dörrier-Schule wurde im September umbenannt, die Tafel, die an ihn erinnert, abmontiert. Ein Erfolg für Harry Waibel wie der Fall Diogo.

Konfrontiert man den Historiker mit den Recherchen der Berliner Zeitung über den toten Mosambikaner, den Akten, in denen nichts von Mord steht, schwankt er zwischen Angriff und Verteidigung, ruft: „Alle rassistischen Geschehnisse wurden vertuscht in der DDR. Hören Sie doch mal zu!“ Erzählt etwas vom „innermosambikanischen Dialog“ und der „Metaebene“ des Falles. Beruft sich auf andere Akten, berichtet von Skinheads, die auf Vietnamesen einschlugen, von Afrikanern, die aus der Straßenbahn geworfen wurden. Schreckliche Taten, von denen er aber nur weiß, eben weil die Staatssicherheit sie in ihren Akten dokumentiert hat.

Die Stasi war ein bürokratischer Verein, der jede Vertuschung aktenkundig gemacht hätte.

Wolfgang Benz, Historiker

„Die Stasi war ein bürokratischer Verein, der jede Vertuschung aktenkundig gemacht hätte“, sagt Wolfgang Benz. „Selbst wenn jemand beschlossen hätte, irgendwas zu vertuschen, würde sich das in den Akten widerspiegeln“, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk.

Waibel sagt: „Entweder Sie wollen sich damit auseinandersetzen, was ich herausgefunden habe oder Sie lassen es.“ Am Ende des Gespräches hat er sein Weltbild wieder zusammen. „Ich freue mich schon, wenn sie veröffentlichen, wir werden die Diskussion öffentlich fortsetzen“, verkündet er. Aber dann, als seine Mord-These im Bericht der Berliner Zeitung widerlegt wird, ist nichts mehr von ihm zu hören. Auf seiner Wikipedia-Seite taucht der Link zum Artikel kurz auf. Und ist wenige Tage später wieder verschwunden.

Ein paar Wochen später, kurz vorm nächsten Lockdown, sitzt Harry Waibel auf der Bühne eines Mehrgenerationenhauses in Charlottenburg und referiert über Neonazismus und Antisemitismus in der DDR. Das Übliche. Sagt zum Beispiel, dass beim Neonazi-Überfall auf die Zionskirche 1987 die Täter mit einem Clubverbot davon gekommen seien. Er sagt nicht, dass die Anführer beim Überfall auf die Zionskirche aus West-Berlin kamen und Erich Honecker sich persönlich dafür einsetzte, die Ost-Berliner Neonazis härter zu bestrafen als vom Gericht verordnet.

Die Gäste blicken ernst und nicken. Harry Waibel, der Antifaschist, hat wieder ganze Arbeit geleistet.