Passanten sitzen an einem Wasserbecken
Foto: imago images/Marco Bertram

Wenn der Staat DDR kritisiert wird, fühlen sich oft auch die Menschen kritisiert, die in ihm gelebt haben. Das macht Gespräche innerhalb von Familien über ihr Leben in der DDR so schwierig. Viele schweigen bis heute, doch in ihrem Schweigen wächst die Wut. Auf Initiative der Filmemacherinnen Sabine Michel und Dörte Grimm wagen Kinder und Eltern aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen erstmals eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Die Gespräche sind als Buch erschienen, „Die anderen Leben: Generationengespräche Ost“ heißt es. Wir drucken einen gekürzten Auszug, der von einem Gespräch der Lehrerin Annett mit ihrem Vater Klaus-Dieter, einem ehemaligen Major der Staatssicherheit, handelt.

Annett und ihr Mann Dirk haben drei Kinder. Die beiden haben sich Anfang der Neunzigerjahre beim Lehramtsstudium in Annetts Heimatstadt Dresden kennengelernt. Er war damals einer der ersten Studenten aus den alten Bundesländern. Nach einem vierjährigen Aufenthalt in Asien wohnt die Familie jetzt in einem westdeutschen Dorf. Die Jüngste ist jetzt drei Jahre alt. Annett arbeitet mit halber Stundenzahl als Lehrerin. An ihrer westdeutschen Schule ist sie in den 90er-Jahren die erste Ostdeutsche.

Annett ist mit ihrer berufstätigen Mutter und ihrem Stiefvater in Sachsen aufgewachsen. Ihre Mutter arbeitet in der Verwaltung, er als Polizist; beide sind Mitglied der SED. Ihr leiblicher Vater lebt in Berlin und arbeitet im Ministerium für Staatssicherheit. Auch Annetts Mutter beginnt drei Jahre vor dem Mauerfall für die Staatssicherheit zu arbeiten. Nach dem Mauerfall wird sie arbeitslos und alkoholkrank und ist es bis heute.

Die Autorinnen

Sabine Michel, geboren 1971 in Dresden, ging 1990 – mit dem letzten Ost-Abitur – nach Paris und studierte später Filmregie in Potsdam/Babelsberg. Heute arbeitet die Adolf-Grimmepreisträgerin für Kino, Fernsehen und Theater. Bekannt wurde sie durch ihren Dokumentarfilm „Montags in Dresden“.

Dörte Grimm, geboren 1978 in Pritzwalk, studierte Publizistik, Geschichte und Ethnologie in Berlin. Seit 2008 arbeitet sie als Autorin und Filmemacherin. Sie schreibt Kinderbücher, dreht Dokumentarfilme und arbeitet für das Fernsehen.

Der Mauerfall stellt Annetts bisheriges Leben auf den Kopf. Sie wird für kurze Zeit Mitglied der PDS, der Nachfolgepartei der SED. „Mehr aus Trotz, als immer mehr Leute für die schnelle Wiedervereinigung und die D-Mark auf die Straße gingen. Eine kurze Episode. In der DDR wäre ich sicher irgendwann in die SED eingetreten. Ich habe nichts kritisch hinterfragt.“

Annett hat nach anfänglichem Zögern einem Gespräch mit ihrem leiblichen Vater, Klaus-Dieter, zugestimmt. Klaus-Dieter wurde 1951 geboren. Seine Mutter war Weberin und Mitglied der SED, sein Vater arbeitete in drei Schichten in der Wismut, im Uran-Abbau.

Das DDR-System wird in seiner Familie als sozial und gerecht empfunden. Schon während des Abiturs wird Klaus-Dieter Kandidat der SED und studiert anschließend Informationsverarbeitung. Nach dem Studium wird er im Ministerium für Staatssicherheit in der Abwehr Wirtschaftsspionage eingestellt.

Welchen Einfluss hatte die berufliche Entwicklung ihres Vaters damals auf Annett? Ihre Eltern lernen sich auf der EOS kennen und trennen sich kurz nach dem Studium. Da ist Annett zwei Jahre alt. Ihr Vater zieht nach Berlin und leitet dort eine Hauptabteilung. Mit seiner zweiten Ehefrau hat er noch drei Kinder bekommen. Annett hat trotzdem regelmäßig Kontakt mit ihm. „Ich habe ihn damals als in sich ruhenden, sehr selbstbewussten Mann erlebt. Er hat dem Staat DDR vertraut, an das System geglaubt, so wie ich auch. Mängel wurden als etwas in naher Zukunft Abzustellendes benannt.

Über seine und meiner Mutter Tätigkeit bei der Stasi habe ich nicht nachgedacht und es auch nicht hinterfragt. Du lernst, nicht weiter nachzubohren. Nach dem Mauerfall meine Mutter darauf anzusprechen, endete eigentlich immer in einer sehr emotionsgeladenen Situation, weil sie meinte, sie müsse sich verteidigen. Ich wollte sie irgendwann nicht mehr in diese Situation bringen. Die Wende hat beide ins Wanken gebracht. Dann stellst du solche Fragen nicht.“

Politische Ansichten, die irritieren

Annetts Vater wird morgen aus einer Stadt im Osten anreisen. Freut sie sich auf das Gespräch? Klaus-Dieter steht kurz vor der Pensionierung und hat sehr eigene politische Ansichten entwickelt, die Annett stark irritieren. „Von Verschwörungstheorien erzählt er mit einem gewissen Sendungsbewusstsein, Pegida und Putins Politik steht er wohlgesonnen gegenüber. In letzter Zeit denke ich immer öfter, dass unser Leben in der DDR und die Jahre danach doch viel mit unserem Leben heute zu tun haben (…) Das ist ein starker Impuls für mich, dieses Gespräch mit ihm zu führen. Für mich liegt die Zeit in der DDR wie unter Glas.“

Klaus-Dieter hat wirklich pünktlich vor Annetts Tür gestanden. (...) Und nun dieses Gespräch. „Ich war am Schluss vom Dienstgrad her Major und stellvertretender Abteilungsleiter. Dann ist das System implodiert und die Welt brach für mich zusammen, weil das, wofür man gelebt hat, wie man erzogen wurde, woran man auch geglaubt hatte, an die Richtigkeit dieser Gesellschaftsordnung und die Möglichkeit, die Unzulänglichkeiten zu verändern … weg war. (…) Und dann verstehst du, dass alles umsonst war.“

Unsere neue Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit, in der erneut viel Altgewohntes auf dem Prüfstand steht, mit Essays, Analysen, Interviews. Wir wollen Debatten führen und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

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Sabine Rennefanz
Anja Reich

berliner-zeitung.de/zeitenwende

Annett rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. An diesem Punkt scheinen sie schon oft gewesen zu sein. Heute setzt Annett ihre eigene Geschichte dagegen. „Ich hatte damals einen Freund, das war eine recht intensive Beziehung. Der war damals gerade bei der Armee. Neben seiner Kaserne war eine Russenkaserne (…). Da lag ziemliche Anspannung in der Luft. Er wusste um die Berufe meiner Eltern und hat sich aus politischen Gründen von mir getrennt. Damals ging er, als ehemaliges SED-Mitglied, in die DSU, eine rechtskonservative Partei. Das war mein erster persönlicher Crash in der Zeit.“

Klaus-Dieter wirkt überrascht. So viel Offenheit kennt er von seiner Tochter nicht. „Das wusste ich nicht.“ Annett erzählt einfach weiter. „Ja, und dann begann mich sehr schnell zu nerven, dass es nur noch um das Materielle und nicht mehr um das Ideelle ging. Da bin ich PDS-Mitglied geworden. Ich fand Gregor Gysi ganz toll. Später hat sich das dann gelegt, als ich sah, was das alles für alte Leute waren. Dass sich mit den Veränderungen auch eine Weite für den eigenen Horizont auftun könnte, darauf bin ich damals nicht gekommen. “Annett geht für ein Semester in die USA. „Nach dem Jahr in Amerika habe ich mir mehr zugetraut. (…) Ich habe dort gesehen, dass ich mit vielen, auch andersdenkenden Menschen umgehen kann. Dass ich denen etwas zu erzählen habe. Dass die mich mögen können.“

Klaus-Dieter ist schon mit sechzehn in die SED eingetreten und hat erlebt, dass er nun plötzlich nicht nur unter Schülern tonangebend ist, sondern auch Lehrern anscheinend ebenbürtig entgegentreten kann. Das hat sich später noch durch seine berufliche Position verstärkt. Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit sind alle mit Vorsicht begegnet. Auch gegenüber seinen Frauen und seinen Kindern gibt er lange den Ton an. Klaus-Dieter hat sich seine Geschichte gut zurechtgelegt, man spürt, dass er sie bis hierhin oft schon erzählt hat.

Annett fragt zögernd: „Ging das denn in dem Beruf, ein Guter sein?“ Klaus-Dieter wehrt sofort ab. „Wieso? Ich war doch der Gute! Ich habe doch beim MfS für das Gute gekämpft!“ (...)  Anfang 1990 kündigt Klaus-Dieter seinen Dienst beim Ministerium für Staatssicherheit und tritt aus der SED aus, er sieht hier nun keine Zukunft mehr. Nach einer kurzen Anstellung in der Kontrollabteilung im Centrum Warenhaus auf dem Berliner Alexanderplatz wird er Wirtschaftsprüfer in einem Forderungsmanagement.

Klaus-Dieters langjährige Tätigkeit beim MfS interessiert dort niemanden, im Gegenteil: Er hat anscheinend beste Vorausetzungen im neuen gesellschaftlichen System mit seinen beruflichen Erfahrungen aus dem alten. „Wir haben als Ossis einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Wessis: Wir mussten unsere Vergangenheit aktiv überdenken und korrigieren. (…) Die heutige politische Situation bereitet mir große Sorgen. Wie sich die Welt politisch entwickelt und wie die Menschen nichts tun. Deswegen gibt es Pegida.“

Bei dem Wort Pegida schüttelt Annett energisch den Kopf. Statt ihm zu widersprechen, geht sie an einen Punkt in ihrer beider Vergangenheit zurück. „Du hast vorhin gar nicht richtig geantwortet: Was genau hast du gemacht damals in der DDR?“

„Annett, das weißt du doch: Ich war operativer Mitarbeiter im Bereich der Sicherung der Volkswirtschaft, also in der Abwehr gegnerischer Spionagetätigkeiten. Wir haben Patente und Technologien gesichert. Ich war zuständig für den Bereich Landwirtschaft. Das machte man vor allem mit IMs, die in neuralgischen Positionen in den Betrieben tätig waren.“

Annetts Empörung über seine aktuelle Sympathie für Pegida scheint es ihr leichter zu machen, bestimmte bisher vermiedene Themen anzusprechen. (...)  Annett hat vier Halbgeschwister. Drei aus der zweiten Ehe ihres Vaters und eins aus einer anderen Beziehung. Mit der Existenz dieses anderen Halbgeschwisterkindes ist Annett erst vor ein paar Jahren konfrontiert worden. Im Leben ihres Vaters gab es immer Geheimnisse.

Annett fragt weiter: „Und wie war das mit den Inhaftierten, den getrennten Familien, den Ausgewiesenen?“ Fast beschwörend redet Klaus-Dieter nun auf seine Tochter ein. „Ich war dafür verantwortlich, dass keine Entwicklungsergebnisse abgeflossen sind durch Personen, die bestechlich waren. Ich hatte ein sehr selektives Personenumfeld. Mit Kultur oder Dissidentenbewegung hatte ich nichts zu tun.“ Annett schaut ihn an. „Du sagst, es war humanistisch, und das widerspricht dem ja zutiefst.“

Ihr Vater lässt seine Hände laut auf die Tischplatte fallen. „Eben! Das war das Widersprüchliche, womit ich nicht klargekommen bin. Mit den Andersdenkenden, mit den Dissidenten, den Abweichlern, damit war ich in meinem Beruf nicht konfrontiert, ich hab das bestenfalls nur am Rande mitbekommen.“ Annett will nicht nachgeben. „Du hast aber mal gesagt, du wärst gern bei Markus Wolf gewesen!“ Klaus-Dieter wird lauter. „Weil das der eigentliche Geheimdienst war, der Auslandsgeheimdienst. Als Jugendlicher wollte ich eher das Abenteuer.“ (...) Annett hat ihre Strickjacke ausgezogen. „Wenn du all das, was man heute über die DDR weiß, mit Mauertoten, Stasiknästen, getrennten Familien und so weiter, bedenkst, würdest du heute wieder Schild und Schwert dieser Partei sein wollen?“ Diese Frage hat sie noch nie gestellt.

„Ich würde diese Tätigkeit genauso wieder machen, weil ich von der Richtigkeit der sozialistischen Wertewelt überzeugt bin. Was du gerade genannt hast, damit will ich mich nicht identifizieren.“ Annett wirkt fassungslos. „Aber musst du das nicht?“ Klaus-Dieter ist aufgesprungen und läuft hin und her. „Nein, das meiste wusste ich nicht, und als ich es dann zur Wende erfuhr, hat mich das auch aus der Bahn geworfen. Das muss man im Kontext mit der BRD und den anderen Großmächten sehen. Wir waren zwischen zwei Welten, eine extreme Form der Systemauseinandersetzung, und da hat die DDR verloren. Und damit war auch meine Arbeit umsonst.“

Er steht jetzt am Fenster, sieht hinaus. (...) „Heute habe ich mich integriert. (…) Ich kann das aber auch nur, weil ich einen Job habe, und den habe ich nur, wenn ich erfolgreich bin. Wenn ich mein Ergebnis nicht bringe, bin ich weg. Und wenn ich die Klappe aufreiße, bin ich der Stasimann, der abgemahnt wird. Ich fühle mich geduldet.“ Annetts Frage hat er nicht beantwortet. Doch was er von sich erzählt, hat Annett noch nie gehört. Als ein in der DDR „Herrschender“ – und damit Privilegierter – stellt er sich nun als das Gegenteil dar. Sie spürt, dass sie kaum zu ihm durchdringt.

Offenheit war systembedingt nicht machbar

„Ich hätte mir rückblickend gewünscht, ich wäre forscher gewesen, mutiger und frecher. Ich war sehr abgekapselt. Ich hab nicht viel infrage gestellt. (...)  Ich war nie rebellisch.“ Klaus-Dieter hört seiner Tochter zu. In dem Moment, in dem sie persönlicher wird, kann auch er seine Abwehr ablegen. Annett schaut ihren Vater an. „Haben meine Stiefgeschwister hinterfragt und aufbegehrt?“ Klaus-Dieter überlegt. „Nee.“

Kurz ist es wieder still im Raum. Beide scheinen ihren Erinnerungen nachzuhängen. Annett ist aufgestanden und kehrt mit einem Fotoalbum zurück. Auf der ersten Seite lächelt ein vielleicht achtjähriges Mädchen ein bisschen scheu in die Kamera. Es ist Annett. Sie blättert weiter, fragt wie nebenbei: „Wie offen seid ihr in deiner anderen Familie miteinander umgegangen?“ Ihr Vater sucht jetzt Annetts Verständnis. „Offenheit war systembedingt nicht machbar. Das ist wohl eine der Ursachen, warum auch meine zweite Ehe damals auseinandergegangen ist. Im Geheimdienst, egal ob West oder Ost, geht das, was du tust, deinen Partner nichts an.“

Das System war schuld. Wie präsent es in den Erzählungen von Klaus-Dieter ist. (...)  Annett hat weiter im Fotoalbum geblättert. Hört sie, was ihr Vater sagt? Jetzt schaut sie auf. „Und wie siehst du das heute?“ Klaus-Dieter reibt sich die Augen. „Heute erlebe ich das anders und bin anders mit mir im Reinen. Diese Geheimnistuerei ist Gift für eine Beziehung.“ Annett zeigt ihrem Vater ein Foto, auf dem sie vielleicht vierzehn Jahre alt ist. „Das hätte mir auch ganz gut getan. Das hätte mich damals vielleicht zu einem stärkeren und kritischeren Menschen gemacht.“

Aus: Die anderen Leben. Generationsgespräche Ost, Bebra-Verlag, 200 Seiten, 20 Euro

Die Buchpremiere findet am Montag, 31. August im Berliner Pfefferbergtheater, Schönhauder Allee 176,  um 20 Uhr statt. Am 5.9. laufen Lesung und der Film Zonenmädchen um 17 Uhr im Campus der Demokratie, ehemalige Stasi-Zentrale.